Die Ultras - Eine Antwort auf die Modernisierung des Fußballsports?

aus: Ballbesitz ist Diebstahl, Hrsg: BAFF, Werkstatt-Verlag (2004) von Michael Gabriel

Mittlerweile sind sie in aller Munde und prägen vielerorts den support in den Fankurven, obwohl es sie noch nicht mal 10 Jahre gibt. Ganz offensichtlich haben die Ultras einen Generationenwechsel in der deutschen Fanszene eingeläutet. Wie ist es dazu gekommen? Welche Veränderungen im Fußballsport an sich aber auch gesellschaftlich haben dazu beigetragen? Eine Annäherung:

Die 70er und die 80er Jahre waren durch die Fanclubs und ihre damaligen Hauptprotagonisten, die sogenannten „Kuttenfans“ geprägt. Durch die Einführung des Vollprofitums in Deutschland mit dem Start der Bundesliga 1963 verstärkte sich die Trennung von Spieler und Zuschauer in einem immer augenfälligeren Maße. Die neuen „Stars“ auf dem Feld wurden von nun an von den „Fans in den Kurven“ angefeuert und bejubelt(Lindner/Breuer haben schön herausgearbeitet, wie sehr zu Amateurzeiten die Spieler darauf achten mussten, nicht als abgehoben zu gelten. Auch die Zuschauer waren zu diesen Zeiten ein wichtiges Korrektiv gegen das schlecht angesehene Startum. Siehe u.a.: „Der Fußballspieler als Repräsentant der Arbeiterklasse“ in: Fußball: Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart, 1980). Die kuttendominierten Fanclubs und ihre Vorläufer brachten Fahnen, Schals, Gesänge und spezifische Fanrituale in die Kurven und bildeten so den heute noch gültigen Grundstock an fankulturellen Verhaltensweisen heraus, der für Fußballfans so markant ist. In den noch größtenteils zaunfreien Stadien konnte damals die gesamte Kurve regelmäßig in der Halbzeit ihren Platz vom einen hinter das andere Tor verlegen, um dort näher am ersehnten Glücksmoment (Siehe u.a.: „Die Fans aus der Kurve“, Bott/Hartmann, Brandes&Apsel. 1986.) des eigenen Teams zu sein.

In diese Zeit fiel auch die Zunahme von – teils ritualisierten - Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Fangruppen auf die die Polizei mit einer Verschärfung und Ausweitung ihrer Maßnahmen reagierte.

In einer Absatzbewegung von den „laschen Kutten und den Laumännern“ in den Kurven, „die sich alles gefallen lassen“ entwickelten sich in den 80er Jahren die Hooligans bei allen Vereinen des bezahlten Fußballs. Gleichzeitig bewundert und gefürchtet von den eigenen Fanszenen dominierten von nun an die von den Medien so bezeichneten „Fußballverbrecher“ das öffentliche Bild der Fußballfans, obwohl sie nur eine kleine Minderheit in der Fanszene darstellten.

Alle Maßnahmen der Vereine, der Polizei und des DFB orientierten sich ausschließlich an der Eindämmung der gefährlichen Fangewalt. Kaum ein Gedanke zur Unterstützung von Fans wurde verschwendet, alles war fixiert auf die Gewalt der Hooligans. So kamen zwangsläufig auch viele unschuldige Fans in den Genuss der sich immer weiter verfeinernden Polizeimaßnahmen, was vielerorts zu Solidarisierungen mit den eigenen Hools führte. Außerdem ist aus subkultureller Sicht die enge Bande innerhalb der Fanszene zwischen den Hools und dem Rest nicht zu unterschätzen, verband sie doch eine lange, oftmals schmerzhafte Geschichte der Unterstützung des gemeinsamen Lieblingsvereins. Die Hooligans zählten zu den reisefreudigsten Fans und oftmals war der Rest der Szene auswärts froh, „ihre“ Hools dabei zu haben, zogen doch dann sie das Interesse der gewaltbereiten gegnerischen Fanszene auf sich. Heutzutage spielen die Hooligans in der deutschen Fanszene kaum noch eine nennenswerte Rolle. Insbesondere in den ersten beiden Ligen hat sich die Atmosphäre bei den Spielen deutlich verbessert.

