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Zum Umgang mit Fußballfans

Diakonisches Werk Potsdam
Fußballfanprojekt Babelsberg 03
Karl – Gruhl - Str. 62
14482 Potsdam

Potsdam, den 27. Mai 2003

Als ich im August 2001 meine Arbeit als Fanbetreuer für die Fans des SV Babelsberg 03 aufnahm, bekam ich gleich im zweiten Auswärtsspiel des SVB in der 2. Bundesliga in Fürth einen Anschauungsunterricht für meine künftigen sozialpädagogischen Arbeitsschwerpunkte.
Nach der Zündung einer zweiten Rauchbombe im Gästefanblock ca. in der Mitte der 2. Halbzeit erschien unversehens eine Abordnung uniformierter Polizisten im Block, um den vermeintlichen Täter herauszuführen.
Es bildete sich sehr schnell eine Gegenfront von Fans, die dies zu verhindern suchten. Schließlich entwickelte sich eine Eigendynamik, die die Polizei veranlasste, mit körperlichem Einsatz unter Zuhilfenahme von Schlagstöcken und Spray die Situation zu „bereinigen“.
Aus der Eingangskatakombe wankte ein Fan heraus, dem Blut aus dem Kopf spritzte, da er im verdeckten Bereich übelst malträtiert wurde. Er entpuppte sich später als ein in Potsdam ansässiger Unternehmer, der mit Kind und Kegel und Mitarbeiter sich mal ein Auswärtsspiel des überraschend in die 2. Liga aufgestiegenen SVB`s live anschauen wollte.
Für ihn und einen seiner Mitarbeiter sollte dieser Tag albtraumhafte Züge annehmen. Nicht nur, dass Strafanzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und Körperverletzung bald seinen Briefkasten zierte; sein Mitarbeiter, der zusehen musste, wie sein Chef in den Katakomben mit dem Schlagstock behandelt wurde und ihm zu Hilfe eilte, bekam dafür postwendend eine Strafanzeige wegen versuchter Gefangenenbefreiung.
Ich wurde hier erstmals mit den Begrifflichkeiten `Deeskalationstechnik` und seiner pervertierten Umsetzung vertraut gemacht und meine Aufgabe bestand per selbstformuliertem Auftrag nun eine Schutzfunktion für die Fans angesichts solcher Dynamiken einzunehmen.
Dabei fiel mir vor allem die Unverhältnismäßigkeit zwischen Anlass (Rauchbombe) und der darauf folgenden Polizeimaßnahmen auf.
Mit zunehmender Zeit konnte ich einen tieferen Einblick in die strukturellen Verhältnisse des Fußballevents bekommen; der hierarchisierende Zuschnitt des Systems Fußball mit seinen nach Kriterien der Mündigkeit und Glaubwürdigkeit gestaffelten Akteure. Die Bedeutung des Fanbetreuers in diesem Kontext wird an einem weiteren Beispiel deutlich.
Das Sportgericht der Regionalliga Nord hat gegen den SV Babelsberg 03 wegen Verstoßes gegen § 14 der Spielordnung.. zur Verbesserung der Sicherheit bei Regionalligaspielen (wohlgemerkt auf des Gegners Platz) im Spiel beim Chemnitzer FC am 02.11.02 eine Geldstrafe von 1.200 € verhängt. Der Verein habe seinen Ordnungsdienstverpflichtungen nicht ausreichend entsprochen; straferschwerend wirkt sich hierbei aus, dass der Fanbetreuer Gregor Voehse durch eine herbeigeführte Täuschung pyrotechnische Gegenstände ins Stadion gebracht habe.
Grundlage dieser Unterstellung ist die Feststellung vom Sicherheitsdienst. Diesem Urteil liegt seitens SVB 03 lediglich eine geforderte Stellungnahme von Manager Oskar Kosche bei, nicht aber die Stellungnahme des Betroffenen, geschweige denn von Entlastungszeugen, die es zweifellose gab.
(SKB Beamte aus Babelsberg und Chemnitz und ein Fan)

