Zum Stand der Arbeit der Fan-Projekte

ist erschienen in: Streetwork und mobile Jugendarbeit in Europa. Europäische Streetwork- Explorationsstudie, November 1997 (Thomas Schneider)

1. Konzeptionelle Ansätze und Stand der Praxis

1.1 Selbstverständnis

Fan-Projekte sind Einrichtungen der außerschulischen Jugendarbeit. Sie verstehen sich selbst als weitgehend unabhängige "Drehpunkteinrichtungen" zwischen jugendlichen und erwachsenen Erfahrungsebenen, zwischen den Bedürfnissen der kulturellen Lebenswelten und den Markt- und Verwaltungsmechanismen des organisierten Profifußballs. Neben jugendpädagogischen Ansätzen werden gleichrangig Anteile von Institutionen- und Öffentlichkeitsarbeit als spezifische Aufgabe angesehen. Hiermit wird insbesondere dem Umstand Rechnung getragen, daß die öffentlichen und institutionellen Reaktionen auf (auffälliges) Fanverhalten die Entwicklung dieser Jugendszene nicht unwesentlich beeinflussen .

1.1.1 Ziele

" Fanprojekte sollen pädagogische Ziele verfolgen, die dem `sozialen Selbstanspruch unserer Gesellschaft´ (Achter Jugendbericht, Seite 75) entsprechen und im Kontrast zum Leistungs- und Konkurrenzprinzip des Marktes stehen.
Ziel der Fanprojekte ist es, die Fähigkeiten der Jugendlichen zur Bewältigung ihrer altersgemäßen Entwicklungsaufgaben zu fördern, Lernprozesse der Fans und ihrer Gruppierungen vielseitig anregend herauszufordern und die Jugendlichen in belastenden Lebenslagen und krisenhaften Situationen zu unterstützen.
Fanprojekte beziehen das Umfeld der Jugendlichen in ihre jugendpädagogische Zielsetzung ein, da Lernchancen durch äußere Lebenslagen und gesellschaftliche Reaktionen maßgeblich mitbestimmt werden."

1.2 Regionale Schwerpunkte

Schaut man sich die Verteilung der Fan-Projekte auf einer Landkarte an, so fällt ins Auge, daß der überwiegende Teil in der Nordhälfte der Bundesrepublik beheimatet ist. Wenn man darüber hinaus die Haushaltsvolumen und den Personalbestand der einzelnen Projekte als Kriterium hinzuzieht, ist die Dominanz des Nordens noch eindrucksvoller.

Die ältesten Fan-Projekte lassen sich gleichfalls im Norden finden. Hannover feiert am 10. April 1995 sein 10-jähriges Bestehen, Bremen und Hamburg arbeiten seit 14 bzw. 12 Jahren mit Fußballfans. Das älteste süddeutsche Fan-Projekt besteht in Karlsruhe (seit 1988). Erst in 1989/1990 gründeten sich weitere Fan-Projekte im Süden der Bundesrepublik (Nürnberg, Saarbrücken/Neunkirchen; das Mannheimer Fan-Projekt, 1987-90, sowie das Fan-Projekt Frankfurt/Main I, 1984-87, blieben befristete Maßnahmen).

Die personelle Situation der Fan-Projekte ist ebenso ein Fingerzeig für die Dominanz des Nordens. Arbeiten in den norddeutschen Fan-Projekten fast immer mindestens 2 hauptamtliche PädagogInnen (Bremen; sogar 3 in Hannover, 4-6 in Berlin, 5-7 in Hamburg), so erreicht im Süden lediglich Karlsruhe einen angemessenen Standard (3 Stellen, von denen in der Regel 2 Vollzeitstellen besetzt waren), Nürnberg lief jahrelang mit einer Honorarkraft (etwa halbtags; erst in jüngster Zeit konnte durch das "Nationale Konzept Sport und Sicherheit" ein angemessener Personalausbau durchgeführt werden). Die Arbeit in Frankfurt am Main wurde durch zunächst 2, später 3 hauptamtliche Pädagogen im Fan-Projekt I (1984-87) bzw. zunächst 3, später 2 hauptamtliche Pädagogen im Fan-Projekt II (1990-94) geleistet.

1.3 Stadt - Land Thematik

Sicherlich ist die Fan-Projekt-Arbeit in den eher großstädtischen Regionen verbreiteter und akzeptierter, nicht zuletzt aufgrund der dort augenfälliger auftretenden jugendlichen Fangruppen. Trotzdem hat auch die Fanarbeit in weniger großstädtisch geprägten Regionen mittlerweile Tradition.