Kommerzielle und Sicherheitsinteressen verändern Fanverhalten

Die deutsche Fanszene mit ihren kulturellen Ausprägungen orientierte sich seit ihrer Herausbildung in den 60er Jahren an den großen Vorbildern im Mutterland des Fußballs. Die meisten deutschen Fangesänge waren Übersetzungen englischer Lieder, die ersten Schals für deutsche Fans wurden von Stickereien in England gefertigt und von der Insel importiert und Legende sind die leuchtenden Augen, wenn Fans von der „Kop“, der legendären Stehtribüne in Liverpool, schwärmten. Wenn abertausende fanatische „Reds“ im wahrsten Sinne des Wortes hinter ihrer Mannschaft standen und ihre langanhaltenden Choräle durch die Anfield road hallten, war die Gänsehaut garantiert. Die machtvollen englischen Fankurven waren unbestritten das große Vorbild für die deutschen Fans. Auch von den sich zuerst in England herausbildenden Hooligans wurde bei der Rückkehr in einer Mischung von Distanz, Angst, Respekt und Neid berichtet. Dass dort Fans bereit waren „sich für den Verein zu schlagen“, war nicht nur negativ besetzt, es schwang auch oftmals Bewunderung für den Mut und die Konsequenz der Hools durch die Fan-Berichte.

Für viele Fans war der Besuch eines englischen Ligaspiels der 1. Division der Höhepunkt des bisherigen Fanlebens. So sollte es im eigenen Stadion auch sein, der Gegner kommt mit Respekt und fährt eingeschüchtert und ehrfurchtsvoll nach Hause!

Jedoch klingen die Berichte von der Insel heute ganz anders. Insbesondere diejenigen, die das erste Mal ein Spiel der modernen Premiere League verfolgen und all die Storys über die tollen englischen Fans im Ohr haben, sind bitter enttäuscht. Unglaublich teure Eintrittskarten, ein rigoroser Sitzzwang und eine kaum noch eine nennenswerte Anfeuerung stellen die traurige Realität des englischen Ligaalltags aus Fansicht dar.

Die Gründe für diesen Niedergang der englischen (Vereins)Fankultur sind hauptsächlich in den Einflussnahmen auf das Spiel durch kommerzielle und Sicherheitsgründe zu suchen.

Auf Grund einer Abfolge von Katastrophen rund um Fußballspiele englischer Teams (Heysel, Bradford und Hillsborough) mit sehr vielen Toten verfestigte sich das Bild des gewaltbereiten Fußballfans weltweit. Ohne das sehr realistische Gewaltproblem durch die Hooligans der 80er verharmlosen zu wollen sei hier dennoch erwähnt, dass bei diesen Unglücken kein einziger Fan durch eine direkte Gewaltanwendung eines anderen ums Leben gekommen ist. 1985, zwei Wochen vor Heysel brannte in Bradford eine Holztribüne ab (weil der Verein den Müll unter der Tribüne sammelte und nicht abtransportieren ließ) und 57 Menschen starben, Hunderte konnten sich auf das Spielfeld retten, weil kein Zaun diesen Fluchtweg versperrte. Im Heyselstadion kam es zwei Wochen später zu einer Fluchtbewegung von Zuschauern, die durch Gewalthandlungen englischer Hooligans ausgelöst wurde, in deren Folge 39 Menschen starben, als eine Mauer einbrach und viele der Flüchtenden unter sich begrub. 1989 in Hillsborough starben 96 Menschen, totgedrückt an den nach Heysel verstärkt aufgebauten Zäunen, die sie doch schützen sollten, weil die Polizei „aus Sicherheitsgründen“ immer mehr Fans in einen schon überfüllten Fanblock zwang.

Seither gelten allerorten Fans durch die Bank als gefährlich und dementsprechend einseitig stellten sich lange Zeit auch in Deutschland die Reaktionen von Vereinen und Polizei dar.