Will man das Phänomen Fußball mit dem Fokus auf Stigmatisierungs- und Kriminalisierungsmechanismen, die bei den zumeist jugendlichen Fußballfans in den Stehplatzbereichen zum Tragen kommen, verstehen, muss man zum einen die Sicherheitserfordernisse im Verhältnis zur Entwicklung der Fanszene in den letzten 10 Jahren beleuchten, zum anderen die politischen Motivationen und Interessen der in den Fußball involvierten Verantwortlichen im Hinblick auf eine differenzierte Behandlung von „Störungen des Spielbetriebs.
Betrachtet man Gesellschaft als funktional differenziert, so wie N. Luhmann dies tut und versteht man darunter, dass sie sich aus selbsterhaltenden und reproduzierenden Teilsystemen mit eigenen Operationsweisen zusammensetzt, kann man mit Fug und Recht Fußball als ein System begreifen. Als eigenes System führt er quasi ein Eigenleben mit einer Vertikalstruktur, die das Verhältnis von DFB mit seinen Ausdifferenzierungen bis hin zu den verschiedenen Vereinen genauestens bestimmt; für die Behandlung von Recht/Unrecht hat er eine eigene Gerichtsbarkeit institutionalisiert und im Verhältnis zu anderen Systembereichen hat er Repräsentanten benannt.
Soweit kann man von einem geschlossenen System sprechen. Seine Lebens- bzw. Überlebensfähigkeit hängt allerdings von seiner Kooperation mit anderen Systemen ab. Luhmann nennt dies strukturelle Kopplung und meint in unserem Fall, dass eine enge Verbindung zu Politik, Wirtschaft, Recht und Konsumenten hergestellt werden muss, welches die gleichzeitige Offenheit eines Systems bestimmt.
Die Interferenz der unterschiedlichen Systembereiche im Fußball wiederum eröffnet aber eben nicht nur Chancen sondern birgt auch Gefahren:
Aufgrund seines hohen Produktwerts verschafft sie der Wirtschaft eine große Zugangsattraktivität; dabei höhlt sie die originär agonale Aktivität aus und ersetzt sie durch eine eigene wirtschaftliche Logik (der Gewinnakkumulation)

Die Teilnahme von Massenzuschauern während des Spiels mit den daraus erwachsenen Gefahren von Gewalthandlugen verlangt nach Kooperation mit den Systemen Politik und Recht.
Im durchaus ehrenwerten Verständnis von Sicherheitsbedürfnissen etablieren sich Ordnerschaften, behelfsweise Polizei, Regularien und Ordnungsbestimmungen, die anlassbezogen zum Einsatz kommen. Genau an diesem Punkt aber sitzt die Gefahr: die eigentlich demokratischen Vorstellungen von Rechtsprechung zuwiderlaufende DFB Gerichtsbarkeit (mein Beispiel belegt das Fehlen einer umfassenden Beweisführung und der Unschuldsvermutung) bekommt durch die Interferenz mit Recht und Gesetz ihre pseudodemokratische Legitimität.
Dies führt auf beiden Seiten zu neuen zentrifugalen Bewegungen, die u.a. die ominöse Datei Gewalttäter Sport generiert. Ihr Bestehen ist in der Tat ein exzellentes Beispiel für einen involutionären Prozess, in dem im kriminalpräventiven Interesse z.T. willkürlich Personen als Gewalttäter attribuiert werden können und sich folgerichtig im Fokus des Stadions erhöhter Sanktionsbereitschaft seitens öffentlicher Macht aussetzen müssen.
Angesichts der ausstehenden WM 2006 im eigenen Land schließlich erhält die Kooperation mit dem Systembereich Politik eine qualitativ neue Dimension und wird eine stringente rigide Sicherheitspolitik eher befördern helfen.