Die wohl bekannteste Veröffentlichung zur Fußballfan-Subkultur basierte vorwiegend auf den Erfahrungen des Bielefelder Fanprojekts, welches Ende 1984 in gemeinsamer Trägerschaft von Universität Bielefeld (Fakultät für Pädagogik) und der Sportjugend im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme seine Arbeit aufnahm (vgl. ebenda, Seite 139). Das Fan-Projekt Bielefeld stellte nach dem Auslaufen der AB-Maßnahme seine Arbeit ein, da sich - wie es traurige Gewohnheit in der Geschichte der Fanprojekte ist - keine in die Verantwortung tretende Zuwendungsgeber fand .

Wohl zählt Bielefeld mit über 300.000 Einwohnern nicht gerade zu den Kleinstädten, jedoch gilt die Stadt weithin als provinziell.

Ein Fan-Projekt gab es von 1985-86 auch in Kassel (ca. 190.000 Einwohner), angesiedelt beim kommunalen Jugendamt (ebenfalls ABM, 1 Mitarbeiter). Osnabrück (160.000 Einwohner) beherbergte Mitte der 80er Jahre ebenfalls ein - universitär verortetes - Fan-Projekt, also gleichfalls zur "Blütezeit" der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

In Oldenburg (ca. 140.000 Einwohner), Göttingen (ca. 134.000 Einwohner), Jena (ca. 100.000 Einwohner), Leverkusen (160.000 Einwohner), Mainz (180.000 Einwohner), und Neunkirchen/Saar (52.000 Einwohner, mittlerweile von Einstellung bedroht) gibt es gegenwärtig Fan-Projekte, die teilweise seit mehreren Jahren erfolgreich und anerkannt arbeiten und zum festen Bestandteil der örtlichen sozialen Netzwerke zählen.

Sicherlich ist die Arbeit in diesen Regionen eine andere als die in Hamburg, Berlin oder Frankfurt stattfindende. Zumindest steht sie nicht so im öffentlichen Fokus der Medien- und auch politischen Öffentlichkeit. Jugendprotestbewegungen werden zumeist zuerst in den Metropolen registriert, beobachtet bzw. publik gemacht ("Trendbarometer").

Nichtsdestotrotz erfahren wir von den örtlichen PraktikerInnen immer wieder von Entwicklungen in Jugendszenen, die denen in den Metropolen vergleichbar sind. Die Mobilität der jugendlichen und jungerwachsenen Fußballfanszene erreicht immer wieder erstaunliche Dimensionen, so daß eine Zusammenarbeit auch zwischen groß- und eher kleinstädtischen Fan-Projekten immer wieder geboten ist.

Die Zusammensetzung der Fankurven ist ohnehin eher überregional zu verstehen. Es gibt immer weniger ortsansässige Fanclubs. So sind beispielsweise nur noch vier der mehr als 170 eingetragenen Eintracht Frankfurt-Fanclubs aus dem Stadtgebiet selbst. Die überwiegende Mehrzahl der Fanclubs befinden sich außerhalb der Stadtgrenzen der Bundesligavereine, sind teilweise über das gesamte Bundesgebiet bis hinein in die europäischen Anrainerstaaten verstreut.

Während zu Beginn der 80er Jahre die Fan-Projekte noch überwiegend durch Spieltagbegleitung sowie Besuchen von Fanclub-Sitzungen ihren aufsuchenden Anteil hatte, gestaltete sich die Kontakt- und Beziehungsarbeit ab Mitte der 80er bedeutend schwieriger. Die zunehmende Vereinzelung und die steigende Attraktion informeller Cliquen, die ihren nachhaltigsten Ausdruck im Aufkommen der Hooligan-Gruppen fand, erforderte eine neue Orientierung in der Arbeit der Fan-Projekte.

Kooperationen zwischen örtlichen Fan-Projekten hat es immer schon gegeben, was nicht verwundern kann aufgrund der traditionellen Mobilität der jugendlichen Fußballfans. Vor dem Hintergrund der auswärtsreisenden Zielgruppe verstand es sich von selbst, daß Kontakte zwischen den (zunächst ja noch sehr wenigen) Fan-Projekten geknüpft und eine Zusammenarbeit angestrebt wurde. Aus diesen zu Beginn noch sehr losen Kontakten erwuchsen rasch weiterreichende Arbeitsbeziehungen, wie sie im späteren Text noch näher erörtert werden.

