KOS Typo3
 Home  Texte zur Fanarbeit  Fanarbeit und Polizei  Die Interaktion zwischen Fans und Ordnungsinstanzen 

Die Interaktion zwischen Fans und Ordnungsinstanzen

und ihre langfristigen Auswirkungen

Vortrag bei der Bundeskonferenz der Fanprojekte in Leverkusen, 3. - 5. Mai 2004

Martina Schreiber (1)
Dr. Clifford Stott
Dr. Otto Adang

Zusammenfassung

Neben der Konzentration auf Einzelpersonen (B/C-Fans) muss Gewalt bei Fußballveranstaltungen auch als Gruppenprozess betrachtet werden. Nach sozialpsychologischen Theorien kann ein Konflikt zwischen Gruppen entstehen wenn die soziale Position einer Gruppe unterschiedlich wahrgenommen wird und wenn eine Gruppe die Möglichkeit hat, ihre Vorstellungen gegen den Widerstand der anderen durchzusetzen. Ein Konflikt kann eskalieren, wenn das Verhalten der Außengruppe gegenüber der Zielgruppe wahllos oder willkürlich geschieht und als illegitim und unangemessen wahrgenommen wird. Dies kann eine zuvor heterogene Gruppe durch die gemeinsame Bedrohung enger zusammenschweißen und gegenseitige Unterstützung fördern. Darüber hinaus kann es zu einer Änderung der Werte und Normen einer Gruppe kommen, so dass beispielsweise Gewalt gegenüber der Außengruppe als legitim betrachtet wird. Die Frage der Stadionverbote in Deutschland bietet aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung der beteiligten Parteien eine solche Grundlage für die Eskalation von Konflikten und es muss geprüft werden, wie eine gemeinsame Wahrnehmung der Situation erreicht werden und damit das Risiko für Konflikteskalation verringert werden kann.

Einführung

Gewalt bei Fußballveranstaltungen wird häufig mit der Anwesenheit von bestimmten, meist polizeibekannten Personen (Hooligans, B oder C-Fans) erklärt und Spiele werden im Vorfeld als ungefährlich oder als „Problemspiel“ klassifiziert. Zwar ist uns bewusst, dass es Personen gibt, die aktiv auf die Ausübung von Gewalt aus sind, wir konnten aber darüber hinaus Zusammenhänge identifizieren, die zur Entstehung von Gewalt beitragen können.

So geht die Anzahl der an Ausschreitungen oder gewalttätigen Handlungen beteiligten Personen häufig über die Anzahl bekannter Unruhestifter hinaus. Beispielsweise gab es bei den bei der WM 1998 in Frankreich festgenommenen Engländern zahlreiche Personen, die nie zuvor Polizeiauffällig gewesen waren (Stott, Hutchinson & Drury, 2001). Andererseits wurden beim Qualifikationsspiel Schottland Deutschland 2003 trotz der Anwesenheit von fast 200 deutschen B- und C-Fans keine nennswerten Auseinandersetzungen festgestellt (LKA NRW, 2003). Wie kommt es also, dass sich Personen, die sich als friedlich bezeichnen, aktiv an gewalttätigen Ausschreitungen beteiligen und warum kommt es in anderen Situationen – obwohl bekannte Problemfans anwesend sind – nicht zu Auseinandersetzungen?

Gewalt im Fußballzusammenhang: Ein Gruppenprozess

Neben der Konzentration auf Einzelpersonen, muss das Problem von Gewalt bei Fußballveranstaltungen auch als Gruppenprozess betrachtet werden. Nach dem ESI-Modell (Elaborated Social Identity Model of Crowd Behavior, vgl. Drury & Reicher, 2000; Reicher, 1996; Stott & Drury 1999; Stott & Drury 2000; Stott & Reicher, 1998) sind Massenereignisse als Begegnungen von Gruppen zu verstehen. Das zentrale Konzept ist hier die Soziale Identität. Soziale Identität ist das Bewußtsein, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören und das Wissen um die Werte und Normen dieser Gruppe. Die Identität einer Gruppe resultiert aus ihrer jeweiligen Geschichte, wird aber auch durch die Interaktion mit anderen Gruppen geformt. Das Verhalten einer Gruppe geschieht schließlich in Abhängigkeit von ihrer sozialen Identität. Ein Konflikt zwischen Gruppen kann entstehen wenn