Da sich in England in Folge der Katastrophe von Hillsborough die Sichtweise verfestigte, Stehplätze würden die Gewalt auf den Rängen fördern, wurden ab 1992 alle Stehplatzbereiche sukzessive abgebaut. Seit 1995 spielen alle Vereine der 1. und 2. Liga in England in reinen Sitzplatzstadien. In diesen Zeitraum platzten dann zwei wichtige Ereignisse. Sowohl durch das Bosman-Urteil als auch die explodierenden Fernseheinnahmen durch das Privatfernsehen setzte sich eine bis dato nicht vorstellbare Kommerzialisierungsspirale in Gang, deren Folgen für den Fußball als Volkssport noch unabsehbar sind. Die Vereine in England nutzten die Gunst der Stunde der notwendig gewordenen Stadionneubauten und legten sehr viel Wert auf die Einrichtung von VIP-Logen während viele Fans und Jugendliche über den Preis hinausgedrängt wurden. Damit war der Niedergang der englischen Fankultur eingeläutet. Während sich früher all diejenigen, die ihre Mannschaft lautstark anfeuern wollten, – egal wann sie ins Stadion kamen – in der Stehkurve einfinden konnten, müssen heute Freunde, die bei Arsenal oder Chelsea nebeneinander sitzen wollen, sich dies Jahre vorher überlegen. Die Wartefrist für Dauerkarten beträgt bei vielen Vereinen in England mittlerweile mehrere Jahre.

Ganz offensichtlich hat dieser Niedergang der angelsächsischen Fankultur insbesondere bei den jungen, neu in die Kurven stoßenden Fans deutscher Vereine zu einer Umorientierung Richtung Italien beigetragen. Die eindrucksvollen Bilder aus den italienischen Stadien, die über die privaten Sportkanäle nun in die deutschen Wohnzimmer flimmerten, versprachen wesentlich mehr Aufregung und ohne die Übertragungen der privaten Sportsender aus Italien und auch Frankreich sind die deutschen Ultras wahrlich nicht denkbar (Als weiteren Geburtshelfer für die Entstehung der Ultras nennt Daniel Reith die Groundhopper, deren Berichte aus Italien für eine große Faszination in der deutschen Szene sorgten. Vgl.: Daniel Reith: Ultras – eine neue Bewegung in der deutschen Fanszene in: Tom Gehrmann, Fußballrandale, Klartext-Verlag, 3. erweiterte Auflage 1998). Zumal auch lange Zeit auf Grund nicht erworbener Rechte englische Ligaspiele nicht im deutschen Fernsehen gezeigt werden konnten.

Der support in Italien wurde und wird seit mehr als 30 Jahren von den Ultras organisiert. Deren Entstehungsgeschichte war eng mit der Protestbewegung in Italien der späten 60er Jahre verwoben. Daher fanden Ausdrucksformen des Straßenprotestes wie Spruchbanner, Doppelhalter oder Megafone ihren Einzug in die italienischen Fankurven. (vgl. Jürgen Scheidle: Ultra(rechts) in Italien in: Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Stadion. Hg: Gerd Dembowski/Jürgen Scheidle, Papyrossa Verlag, Köln, 2002.)

An den äußerlichen Ausdrucksformen und an dem Anspruch der italienischen Ultras eine geschlossene Fanszene zur bedingungslosen Unterstützung der eigenen Mannschaft zu organisieren, orientieren sich die deutschen Ultras. Politische Interessen spielen so gut wie keine Rolle.

Eine Frage der Sichtbarkeit

Das auffälligste Moment der neuen Ultrabewegung in Deutschland ist sicher ihre ungemeine Sichtbarkeit im Stadion. Zum Repertoire gehören übergroße Fahnen, Doppelhalter, Spruchbanner, pyrotechnische Mittel wie Rauch und Bengalos und ein einheitliches Auftreten in der Kurve. Wenn manchmal die gesamte Kurve, die aus mehreren Tausend Fans und Ultras bestehen kann, in einer gemeinsamen koordinierenden Klatschbewegung den nächsten Sprechchor anstimmt, nötigt das auch den Vereinsbossen in den Logen Respekt ab. Leider ist aber nicht nur dort unbekannt, mit was für einem zeitlichen, logistischen, finanziellen und emotionalen Aufwand die Herstellung und Durchführung beispielsweise einer Choreografie verbunden ist. (siehe auch das Interview hier im Buch)

Oftmals dauert das Procedere mehrere Wochen, man trifft sich regelmäßig unter Autobahnbrücken, mietet Hallen oder Hangars an und das alles für höchstens eine Minute, die eine Choreografie im Stadion sichtbar ist.