1.4 Konzeptionen, Methoden

Die Fan-Projekte ordnen sich ein in die noch junge Geschichte der aufsuchenden Jugend- und Sozialarbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Der überwiegende Teil der Tätigkeiten findet an den Plätzen und Orten statt, an denen sich die Jugendlichen und Jungerwachsenen aufhalten (Stadien, Bahnhöfe, öffentliche Plätze, Kneipen, in Bussen, Zugabteilen etc.).

Daraus ergibt sich die sogenannte Spielbegleitung (Heim- und Auswärtsspiele) als primäre Ausgangssituation der Kontaktaufnahme und Kontaktintensivierung zwischen Fan-Projekt-MitarbeiterInnen und Fans. Diese zielgruppenorientierte Jugend- und Sozialarbeit wendet sich dabei an alle Ausdifferenzierungen der Fan-Szene (Kutten, Hooligans, Skinheads, "Stinos"), so daß eine Ausgrenzung von Jugendlichen weder vorgenommen noch intendiert wird.

Die konkreten Tätigkeiten der Fan-Projekte lassen sich grob in folgende zwei Bereiche unterscheiden:

  • Arbeit mit Jugendlichen
    sowie
  • Öffentlichkeits- und Institutionenarbeit.

In ihrer Arbeit suchen die FanpädagogInnen die Nähe der Jugendlichen, lassen sich auf deren Alltagswelt ein und bemühen sich um ein Verstehen der sich rasch wandelnden Szene.
Die wichtigsten Schwerpunktbereiche dabei sind:

  • Hilfen zur Stabilisierung der Fan-Cliquen und Clubs und der regionalen Fan-Gemeinde durch Begleitung und Teilnahme an Gruppenprozessen;
  • Förderung und Stützung von Eigeninitiativen und Selbstverantwortung von Fans;
  • Angebote von Freizeitangeboten nicht kommerzieller Art;
  • ganzheitliche Einzelberatungen;
  • Hilfen in Notsituationen.

Die Öffentlichkeits- und Institutionenarbeit der Fan-Projekte bietet vor allem Information, Verständigung und Vermittlung und wendet sich an Profivereine, Sportverbände, Polizei, Medien, Jugendämter, Bildungseinrichtungen (Schulen, Universitäten etc.) und interessierte Öffentlichkeit. Sie bezieht sich schwerpunktmäßig auf folgende Tätigkeiten:

  • als vermittelnde Instanz in brisanten Konfliktsituationen und akuten Einzelfällen sowie
  • einer situationsübergreifenden, langfristigen Vermittlungsarbeit.

2. Zur Geschichte der Arbeit/von Projekten - Entstehung und Hintergründe

Fan-Projekte blicken inzwischen auf eine wechselhafte, fast fünfzehnjährige Geschichte zurück . Augenblicklich arbeiten in der Bundesrepublik Deutschland Fan-Projekte mit unterschiedlichen Trägerkonstruktionen in Berlin, Bochum, Bremen, Dortmund, Frankfurt , Göttingen, Hamburg, Mainz, Duisburg, Jena, Düsseldorf, Hannover, Homburg/Neunkirchen, Karlsruhe, Leipzig, Magdeburg, Gelsenkirchen, Leverkusen, Nürnberg und Oldenburg. Die personelle Ausstattung der Projekte ist dabei nur in wenigen Städten zufriedenstellend und schwankt in den einzelnen Einrichtungen zwischen Honorarstellen und ABM-Arbeitsplätzen bis hin zu einigen festangestellten Beschäftigten.

Nach wie vor kämpfen viele Projekte um ihre grundsätzliche institutionelle Absicherung. Unliebsame Begleiterscheinung in der Geschichte der Fan-Projekte ist es nämlich, daß eine kontinuierliche Jugendarbeit allzu häufig eingestellt werden muß, wenn sich Kommunen, Vereine und Verbände nicht über einen Zuwendungsschlüssel einigen können.
Besonders traurige Beispiele boten im Frühjahr 1991 Mannheim und im Winter 1992 Gelsenkirchen, als eine sich perspektivisch verstehende Jugendarbeit beendet werden mußte, da die beteiligten Institutionen zwar die geleistete Arbeit würdigten, sich jedoch nicht auf einen praktikablen Finanzierungsschlüssel einigen konnten.