A) die soziale Position einer Gruppe unterschiedlich wahrgenommen wird (lautes Singen in der Straßbahn gilt für Gruppe 1 als harmloses Einstimmen auf ein Fußballspiel, wird von Gruppe 2 möglicherweise als Störung der öffentlichen Ordnung betrachtet.)

B) eine Gruppe die Möglichkeit hat, ihre Vorstellungen gegen den Widerstand der anderen durchzusetzen.

Diese Konflikte können eskalieren, wenn das Verhalten der Außengruppe gegenüber der Zielgruppe undifferenziert geschieht und als illegitim und unangemessen wahrgenommen wird. Dies kann eine zuvor heterogene Gruppe durch die gemeinsame Bedrohung enger zusammenschweißen und gegenseitige Unterstützung fördern. Darüber hinaus kann es zu einer Änderung der Werte und Normen einer Gruppe kommen, so dass beispielsweise Gewalt gegenüber der Außengruppe als legitim betrachtet wird. So ist zu erklären, warum sich Personen, die sich im Grunde als friedfertig verstehen, in gewalttätigen Handlungen engagieren.

Die Aussagen schottischer Fans bei der WM 1998 in Frankreich verdeutlichen diese Zusammenhänge (Stott, Hutchinson & Drury, 2001). Schottische Fans beschrieben sich als ausgelassen und übermütig aber harmlos.

„Scots fans don’t want trouble and never get in trouble.“

Die Normen und Werte der eigenen Gruppe haben sich über die Zeit gebildet, sind aber auch abhängig von anderen Außengruppen. So erklären die Schotten selbst ihre Friedfertigkeit damit, dass sie sich von englischen Fans abgrenzen wollen.

“No one causes trouble at Scottish games anymore ´cause it makes the English look bad. What I am saying is the best way to piss the English off is to behave and have a good laugh with the other fans as well.”

Diese Normen können jedoch – auch widerum in Bezug auf Außengruppen – variieren. Als sich englische Fans unter die Schotten mischten kam es zu Auseinandersetzungen. Gewalt wurde allein durch die Anwesenheit englischer Fans als legitimes Verhalten der eigenen gegenüber der Außengruppe definiert.

“I don’t normally fight over football. I don’t normally fight about anything. I’m not that sort of person that fights. But you shouldn’t have to take that, you know. They were there to wind us up.”

Der unmittelbare Kontext beeinflusst und verändert also die Soziale Identität und damit auch die Werte und Normen nach denen sich eine Gruppe verhält.

Um diese Zusammenhänge besser verstehen zu können, haben wir in den vergangenen 3 Jahren über 40 Spiele in ganz Europa untersucht und konnten diese Art der Interaktionen und die sich daraus entwickelnden Dynamiken bei zahlreichen Begegnungen beobachten (2).Gewalttätige Vorfälle erfolgten jedoch nicht nur zwischen rivalisierenden Fangruppen sondern betrafen auch direkte Auseinandersetzungen zwischen Fans und Ordnungsdiensten oder Polizei:

„Beim Championsleague Spiel zwischen OSC Lille und Manchester United beurteilten die United Fans ihre Gruppe nicht als Risiko, dies wurde auch durch die Bewertung der szenekundigen Beamten vor Ort bestätigt. Dennoch wurde die Begegnung von der Einsatzleitung als Problemspiel eingestuft und etwa 1000 Beamte waren im Einsatz, die meisten in Schutzausrüstung und sichtbar für die Manchester Fans. Dies führte zu Situationen, in denen das Vorgehen der örtlichen Polizei von den Fans als unangemessen (im Einzelnen sogar als gefährlich) wahrgenommen wurde und sogar aufkommende Konflikte beobachtet werden konnten.“ (Stott, Schreiber & Adang, 2003). Das Interaktionsmuster der verschiedenen Gruppen hat also Auswirkungen auf die Höhe der Ausschreitungen und Vorfälle bei einer Fußballveranstaltung und Polizeimaßnahmen sind ein Teil dieser Dynamik.