Danach sorgen jedoch die modernen Massenkommunikationstechnologien, hier insbesondere das internet für überdauernden Ruhm. Jede Ultragruppe in Deutschland hat eine eigene, meistens hochprofessionell gemachte Seite im Netz. Manche werden im Monat mehr als 1 ½ Millionen mal angeklickt. Die Bilder und Videos, die über diese Seiten abrufbar sind, gepaart mit den Diskussionen in den jeweiligen Foren, sorgen also für den anhaltenden Erfolg oder Misserfolg einer jeden Aktion.

Einen wichtigen Faktor für die Bewertungen von Aktionen stellt der Grad der Unabhängigkeit dar. Unterstützt der Verein die Choreografien, so führt das andernorts oftmals zu Stirnrunzeln, wird damit doch eine zu große Vereinsnähe vorstellbar. Gänzlich verpönt sind jedoch Aktionen, die von Außen (Sponsoren, Firmen, Werbeagenturen etc) unterstützt werden. Coca-Cola und SAT 1 können sich sicher sein, dass ihre Aktion in der Saison 2002/2003, als sie in der Sendung ran die beste Choreografie wählen lassen und dann mit einem Preis versehen wollten, in der gesamten deutschen Ultraszene vehement abgelehnt wurde. Die wenigen Ultragruppen, die sich an dieser Werbekampagne beteiligten, haben seither ein großes Glaubwürdigkeitsdefizit. Woher der Wind seitens Coca Cola und SAT 1 wehte, wurde schließlich deutlich, als sie eine kommerzialisierungskritische Choreografie (Text?) der Bremer Eastside kurzerhand verboten.

Noch auffälliger als Choreografien sind jedoch Aktionen, bei denen pyrotechnische Gegenstände abgebrannt werden. Diese „intros“ zum Einlaufen der Mannschaften stellen so etwas wie die erste Visitenkarte der Ultras am jeweiligen Spieltag dar. Hier kam es schon des öfteren zu Verzögerungen des Anpfiffs der Begegnungen, da die giftigen Rauchschwaden der Rauchentwickler noch durch das Stadion waberten und die Sicht der Akteure behinderten.

Für die Ultras gehören insbesondere die Bengalos unbedingt zum Repertoire ihres Auftritts. (Das Fernsehen, was so gut wie nie über Fußballfans berichtet, verstärkt dieses Interesse. Ob SAT 1, DSF oder ARD – wenn die Kamera mal auf die Kurve schwenkt, dann ist garantiert eine Bengaloshow oder Rauch zu sehen) Jedoch DFB und Polizei sehen das völlig anders, argumentieren mit dem hohen Verletzungsrisiko und haben das Abbrennen von Bengalos unter hohe Strafen gestellt. Das darauf hin feststellbare vermehrte Aufkommen von schwarzem und weißem Rauch in den Stadien könnte somit auch als eine Reaktion auf das hohe Risiko eines bundesweiten Stadionverbots, wenn man beim Abbrennen eines Bengalos erwischt wird, verstanden werden. Das Rauchpulver ist viel leichter ins Stadion zu schmuggeln und nach dem Anbrennen kann man sich relativ leicht vom Ort des Geschehens entfernen. In vielen Gesprächen mit Ultras wird diese Vermutung bestätigt; kaum jemand aus der Szene, dem der Rauch wirklich gefällt.

Natürlich sind die Bengalos nicht aus den Stadien verschwunden. Die Technik des Abbrennens hat sich verändert. Heutzutage werden Bengalos immer seltener bis zum Ausbrennen gehalten, sondern kurz nach Entzünden auf den Boden oder in Richtung Spielfeld geworfen. Somit wird die Gefahr einer Identifikation durch die Überwachungskameras minimiert.