Das ist um so unverständlicher, da sich in den gleichen Zeiträumen die Ausweitungen von repressiven Maßnahmen nahezu problemlos vollzogen. Kostenintensive, bauliche Veränderungen der Stadien - immer mit dem Argument einer Verbesserung der Sicherheitsstandards versehen - z. B. die "Verkäfigung" insbesondere der Fan-Blöcke sind da genauso zu nennen, wie der personalintensive, sich ausweitende Einsatz von Schutz- und Zivilpolizeibeamten bis hin zum permanenten Rückgriff auf den Bundesgrenzschutz, als auch die Ausweitung und Intensivierung der technischen Sicherheitsstandards.

Gerade durch die Bewerbung des DFB um die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaften 2006 in der Bundesrepublik erhält die Modernisierungs- und Umwandlungspolitik neuen Schub: Die Bestimmungen des Weltfußballverbandes F.I.F.A. sehen die Austragung aller WM-Spiele in reinen Sitzplatzarenen vor, so daß bis zum Jahre 2006 ein gutes Dutzend Sitzplatzarenen vorzuweisen sind. Gegenwärtig gibt es mit dem Berliner Olympiastadion gerade ein Stadion, das diesen Bestimmungen entspricht.

Daß Sitzplätze die Sicherheit in den Stadien erhöhen, wie es im "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" behauptet wird , erscheint nach den letzten Ereignissen völlig unrealistisch (die Bilder vom abgebrochenen Freundschaftsländerspiel Irland - England, Februar 1995 in Dublin, belegen die Gefährlichkeit der Sitzschalen, welche als Wurfgeschosse verwandt wurden; ähnliches trug sich u.a. in Saragossa zu).
Es ist keine neue Erkenntnis, jedoch dürften auch im Fußballbereich die Finanzmittel eher in bauliche oder repressive Maßnahmen denn in praktisch-pädagogische Arbeit fließen.

Seit wann gibt es Projekte ?

Als erste bundesdeutsche Kommune finanzierte München bereits gegen Ende der 70er Jahre die Betreuung der Fußballfans. Geleistet wurde diese Betreuung durch die Streetworker des kommunalen Jugendamtes.

Die Hessische Sportjugend (hsj, heute: Sportjugend Hessen) veranstaltete in der Saison 1979/80 den ersten Bildungsurlaub für die Fans der Frankfurter Eintracht. Ziel war die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswelt und Identität. Dabei aufgeworfene Fragen und gemachte Erfahrungen führten zur Projektkonzeption. Der seinerzeitige Bildungsreferent, Gerold Hartmann, war bezeichnenderweise der Leiter des ersten Frankfurter Fan-Projektes (1984 - 1986, anschließend um ein Jahr verlängert), welches in Trägerschaft der hsj und gefördert aus Bundesmitteln durchgeführt wurde .

Vom ersten bundesdeutschen Fan-Projekt ist jedoch in Bremen die Rede. Entstanden aus einer StudentInnengruppe, die sich dem traditionellen Gesellungsort jugendlicher Fußballfans, der Stehplatzkurve, aus Erkenntnisinteresse näherte, trugen die bremischen ForscherInnen ihre Ansichten und Erkenntnisse recht bald in einen wachsenden Kreis sozialpädagogisch- und -wissenschaftlich-orientierter Projekte hinein.

Diese Fan-Projekte entstanden vornehmlich in der Nordhälfte der Republik. Das mag zum einen daran liegen, daß die Sozialpädagogik/Sozialarbeit von jeher eine Domäne der Sozialdemokratie ist.

Andererseits kann nicht verschwiegen werden, daß Sozialarbeit als eine Arbeit mit Tätergruppen in Norddeutschland notwendig wurde, da es einen konkreten, traurig stimmenden Vorfall gab: Der Bremer Fußballfan Adrian Maleika wurde bei Auseinandersetzungen zwischen Bremer und Hamburger Fußballfans durch einen Steinwurf ums Leben gebracht.

Die hierdurch einsetzende öffentliche Empörung hatte nicht nur ein Treffen zwischen Verantwortlichen der beiden Bundesligavereine Werder Bremen und Hamburger SV und Delegationen der beiden Fanszenen auf einer Autobahnraststätte in Scheeßel, sowie die Einleitung einer ganzen Reihe von sicherheits- und ordnungspolitischen Konsequenzen (fast überall wurden Sonderermittlungsgruppen zur Bekämpfung von Fußballgewalt installiert , die Videoüberwachung in den Fußballstadien wurde ebenso ausgeweitet wie die zunehmende Parzellierung der Stehkurven durch Zäune und Wellenbrecher; die räumliche Trennung unterschiedlicher Fangemeinden wurde stetig ausgebaut und geradezu zum Dogma) zur Folge.