Die Rolle der Ordnungsinstanzen hinsichtlich der Gestaltung oder des „Managements“ von Gruppenprozessen ist daher von entscheidender Bedeutung, denn durch effektives Vorgehen kann zum einen Gewalt verhindert werden und darüber hinaus ist es möglich, dass Selbstregulationsprozesse innerhalb der Fangruppen einsetzen wenn diese wahrnehmen, dass sie unterstützt werden, dass Maßnahmen zu ihrem Schutz geschehen damit sie ihre legitimen Rechte ausüben können. Werden diese Mechanismen nicht erkannt, kann es dagegen zu einem weiteren Anstieg von Gewalt kommen.

Effekte unterschiedlicher Polizeistile

Die Effekte unterschiedlicher Polizeistile konnten in einer Evaluationsstudie zur Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden gezeigt werden (Adang & Cuvelier, 2001). Bei der Untersuchung der dortigen Polizeimaßnahmen wurden zwei unterschiedliche Vorgehensweisen identifiziert: „high“ und „low profile“ Taktiken.

Kennzeichnend für „high profile“ war zum einen die relativ große Polizeipräsenz (bezogen auf die Anzahl an Fans). In Städten wo nach „high profile“ vorgegangen wurde waren fast doppelt so viele Beamte präsent als in „low profile“ Städten und es wurden mehr Beamte in Schutzausrüstung eingesetzt – im Vergleich zu normalen Streifenbeamten. Unterschiede zeigten sich auch im Verhalten: Es wurde mehr positive Kommunikation zwischen Fans und „low profile“-Beamten beobachtet als zwischen Fans und „high profile“ Beamten.

Auf einer 5 Punkte Skala sind die Beobachter nach verschiedenen Aspekten des Polizeiverhaltens gefragt worden.

Beamte in dieser Stadt

low
profile

high
profile

Waren leicht erreichbar

4.4

3.4

Haben zum Festcharakter beigetragen

4.3

3.2

Zeigten Respekt für andere Kulturen

4.4

3.4

Erkannten schnell Gefahrensituationen

4.1

3.5

Waren gerecht

4.3

3.4

Behandelten Besucher als Gäste

4.5

3.1

Suchten aktiv den Kontakt zu Fans

4.0

3.1

Wechselten zwischen Ansätzen

4.1

3.1

(vgl. Adang & Cuvelier, 2001)

Der Wert von 5 bedeutet „bin völlig einverstanden“ 1= „bin überhaupt nicht einverstanden“. Alle Unterschiede sind hochsignifikant.
Betrachtet man die Anzahl an Ausschreitungen bei dieser EM in Bezug auf die verschiedenen Stile, so zeigt sich, dass der Einsatz von „high profile“ bei Risikospielen keinen erkennbaren Einfluss auf das Gesamtausmaß der Ausschreitungen hatte. Weiter würde man vermuten, dass die Anzahl an Ausschreitungen bei Problemspielen am größten war. Interessanterweise wurden aber die meisten Vorfälle an Orten verzeichnet, die als wenig gefährdet klassifiziert worden waren, wo jedoch „high profile“ Taktiken eingesetzt wurden. (Weitere Analysen haben gezeigt, dass diesen Ausschreitungen kollektive Interventionen gegen Fans unmittelbar vorausgegangen war.)

Der Versuch, dem Problem des „Hooliganismus“ mit starken Einsatzgruppen zu begegnen hat sich also als uneffektiv erwiesen, im schlimmsten Fall sogar als kontraproduktiv.