Interessant im Kontext jener starken Sichtbarkeit ist der Zeitpunkt der Etablierung dieser neuen Fankultur. Ökonomisch werden die Fans bzw. die Zuschauer für die Bilanzen der Vereine immer unwichtiger. Seit Jahren verschiebt sich hier die Gewichtung hin zu den TV- und Sponsoren- und Börseneinnahmen. Mit der Ausgliederung der Lizenzspielerabteilungen bei den meisten Vereinen in AG’s forciert sich diese Verschiebung noch stärker. Das hat bei vielen Vereinen einen in der Natur der Sache liegenden Perspektivwechsel zur Folge, der naheliegenderweise auf Kosten der Fans, derjenigen auf den billigen Plätzen im Stadion geht und deren Status im Spiel zunehmend prekär macht. Verstärkend kommt eine in der Öffentlichkeit immer noch weit verbreitete Sichtweise auf Fußballfans hinzu, diese ausschließlich als Sicherheitsproblem wahrzunehmen. Die zunehmende Aussprechung bundesweiter Stadionverbote und die Verfeinerung der polizeilichen Maßnahmen verstärkt das Unbehagen in weiten Teilen der Ultraszenen. Hinzu kommt die in den Fanszenen weitverbreitete Vermutung, der DFB wolle all diejenigen, die auffällig sind, bis zur WM 2006 mit bundesweiten Stadionverboten versehen.

Vor diesem Hintergrund wären all die sichtbaren Momente des Ultra-supports auch als ein Signal, vielleicht als ein Hilferuf zu deuten im Sinne von: „seht her, wir sind auch noch da, dieser Sport gehört auch uns!“ (oder: wir gehören auch dazu??)

Das Selbstverständnis

Mittlerweile gibt es genügend Aussagen deutscher Ultragruppen bezüglich ihres Verständnisses vom Ultra-sein, dass an dieser Stelle nicht auf das auf vielen internet-Seiten veröffentlichte „Ultra-Manifest“ aus Italien eingegangen werden muss. Obwohl die beiden Herzstücke des Ultra-Selbstverständnisses auch dort einen prominenten Platz einnehmen. Dies ist zum einen die Unabhängigkeit vom Verein und zum anderen die unbedingte Präsenz und Aktivität als Ultra, das was oftmals als bedingungslose und fanatische Unterstützung des Vereins bezeichnet wird (siehe auch hier das Interview im Buch aber auch die Selbstzeugnisse im „Phönix aus der Asche“, dem Ultrazine aus Karlsruhe oder dem „Babbedeggel“, dem Ultrazine aus Frankfurt. Die Aussagen dort stehen quasi exemplarisch für alle Ultra-Gruppen in Deutschland).

Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt die Betonung ihres Selbstbewusstseins gegenüber dem Verein, der Polizei und auch der eigenen Szene dar, insbesondere dort, wo die jeweiligen Ultragruppen sich als die größte und wichtigste Fangruppierung etabliert haben wie in Berlin, Hannover, Frankfurt oder Karlsruhe. (offensichtlich haben es die Ultras insbesondere bei Traditionsvereinen mit einer etablierten traditionellen Fanszene schwer, in der Kurve Fuß zu fassen. So fristen die Ultras in Offenbach, Essen oder Schalke im Vergleich eher ein Schattendasein)

Ein kritisches Verhältnis gegenüber dem eigenen Bezugsverein wird allerorten betont. Vielerorts wurden in den 80er und 90er Jahren selbstbewusste Forderungen aus der Fanszene von den Vereinen als vereinsschädigend zurückgewiesen. „Damit setzt ihr den sportlichen Erfolg unserer Mannschaft auf’s Spiel“ war ein von den Vereinsspitzen oftmals gebrauchtes Totschlagsargument, welches aber häufig genug beim großen unkritischen Teil der Fanszene verfing. Die Ultras machen ihre Einstellung zur jeweiligen Vereinsführung deutlich weniger vom sportlichen Erfolg abhängig, sondern in einem wesentlich stärkeren Maße davon, wie der Verein mit ihnen als Fans umgeht.