Um die Problematik zu begreifen, muss sie an dieser Stelle mit der Fanentwicklung der letzten 10 Jahre ins Verhältnis gesetzt werden.
Dabei stellt sich vor allen Dingen die Frage:
Stehen die im Fußballbereich mobilisierten Sicherheitsmaßnahmen im Verhältnis zu der aktuellen Gefährdungslage?
Die im NKSS (Nationales Konzept Sport und Sicherheit) festgeschriebenen Maßnahmen institutionalisierten gleichermaßen Ordnerstäbe wie Fanprojekte. Als Reaktion auf die in der Vergangenheit und Gegenwart ausgeübten Gewaltszenarien haben eine Verschärfung von Sicherheitssystemen zum Schutz von Spielern, Schiedsrichter und Zuschauer unabdingbar gemacht.
Gewalttätige Hooligans, die das Stadion und sein Umfeld als Plattform für strafbare Handlungen insbesondere gegen Leib und Leben anderer und Sachbeschädigungen benutzen, aber auch diejenigen, die den Stadionaufenthalt ideologisch missbrauchen, in dem sie rassistische und neonazistische Parolen ausrufen, bilden den Anlass, die zu Gebote stehenden Sicherheitsmaßnahmen zur Anwendung zu bringen.
Nun hat sich seit einigen Jahren eine jugendkulturelle Bewegung etabliert, die sich Ultras nennen. Bei allen regionalen Differenzen zeigen sie sich doch bestimmten Werthaltungen selbstverpflichtet:

  • Gewalt wird prinzipiell abgelehnt
  • Sie setzt auf Toleranz und ist antirassistisch
  • Sie ist gesellschaftskritisch
  • Sportpolitisch lehnt sie die zunehmende Kommerzialisierung ab

Das durchschnittliche Bild eines Ultras lässt sich am besten mit: `intelligent`, `elaborierter Sprachcode` und `weltoffen` bezeichnen.
Ein nicht unerheblicher Teil hat eine höhere Schulbildung. Diese Bewegung widerspricht dem landläufigen Vorstellungen vom einfältigen, gewaltorientierten und arbeitslosen jungen Fußballfan.
Eigentlich konnte dem Fußball auf der Grundlage der beschriebenen vergangenen Fanentwicklung nichts besseres passieren, als dass sich eine Gegenbewegung entwickelt, deren Bedeutung im Zuschauerkontext stetig wächst. Aufgrund ihrer betont gesellschaftskritischen Haltung lässt sie sich nur nicht steuern, wie es sich Verantwortliche im DFB-Dunstkreis vermutlich wünschen würden.
In ihrer Außendarstellung lösen sie durch ihre ausgefeilten Choreografien und rechtlich umstrittenen Pyroshows öffentlich eine zwiespältige Haltung aus. Hinter vorgehaltener Hand beklatscht werden sie zunehmend als Gewalttäter diskreditiert und mit Stadionverboten belegt.

Verkannt wird dabei zweierlei:

  • bei dem „Spiel mit dem Feuer“ handelt es sich mehr um jugendgemäße
    Provokation, um eine `Überschreiten-Wollen von Normen`, keinesfalls aber um destruktive Normverletzungen im Sinne von Personen- und Sachbeschädigungen
  • Zum anderen bezieht sich ihre Choreo auf das Fußballspiel oder deren Hintergründe und ist somit als Unterstützungsleistung zu verstehen. Dies ist bei den zuvor erwähnten Formen aggressiven Handelns nicht der Fall

Dabei denke ich, dass sich die Ultra Bewegung nicht zufällig etabliert hat.
Kulturhistorisch haben sich auf vereinseitigte Verhältnisse fast notwendig Gegenbewegungen herausgebildet. Eine funktional differenzierte Gesellschaft bringt gegenüber der Vergangenheit keine Massenbewegungen mehr hervor; insofern erscheint es geradezu typisch, dass im Systembereich Fußball, eine fußballbegeisterte Junggeneration ihre Finger auf die Wunden der DFB- Machtzentrale legt.

Es liegt nun an den Verantwortlichen selber:

  • neue Differenzierungsgrundlagen für die Bestimmung von Fanverhalten zu finden
  • sich mit den von der Generation gestellten Fragen, Meinungen und Ängsten gerade im Hinblick auf die Kommerzialisierungstendenzen im Fußball ernsthaft auseinanderzusetzen
  • alte stereotype Behandlungsszenarien der Fans, die Repressionscharakter haben, aufzugeben

Mit freundlichen Grüßen

Gregor Voehse

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