Die Prozesse die hier zugrunde liegen gehen auf die oben geschilderten Zusammenhänge zurück: Die Kategorisierung von Bedrohungen (sei es als Problemspiel oder die Einteilung von Fans in A,B,C-Kategorien) ist daher problematisch, denn die Gefahr oder Bedrohung der öffentlichen Ordnung ist nicht unveränderlich sondern kann je nach Art der Interaktion der beteiligten Gruppen einen unterschiedlichen Platz auf einem Kontinuum zwischen „gefährlich“ und „ungefährlich“ einnehmen. Entscheidend dafür ist die Ausgewogenheit oder Angemessenheit von Maßnahmen. Wie wir gesehen haben, kann die Wahrnehmung des Verhaltens einer Außengruppe als „unangemessen“ zur Änderung der Werte und Normen einer Gruppe führen.

Die Ausgewogenheit von Maßnahmen

In einer wenig gefährlichen Situation würde ein starker Kräfteeinsatz und massives hartes Vorgehen gegen die Gesamtgruppe als unangemessen gewertet werden und Bedingungen für Gewalteskalation schaffen. Auf der Verhaltensebene sind dann generelle Aggression und die Unterstützung von antisozialem Verhalten zu beobachten.

Gezieltes und differenziertes Vorgehen auf der Basis eines „low profile“ Stils führt dagegen zu Vermeidung von weitergehenden Konflikten und setzt Selbstregulierungsprozesse innerhalb der Gruppe in Gang, die dazu führen, dass die Unruhestifter aktiv ausgegrenzt werden. So kommt es zur Zusammenarbeit von „friedlichen“ Fans und den Beamten oder Ordnungsdiensten

In Szenarien erhöhten Risikos steigt auch die Tendenz, „high profile“ Taktiken einzusetzen. Prinzipiell stellt dieses Vorgehen kein Problem dar. Erfolgt die Risikoeinschätzung aufgrund fundierter Informationen, ist davon auszugehen, dass stärkerer Kräfteeinsatz bei steigender Sicherheitsbedrohung auch als legitim und angemessen betrachtet wird. Auch hier kommt es zu Verhaltensreaktionen im Hinblick auf Selbstkontrolle, Konfliktvermeidung und Isolation von Unruhestiftern (Stott, Schreiber & Adang, 2003).

Vorschläge für Maßnahmen gegenüber Fußballfans: Die Rolle von Polizei, Vereinen, Fanorganisationen

Wir haben diese Zusammenhänge bei über 40 Spielen in ganz Europa beobachtet. Basierend auf diesen Daten können wir Vorschläge zur Gestaltung von Maßnahmen machen und haben etliche gute Beispiele für eine positive Interaktion von Fans und Polizei identifiziern können (vgl. Stott, Schreiber & Adang, 2003).

Das Vorgehen gegenüber Fußballfans sollte dynamisch und variabel in Bezug auf die tatsächlich vorliegende Problemsituation erfolgen. Interventionen sollten gezielt und differenziert, auf der Basis fundierter Informationen vorgenommen werden. Aber Maßnahmen im Fußballzusammenhang können (und sollten) weit über die Kontrolle von Gewalt hinausgehen, denn die überwiegende Mehrheit von Fußballfans hat keine gewalttätigen Absichten. Die überwiegende Mehrheit ist unterwegs um ein Fußballspiel zu besuchen, ihre Mannschaft zu unterstützen, gemeinschaftliche Erlebnisse zu haben und womöglich Freundschaften mit Gegnerfans zu schließen. Die Rolle der Polizei und auch die Rolle der Vereine, Fanorganisationen und lokale Einrichtungen vor Ort sollte auch darin bestehen, Fans bei der Ausführung dieser Dinge zu unterstützen und eine Plattform für positives Fanverhalten zu schaffen. Entscheidend ist hier die Philosophie, oder der Grundansatz der sich in spezifischen Formen und taktischem Vorgehen wiederspiegelt, beispielsweise in der Frage, ob man Fans als Gäste oder als Sicherheitsrisiko betrachtet, denn es hat sich gezeigt, dass die Gastfreundschaft einen messbaren Einfluss auf das Fanverhalten hat.