Diese kritische Distanz zum Verein und ebenso zum sportlichen Erfolg ist allen Ultras eigen. Sie wird auch deutlich am Erscheinungsbild der Anfeuerungen. Wenn früher Zuschauer aus welchen Gründen auch immer zu spät zum Spiel kamen, konnten sie noch außerhalb des Stadions trotzdem anhand der Sprechchöre den Charakter und den Spielstand erhören. Das ist heute kaum noch möglich. Für die Ultras hat, neben dem sportlichen Erfolg der Mannschaft, auch ihre eigene Performance an Bedeutung gewonnen. Sie sehen sich in einem Wettstreit mit den anderen Ultra-Gruppen, wer die beste Show hinlegt (Auch hier spielt das internet dann die zentrale Rolle). Das hat eine Aufmerksamkeitsverschiebung der Fans in der Wahrnehmung was im Stadion wichtig ist zur Folge. Mindestens so oft wie auf‘s Feld wird zur anderen Seite geschaut, was dort geboten wird. Haben sie Spruchbanner? Wie viele Doppelhalter? Haben sie es geschafft Bengalos oder Rauch zu entzünden sind Fragen, die ebenso interessieren, wie der Spielstand. Ganz deutlich wird diese Aufmerksamkeitsverschiebung an der Position, die der Einpeitscher einnimmt. Der support bei den Ultras im Stadion wird durch einen Einpeitscher, der in der Regel ein Megafon benutzt, organisiert und koordiniert (In Italien gibt es in mehreren Kurven sogar schon richtige Mikrofonanlagen, über die der support organisiert wird. Mir bekannt sind bisher Diskussionen aus Frankfurt und Berlin, wo dies ebenso geplant sein soll). Dieser steht, die gesamte Kurve im Blick, mit dem Rücken zum Spielfeld. Von daher kann er dem Spielverlauf gar nicht wirklich folgen, muss er doch die Performance der eigenen Gruppe lenken. Gerade ältere, traditionell orientierte Fans haben mit dieser Aufmerksamkeitsverschiebung große Probleme. Vielerorts, und am stärksten dort, wo sich die Ultras in der Kurve noch nicht endgültig durchgesetzt haben, wird ihnen auch dieses unterstellte mangelnde Interesse am Spiel vom vor Ort noch dominierenden Rest der Fanszene zum Vorwurf gemacht, immer dann, wenn der falsche Schlachtruf zum falschen Zeitpunkt gemessen am Spielverlauf angestimmt wird.

Ganz im Gegensatz zu den traditionellen Teilen der Fanszene kann die Ultra-Szene ohne weiteres als modern charakterisiert werden. Sie stellen insbesondere für die jungen, neu in die Kurven kommenden Fans eine überaus attraktive und zeitgemäße subkulturelle Szene dar. Sehr virulent, energiegeladen und wild. Die Mode orientiert sich am schon bei den Hooligans weit verbreiteten jungen, sportiven Kleidungsstil. Auch die Rolle der Frauen ist wesentlich moderner und zeitgemäßer als bei den Kutten oder Hooligans. Heutzutage ist die Kurve für Fans ein Ort geworden, wo man/frau potentiell eine/n Partner/in kennenlernen kann, was naheliegenderweise – wir haben es hier mit sehr jungen Menschen zu tun – die Anziehungskraft der Kurve erhöht. Auch scheint sich die Fanszene zu entproletisieren. Es macht, bezogen auf den Kleidungsstil und das Verhalten, den Eindruck, als wären große Teile der Ultra-Szene eher der Mittelschicht zuzuordnen und würde sich der Anteil von Arbeitern reduzieren.

Als die Koordinationsstelle Fan-Projekte 2002 eine bundesweite Ultra-Konferenz mit mehr als 150 führenden Ultras in Frankfurt durchführte, war bemerkenswert, wie diszipliniert, die jungen Fans den gesamten Tag über diskutierten. Es wurde während des gesamten Arbeitstages nahezu kein Alkohol konsumiert und nach Beendigung der Konferenz war der Tagungsort derart aufgeräumt, dass die Putzkolonne unverrichteter Dinge wieder abziehen konnte.

Gegen den Kommerz – „DFB, DFL, DSF - die neue Achse des Bösen!“ (Transparent der Ultras von Union Berlin auf der bundesweiten Fandemo 2002 in Berlin)

„Wir leisten Widerstand gegen die Konsum- und Kommerzmaschinerie der Vereine, Konzerne und Medien, und scheißen auf deren Doppelmoral und Scheinheiligkeit – einerseits mit uns Fans werben und uns andererseits schikanieren und kriminalisieren! Wir sind gegen die Kaputtmacher der Fankultur, gegen die Kaputtmacher des Fußballs!“(Zitat aus: Phönix aus der Asche Nr. 9, Vorrunde 02/03)