Fußballfans galten plötzlich - und hieran hatte die stigmatisierende, wenig differenzierende Medienberichterstattung gehörigen Anteil - in weiten Teilen der Öffentlichkeit als Asoziale, Säufer und Neonazis. Dies mag auch zum Teil zurückzuführen sein auf die seinerzeit durch (den mittlerweile verstorbenen Neonaziführer) Michael Kühnen ausgerufene Strategie, daß Fußballfans und Skinheads für die (im Herbst 1983 verbotene) Aktionsfront Nationale Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA) zu rekrutieren wären .

Weiterhin waren zu Beginn der 80er Jahre die Stehterrassen insbesondere in den norddeutschen Hafenstädten (Hamburg, Bremen, Lübeck; aber auch in der "Inselmetropole" Berlin) von großen Skinhead-Gruppen bevölkert, die - orientiert am englischen Vorbild - gerade den Fußball als zentrales Freizeitanliegen besetzten . Skinheads galten sehr schnell als Synonym für Gewaltbereitschaft, Neofaschismus, Alkoholkonsum, Ausländerfeindlichkeit und ohrenbetäubenden Krach. An ihrer bloßen Erscheinung störte sich die bürgerliche Öffentlichkeit .

So kam es in 1983 zur Aufnahme der Fanarbeit in Hamburg. Die Hamburger Sportjugend nahm sich des Fußballfanatismus und der Gewaltproblematik im gesellschaftlichen Subsystem Sport an. Wie schon andernorts mußten externe Zuwendungsgeber gefunden werden, die sich im Hamburger Amt für Jugend sowie der Bundesanstalt für Arbeit fanden. Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Ereignisse beteiligten sich darüber hinaus auch der Hamburger Sport-Verein (HSV) und der Hamburger Fußball-Verband (HFV) finanziell und ideell.

Als im Dezember1985 der Türke Ramazan Avci von jugendlichen Skinheads erschlagen wurde, wurde die Fanarbeit in Hamburg durch weitere (Plan-) Stellen ausgebaut und abgesichert, so daß sich im eigens gegründeten Trägerverein der sozialpädagogischen Projekte der Hamburger Sportjugend , dem Verein JUGEND UND SPORT e.V., ein Team von 5 pädagogischen Kräften um die Fans des Hamburger SV bemühte.

Mit der Anmietung und Renovierung einer größeren Anlaufstelle für die HSV-Fans (FAN-Haus, 1987) und der Rückkehr des FC St. Pauli in den Lizenzfußball stiegen die Einflußmöglichkeiten des Fan-Projekts wie auch die Quantität der Zielgruppen kontinuierlich an, so daß sowohl weiteres Personal als auch weitere Räumlichkeiten (St. Pauli-FANLADEN im Stadtteil) notwendig wurden.

Am Beispiel der Hamburger Fanarbeit läßt sich zeigen, wie stark der politische Rückhalt einer zeitgemäßen aufsuchenden, lebenswelt- und zielgruppenorientierten Sozialarbeit mitunter mit tragischen Ereignissen korreliert, weshalb akzeptable und perspektivisch angelegte Arbeitsbedingungen geschaffen werden, ohne in "ruhigeren Zeiten", also in Zeiten "erfolgreicher" (gewaltmindernder) Sozialarbeit, sogleich ein Problem als erfolgreich therapiert und kuriert zu beurteilen und die Mittel einzustellen.

Für eine Vielzahl der in den 80er Jahren eingerichteten Fanprojekte läßt sich die Hamburger Entwicklung jedoch nicht als modellhaft voraussetzen.
Die Fanprojekte in Osnabrück (1986-87), Berlin (1984-87), Kassel (1986-87), Bielefeld (1985-86), Mannheim (1987-91), Stuttgart (nur wenige Monate Ende der 80er Jahre), Gelsenkirchen (1990-92) wurden eingestellt, da sich in der Regel nach Auslaufen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder der Projektförderung aus Bundesmittel (Frankfurt und Berlin) keine Anschlußfinanzierung sicherstellen ließ.