Eine ganze Reihe von „Guten Beispielen“ haben wir bei der Spielbeobachtung des Qualifikationsspiels von Deutschland gegen Schottland 2003 in Dortmund sammeln können (3):

Hier konnten intensive Vorbereitungen und Kooperationen aller beteiligten Parteien: Polizeidienste beider Länder, Fanprojekte (Dortmund und Tartan Army), Borussia Dortmund und der Stadt Dortmund festgestellt werden. Es wurde eine Hotline eingerichtet, die mit englisch-sprachigen Mitarbeitern besetzt wurde, die wichtigsten Daten und Informationen wurden auf einem Flugblatt in englischer Sprache zusammengefasst, am Abend vor dem Spiel gab es bei einer Party für deutsche und schottische Fans in einem Freizeitzentrum Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen. Am Spieltag selber fand in der Innenstadt ein Fantreff mit verschiedenen kulturellen Veranstaltungen statt.

Das Vorgehen der Polizei erfolgte auf „low profile“ Niveau, wobei aufkommende Probleme mit Gästefans in Kooperation der Polizei Dortmund mit mitgereisten schottischen Beamten angegangen wurden. Es konnten Selbstkontrollprozesse festgestellt werden, als es beispielsweise in dem Freizeitzentrum zu einer Auseinandersetzung der Schotten untereinander gekommen war. Die Zahl der Festnahmen und Gewahrsamnahmen in Dortmund lag an diesem Tag unter 10 (davon erfolgen nicht alle in Zusammenhang mit dem Spiel).

Der Kommentar eines schottischen Fans spiegelt die Gesamthaltung der zu diesem Spiel befragten Schotten wieder:

nearly flawless - the pretty female officers posed for photos and the male counterparts sat and laughed at the goings on's. Fair bit of easy over time there i think!

The only down side i can think of would be the closing of the u-bahn - and even then that wasnt strictly the police's fault... maybe a bit slow to act there - however thats just looking for perfection.

Cant applaud them enough - credit to the force and a credit to their city.

Die Frage der Stadionverbote vor dem Hintergrund sozialpsychologischer Theorien

Nach einer Umfrage im Sommer 2003 (4)haben Fans den Eindruck, dass sich Polizeimaßnahmen in Deutschland verschärft haben und unterstellen gezieltes Vorgehen im Hinblick auf die kommende Weltmeisterschaft. Ungeachtet der Frage, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind, ist ein zunehmendes Misstrauen von Fußballfans gegenüber den Ordnungsdiensten festzustellen. Dies führte bereits zu einem Gespräch der betroffenen Parteien beim Bundespräsidenten im Januar 2004.

Vor dem Hintergrund des ESI-Modells (s.o.) muss diese Situation kritisch betrachtet werden: Wie wir gesehen haben, stellt die Eliminierung von „Problemfans“ keine ausreichende Lösung des Gewaltproblems im Fußballzusammenhang dar, da sich auch friedliche Personen unter den entsprechenden Bedingungen gewalttätig oder gewaltunterstützend verhalten können, wie es andererseits trotz der Anwesenheit polizeibekannter Personen nicht unbedingt zu Ausschreitungen kommen muss. Darüber hinaus konnten wir feststellen, dass die meisten Unruhen nicht im Stadion, sondern vor oder nach einem Spiel stattfinden.

Die Hauptproblematik in der aktuellen Diskussion um Stadionverbote liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung des Verhaltens der beteiligten Parteien: Fans fühlen sich ungerecht und unfair behandelt. Ein Stadionverbot kann für manche Fans bedeuten, dass sie genau das nicht wahrnehmen können, was einen großen Teil ihres Lebensinhalts darstellt. Die „andere Seite“ führt dagegen an, dass es sich lediglich um die Ausübung des Hausrechts handle, wie es auch Kneipenbesitzern erlaubt sei.