Insbesondere der Einfluss des Fernsehens auf die Spielansetzungen des Fußballs macht den Fans zu schaffen. Die Montagsspiele stellen aus der Perspektive gerade der Fans, die überall hinfahren eine absolute Zumutung dar, bedeutet dies doch in den meisten Fällen die Notwendigkeit auf der Arbeit Urlaub einzureichen. Der Unmut in den Szenen wuchs als die Spieltermine oftmals gerade mit zwei Wochen Vorlauf festgelegt und dann teilweise noch mal verschoben wurden. Als die Spielansetzungen der Bundes- und der 2. Liga sich von Freitag bis Montag hinzogen und die Zumutungen für die Fans ständig größer wurden, gründete sich, den Protest aller Fangruppen sammelnd, die bundesweite Fanbewegung „Pro 15.30“ (kürzlich umbenannt in „Pro Fans“). Deren erstes Hauptziel wurde vor kurzem erreicht seit die Bundesliga nur noch Samstag und Sonntag spielt. Ob wegen der Proteste der Fans oder aus eigenen Vermarktungsinteressen sei in diesem Fall dahingestellt. Neben diesen sehr offensichtlich in den Fanalltag eingreifenden Veränderungen innerhalb des Fußballs gibt es noch viele Neuerungen mehr, die auf Seiten der Fans für großen Unmut sorgen. Die Art und Weise wie vielerorts das Spiel präsentiert wird, stößt zunehmend auf harsche Kritik. Animateure statt Stadionsprecher, Cheerleadergruppen und eine oftmals unsägliche Musikbeschallung sind die deutlichsten Adressaten der Fankritik bei der Entwicklung des Fußballs zum reinen Showprodukt.

Auffällig war jedoch die schnelle Erweiterung der Themenpalette von Pro Fans. Die führenden Köpfe waren offensichtlich gezwungen, anzuerkennen, dass der Unmut der Szenen sich nicht nur aus der kommerziellen Entwicklung des Fußballs erklären lässt. Zwar spielt die daraus erfahrene Entwertung als Fans eine große Rolle für das Unbehagen, aber in mindestens gleichem Umfang trägt auch der vielerorts kritisierte Umgang der Sicherheitsorgane zu diesem Gefühl bei. (siehe den Artikel „Chaoten und Wahnsinnige“ hier im Buch.)

Die Ultras waren von Anfang an sehr stark in der bundesweiten Fanbewegung vertreten. Einen Höhepunkt der vielfältigen Protestkundgebungen stellte mit Sicherheit die bundesweite Demonstration im Mai 2002 zum Erhalt der Fankultur dar. Zu der haben Pro Fans, fast alle Ultragruppen Deutschlands aber auch BAFF aufgerufen. Organisiert wurde sie fast ausschließlich von Ultras, in erster Linie von den Berliner Harlekins. Der bunte, lautstarke und friedliche Verlauf dieser mit ca. 2500 TeilnehmerInnen sehr erfolgreichen Protestkundgebung machte noch einmal das Bedürfnis der meisten Ultras deutlich, von den sog. Fußballgewaltigen ernstgenommen zu werden. Es ist noch nur eine kleine Minderheit, die sich gänzlich abgewendet hat. Zu befürchten steht, dass diese größer wird, sollte sich im Umgang mit den Fans nicht bald etwas grundlegend ändern. Gerade im Hinblick auf die WM 2006 in Deutschland sind die Befürchtungen der zumeist sehr jungen Fans, von ihrem Spiel ausgeschlossen zu werden, nicht zu unterschätzen.

An diesem Punkt kommt auch das Thema Gewalt ins Spiel, dass in manchen Szenen an Attraktivität zu gewinnen beginnt. Schon sehr frühzeitig haben die Fan-Projekte, deren Hauptzielgruppe die Ultras sind, auf die Gefahren hingewiesen, sollten die Ultras weiterhin ausschließlich als Sicherheitsproblem behandelt werden. Dann könnte eine Tendenz in Gang gesetzt werden, die es den gewaltorientierten Gruppen in den jeweiligen Ultraszenen erlaubt, die Meinungsführerschaft zu übernehmen. Jetzt schon zu beobachten ist eine deutliche – von beiden Seiten gepflegte - Spannung im Verhältnis zwischen Ultras und Polizei.