Das Fan-Projekt Hannover (eingerichtet 1985) entstand - durchaus analog dem Bremer Fan-Projekt - auf Initiative des Sportinstituts der Universität Hannover, wo den beiden ABM-Kräften auch ein Büroraum zur Verfügung gestellt wurde. Recht bald gelang die Integration in den kommunalen Jugendhilfebereich (Dienstsicht beim kommunalen Jugendamt, enge Zusammenarbeit mit den StreetworkerInnen der Abteilung Jugendschutz), wenngleich die Absicherung des hannoverschen Fan-Projekts nach wie vor mit befristeten Projektmitteln (abgewickelt über den Träger, den Verein für Freizeitpädagogik e.V. ) als unsicher im Vergleich zum kommunalen Jugendschutz anzusehen ist.

Im Süden der Bundesrepublik gab und gibt es wenig Chancen zur Einrichtung von sozialpädagogischen Fan-Projekten. Dieses krasse Nord-Süd-Gefälle gilt es uneingeschränkt bis Mitte der 90er Jahre festzuhalten .

Insgesamt bleibt festzuhalten, daß die deutschen Fan-Projekte entweder aus erkenntnistheoretischen Motiven im Umfeld universitärer Einrichtungen, jeweils besonders gefördert bzw. begleitet durch in jugendsubkultureller Hinsicht interessierte Wissenschaftler (u.a. Pilz, Silberstein, Göbbel, Heitmeyer, Lessing, Liebel, Becker), oder aber unter jugendpolitischem Handlungsdruck vor dem Hintergrund gewalttätiger Ereignisse entstanden.

Interessant dürfte dabei sein, daß die Initiatoren der ersten Fan-Projekte in aller Regel heute noch unter den geneigten Aktivisten anzufinden sind. Nicht selten sind diese Personen heute in anderer Funktion (ehrenamtliche Vorstände, Beiratsmitglieder o.ä.m.) weiterhin in ihrem örtlichen Fan-Projekt engagiert.

Die relative Häufigkeit der Beteiligung der örtlichen Sportjugenden läßt sich sicherlich damit erklären, daß sehr häufig die späteren PraktikerInnen der Fan-Projekte aus dem Dunstkreis jugend- und sozialpolitisch engagierter SportlehrerInnen bzw. Sportjugendfunktionäre/-mitglieder und der verbandlichen Jugendbildungsarbeit stammen.

3. Profile der Arbeit / Projekte

3.1 Tätigkeitsbereiche der Fan-Projekte

Die mit einer Evaluation sozialpädagogisch orientierter Fan-Projektarbeit betraute Studiengruppe des Hamburger "Institut für Jugendkulturforschung" formulierte im wesentlichen vier Bereiche der sozialen Arbeit mit Fans:

1. Helfende und beratende Tätigkeiten
Sie beinhalten Beistand für Jugendliche in Konflikt- und Notsituationen und die Bewahrung der Jugendlichen vor ernsten Schädigungen (z. B. gesundheitlicher und strafrechtlicher Art).

2. Kulturelle Animation
Hierbei geht es um Anregungen zur Auseinandersetzung mit Wertfragen und mit kulturellen Symbolen bei den Jugendlichen und im Umfeld des Profifußballs inklusive einschlägiger Medien. Maßnahmen reichen hier vom Fußballturnier über Bildungsreisen bis zu Podiumsdiskussionen etc.

3. Öffentlichkeitsarbeit
MitarbeiterInnen werden als Vermittler zwischen Fans und den relevanten Institutionen sowie der Öffentlichkeit tätig. Sie versuchen aus ihrer Kenntnis der Jugendszene, den Aufklärungsbedarf der Öffentlichkeit vor allem hinsichtlich der Verläufe und Entstehung von Randale zu decken und schlagen adäquate Maßnahmen vor.

4. Wissenschaftliche Forschung
Es stellt sich die Aufgabe, die Entwicklung der Fan-Szene und ihres Interaktionsfeldes laufend zu beobachten, die auftretenden Phänomene, insbesondere die Ausdrucksformen von Gewalt, zu interpretieren und umfassende Maßnahmenkataloge zu entwickeln .

Unter diesen abstrakten Kategorien läßt sich die praktische pädagogische und jugendpolitische Arbeit der deutschen Fan-Projekte recht gut subsumieren. Zur stärkeren Veranschaulichung seien jedoch nachfolgend einige Praxisbeispiele aufgeführt.

3.2 Praktische Beispiele für die Arbeit der Fan-Projekte

Aus einer Fülle unterschiedlichster, regional begründeter Projektaktivitäten, seien im folgenden einige Beispiele kurz umrissen.