Ein weiterer Aspekt besteht in der Möglichkeit einer Gruppe (hier der Vereine), ihr „Recht“ gegen den Widerstand der andern Gruppe durchzusetzen. Da die Unschuldsvermutung bei der Erteilung von Stadionverboten nicht greift, bestehen für die betreffenden Personen zunächst auch keine Möglichkeiten der Rechtfertigung, Verteidigung oder Richtigstellung, darüber hinaus scheint kein einheitlich differenziertes Vorgehen bei den Vereinen zu bestehen. Das Verfahren wird daher als pauschal oder undifferenziert wahrgenommen. Durch die Verbreitung dieser Vorgänge (vornehmlich über Internetforen und Heimatseiten) innerhalb der Fanszenen ist eine zunehmende Verunsicherung festzustellen und Polizei und Ordnungsdienste werden nicht nur von den betroffenen Personen allein sondern von einer zunehmenden Gruppe von Fans (über Vereinsgrenzen hinaus) mehr und mehr als Gegner betrachtet. Grade vor dem Hintergrund der kommenden Weltmeisterschaft in Deutschland bietet diese Entwicklung Grund zur Besorgnis. Wie bereits geschildert, ist die Rolle der Ordnungsinstanzen – und hier insbesondere die der Vereine – von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung, da sie die Möglichkeit haben, diese Situation aktiv zu gestalten.

Es sollte angestrebt werden, eine gemeinsame Wahrnehmung der beteiligten Gruppen hinsichtlich der Frage der Stadionverbote zu erreichen, so dass entspechendes Vorgehen in diesem Zusammenhang künftig als legitim wahrgenommen wird, Eskalation verhindert und Selbstregulationsprozesse innerhalb der Fangruppen möglich gemacht werden.

Literatur

  • Adang, O.M.J. & Cuvelier, C. (2001) Policing Euro 2000. International police co-operation, information management and police deployment. Felix-Tandem, Ubbergen.
  • Drury, J. & Reicher, S. (2000). Collective action and psychological change: The emergence of new social identities. British Journal of Social Psychology, 39, 579-604.
  • LKA NRW (2003). Jahresbericht Fußball. Saison 2002/2003. download unter: www.lka.nrw.de/sporteinsa/zis-jb-0203.pdf
  • Reicher, S.D. (1996). ‘The Battle of Westminster’: Developing the social identity model of crowd behaviour in order to explain the initiation and development of collective conflict. European Journal of Social Psychology, 26, 115-134.
  • Stott, C. & Drury, J. (1999). The intergroup dynamics of empowerment: A social identity model. In P. Bagguley & J. Hearn (Eds.), Transforming Politics: Power and Resistance (pp. 32-45). London: Macmillan.
  • Stott, C. & Drury, J. (2000). Crowds, context and identity: Dynamic categorization processes in the ‘poll tax riot’. Human Relations, 53, 247-273.
  • Stott, C., Hutchinson, P. & Drury, J. (2001). ‘Hooligans’ abroad? Inter-group dynamics, social identity and participation in collective ‘disorder’ at the 1998 World Cup Finals. British Journal of Social Psychology, 40, 359-384.
  • Stott, C.J. & Reicher, S.D. (1998b). How conflict escalates: The inter-group dynamics of collective football crowd ‘violence’. Sociology, 32, 353-377.
  • Stott, C.J., Schreiber, M. & Adang, O.M.J. (2003). Fanverhalten und Polizeimaßnahmen. Unveröffentlichter Bericht zur Europäischen Studie über die Beziehungen zwischen Fangruppen und Polizei.

  • Fußnoten

1. Kontakt: Martina Schreiber, University of Liverpool, School of Psychology, Eleanor Rathbone Building, Bedford Street South, Liverpool L69 7ZA, m.schreiber@liverpool.ac.uk

2. Dieses Projekt wird vom britischen und niederländischen Innennministerium gefördert.

3. Ähnlich positive Erfahrungen konnte die Dortmunder Polizei auch mit englischen Fans machen, beispielsweise 1997 beim Championsleague Halbfinale zwischen Borussia Dortmund und Manchester United, sowie 2001 beim U.E.F.A. Cup Endspiel zwischen Liverpool und Alaves.
4. Die Befragung wurde auf “Stadionwelt” verlinkt.

© 2009 Koordinationsstelle Fanprojekte | Impressum