Die bundesweite Demonstration, die im Rahmen des Pokalendspiels in Berlin stattfand war die erste dieser Art europaweit. Inspiriert von dieser Erfahrung haben ein Jahr später die italienischen Ultras nachgezogen. Im Mai 2003 zogen 5000 italienische Ultras von 72 verschiedenen Vereinen durch Mailand. Die Themen hier waren die gleichen wie dort. Gegen die Kommerzialisierung und gegen die Repression – für den Erhalt der Fankultur.

Auch in Frankreich gab es im vergangenen Jahr zum ersten Mal eine abgestimmte landesweite Protestaktion der französischen Ultras: „Union contre la répression!“

Zunehmend gerät auch die Berichterstattung der Medien über Fans in das Visier der Ultras und Fans.

Um gegen die diskriminierende Darstellung in den italienischen Medien zu protestieren, die ähnlich wie in hierzulande Fans auf ein Sicherheitsproblem oder eine bunte Hintergrundkulisse reduzieren, wurde die Kampagne „Unser Bildrecht ist unverkäuflich!“ gestartet.

Die Fans/Ultras haben den Sendern in einer symbolischen Erklärung die Verwendung von Bildern aus der Kurve untersagt. Im letzten Absatz des Aufrufs heißt es: „Und für diejenigen, die sich bewusst sind, nicht nur der schlichte Rahmen einer Sportveranstaltung zu sein, sondern sich als Protagonisten des Spektakels verstehen (mit unseren Choreografien, mit unserem Feuer und unserer Leidenschaft) geben wir der Fußball-Liga, den Verbänden und Fernsehsendern unsere ABLEHNUNG klipp und klar bekannt, im Laufe der Spielzeit 02/03 in jede Form der Verwertung der uns betreffenden Bilder einzuwilligen!“

Die Ultrabewegung in Deutschland ist noch recht jung, sie ist noch keine 10 Jahre alt. Für diese kurze Zeitspanne hat sie jedoch schon einiges erreicht. Sie hat einen Generationswechsel in den Fankurven eingeleitet, der mancherorts schon vollzogen scheint. Einen Generationswechsel, der sich verglichen mit demjenigen von den Kutten zu den Hools sehr schnell und unproblematisch vollzogen hat. Darüber hinaus hat sich mit dem Einzug der Ultrakultur in die Kurven offensichtlich die Art der Anfeuerung verändert. Losgelöst vom sportlichen Anlass präsentieren die Ultras eine eigene Show, die möglichst laut, möglichst offensichtlich und möglichst andauernd ist. Der Anspruch Anfeuerung von der ersten bis zur letzten Minute und die Konkurrenz zu den anderen Ultragruppen, setzt die Szenen unter einen ganz schön hohen „Erfolgsdruck“. Für die meisten jungen Fans, die am Beginn ihrer Fankarriere stehen, stellen die Ultras das mit Abstand attraktivst Angebot in der Kurve dar. Insbesondere junge Fans finden hier einen Raum, der viel Platz für Emotionen, Bewegung und Wildheit lässt und sich aus der Perspektive von Jugendlichen wohltuend vom durchreglementierten Alltag abhebt. Diese Form der Fankultur, die ihre Kritik am System Fußball deutlich formuliert, beißt sich auch deutlich mit dem immer stärker von Marketingagenturen durchorganisierten Event Fußball. Hier sind Reibungen vorprogrammiert, die in Anbetracht der wirtschaftlichen Interessen und des Kräfteverhältnisses nichts Gutes für die Ultrabewegung verspricht.

Auffällig, und vielleicht ein Treppenwitz, ist die zeitliche Parallele zur Modernisierung der Stadien hin zu multifunktionalen Arenen, eine ebenfalls noch recht junge Entwicklung. Es stellt sich die Frage, ob das Aufkommen der Ultras gewissermaßen das moderne jugendkulturelle Pendant zum Aufkommen der Arenen darstellt, oder ob die Ultras, womöglich als ein letzter Widerstandsversuch gegen die Modernisierung – viele sagen auch den Ausverkauf – des Fußballsports verstanden werden sollen?

Michael Gabriel