Beispiel 1: Trauermarsch für Mike Polley in Berlin
Dieses Beispiel zeigt deutlich die Rolle der Fan-Projekte als "Drehpunkteinrichtung" auf. Berliner Jugendliche benutzten ihren Kontakt zum dortigen Fan-Projekt, um in das Gespräch mit den verantwortlichen Vertretern der Polizei zu gelangen, damit ein friedlicher Trauermarsch für den erschossenen Jugendlichen organisiert werden konnte.
Hintergrund des Trauermarsches war, daß bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fußballfans und der Leipziger Polizei am Rande des Spiels Sachsen Leipzig gegen FC Berlin am 3.11.1990, in denen die Polizei insgesamt 58 Schüsse abgab, der Berliner Fußballfan Mike Polley durch den Schußwaffeneinsatz getötet wurde . In den nachfolgenden Tagen baten die Fans das Berliner Fan-Projekt um Unterstützung bzgl. der Realisierung eines Trauermarsches. In den quasi "neutralen" Räumen des Fan-Projektes fand ein Zusammentreffen der Jugendlichen mit verantwortlichen Polizeivertretern zur Vorbereitung und Verständigung über den Ablauf des Trauermarsches statt. Dieser verlief eine Woche nach den Schüssen ohne jegliche Auseinandersetzungen. Der gemeinsamen Wunsch nach Deeskalation konnte umgesetzt werden.

Beispiel 2: Hollandreise Hamburger Fußballfans
Das zweite Beispiel verweist auf den Versuch, Jugendlichen alternative Erfahrungen bei Auswärtsspielen ( insbesondere ins europäische Ausland) zu vermitteln, und darüber hinaus Bildungs- und Begegnungsreisen zu initiieren, die die "Hinreise-Randale/Spiel-Abreise"-Verkettung in Frage stellen.
Zum WM-Qualifikationsspiel der Bundesrepublik gegen die Niederlande (in Rotterdam) fuhr das Hamburger Fan-Projekt mit einem Kleinbus für fünf Tage ins Gastland. Neben dem Spielbesuch wurde den Jugendlichen ein umfangreiches Programm geboten, damit vorhandene Vorurteile gegenüber Land und Leuten überprüft und möglichst modifiziert werden konnten. Ein Reisen unter "sozialer Obhut" mußte zunächst vor den "eigenen Kollegen" legitimiert werden, da es einer "Therapeutisierung" gleichgesetzt wurde. Die Nachfrage von Jugendlichen nach "anders reisen"-Angeboten des Fan-Projektes erhöhte sich, wobei auffälligerweise insbesondere der "harte Kern" der Hooligans nachfragte.

Beispiel 3: "Fans tun eine Reise"
Dem dritten Beispiel liegt der Gedanke der Völkerverständigung mit zur Hilfenahme des Mediums Sport zu Grunde.

Die Zusammenarbeit der Fan-Projekte Hamburg und Bremen mit dem CVJM-Nordbund ermöglichte 25 Fans aus Norddeutschland einen viereinhalbwöchigen Aufenthalt in Italien während der gesamten Dauer der Fußball-Weltmeisterschaft. Die Begegnung mit zahlreichen Fußballanhängern aus der ganzen Welt, das Festhalten mannigfaltiger Eindrücke per Video, Foto oder Erlebnisbericht, die Auseinandersetzung mit italienischer Kultur und Mentalität, die gegenseitige Achtung und Rücksichtnahme als Teil einer Reisegruppe u.a. mehr, hinterließen Spuren in Verhalten und Einstellungen bei den Jugendlichen.

Die beteiligten Jugendlichen sammelten zum Teil erstmals Erfahrungen im sozialen Zusammenleben einer (Gleichaltrigen)Gruppe, mußten Rücksicht üben, Verantwortung als Teil der Gruppe (mit) übernehmen (z.B. als verantwortliche Küchengruppe für Zubereitung und Zusammenstellung der Verpflegung), Diskursfähigkeit entwickeln (z.B. für das tägliche Plenum, um Reisen, Besichtigungen, Aktivitäten usw. miteinander abzustimmen). Die Teilnehmer mußten lernen, sich gegenseitig "auszuhalten", demokratische Mehrheiten zu finden, damit Programmgestaltungswünsche realisiert werden konnten, sich mit Anforderungen durch die Projektleiter und die Projektauflagen (Jugendbegegnungen, Arbeitsergebnisse etc.) auseinanderzusetzen, aber auch die Hinterfragung des eigenen, fanspezifischen Verhaltens hinsichtlich des eigenen Verhältnisses zu Gewalt, Alkohol, Vandalismus usw. zuzulassen.

Eine u.a. auf den 1990 gemachten Erfahrungen aufbauende internationale Begegnung führte Jugendliche aus Hamburg und (Ost)Berlin gemeinsam zum World Cup 1994 in die Vereinigten Staaten.

Beispiel 4: Fan-Kontaktbüro der BAG
Das vierte Beispiel zeigt eine Form der Jugendarbeit auf, in der Fan-Projekte quasi als Serviceeinrichtung für Jugendliche fungieren.
Während der Fußball WM 1990 in Italien war es erstmals zu einer Zusammenarbeit von MitarbeiterInnen lokaler Fan-Projekte (unter Koordination der BAG) und dem Deutschen Fußball-Bund gekommen .
Basierend auf den Italien-Erfahrungen entwickelte die BAG zur EURO '92 eine Serviceeinrichtung für nach Schweden reisende deutsche Fußballfans - das FAN-KONTAKT-BÜRO. Der DFB erklärte sich bereit die Maßnahme finanziell und organisatorisch zu unterstützen.

Am jeweiligen Spielort der deutschen Nationalmannschaft unterhielt ein Team der BAG eine Informations- und Anlaufstelle. Sechs Fan-Pädagogen/Pädagoginnen und ein Rechtsanwalt standen den angereisten Fußballfans mit Rat und Tat zur Seite. Neben der Initiierung freizeitpädagogischer Angebote, standen die Vermittlungen zwischen Fans und schwedischen Behörden, Öffentlichkeitsarbeiten, Unterstützungen der Frankfurter Projektgruppe zum Euro-Fanszine "Der Schwedenfahrer", Angehörigen- bzw. Knastarbeiten, Kooperationen mit dem deutschen Konsulat, mobile Campbetreuung, Institutionenberatungen, sowie die Einrichtung eines Fan-Informationsdienstes im Mittelpunkt der BAG-Aktivitäten.
Die Idee und die Umsetzung des Fan-Kontaktbüros wurde von den Jugendlichen voll angenommen. Die Durchführung des Projektes muß als Erfolg gewertet werden, konnten doch gerade in einer fremden Umgebung auftretende Irritationen bei den Jugendlichen, weitgehend durch rechtzeitige Informationen vermieden werden .

Die szeneorientierte Arbeit der Fan-Projekte richtet sich zwar immer an die Gesamtheit der jugendlichen bzw. jungerwachsenen Fanszene, jedoch ist bei der Mayorität der deutschen Fan-Projekte ein deutlicher Schwerpunkt in der Arbeit mit gewaltfaszinierten Fußballfans, den sogenannten Hooligans, auszumachen, weshalb hier zur Verdeutlichung der nachfolgende Exkurs angebracht erscheint.

3.3 Exkurs : Angebote für gewaltfaszinierte HSV-Fans

"Neben den Angeboten des Vereins JUGEND UND SPORT e.V., die einen offenen Charakter haben (Fußballturniere, Fan-Container, Hausöffnungszeiten, Veranstaltungen und Individualhilfe) entwickelte das Projekt "offside" in den vergangenen Jahren eine Reihe spezieller Aktivitäten für und mit sogenannte(n) "Härtegruppen-Jugendlichen".
Im folgenden führen wir deshalb einige Projekte und Maßnahmen kurz auf, damit andere Jugendarbeitsprojekte sich von dieser oder jener Idee vielleicht inspirieren lassen können.

Sportbezogene Angebote - Der Hooligan-Cup

Dem Wunsch nach Geselligkeit, sportlichem Wettkampf und "unter seinesgleichen sein" entsprang der Hooligan-Cup, ein Fußballturnier, welches ausschließlich für Hooligans ausgerichtet wurde. 1988 erstmals in Eigenregie durchgeführt, 1989 wiederholt, war die Resonanz in 1990 nahezu null. Da die Verläßlichkeit innerhalb der Hooliganszene Hamburgs in 1990/91 eher bruchstückhaft war, schlief das Turnier ein. 1992 wurde das Turnier wieder aufgelegt, diesmal jedoch in organisatorischer Verantwortung des FAN-Projektes.
Hatten wir uns früher auf die Unterstützung bzgl. Hallenturnier und Öffentlichkeitsarbeit beschränkt, so trugen wir jetzt die Hauptlast, insbesondere wegen des hohen Interesses am Sporttreiben und in Fortsetzung anderer fußballspezifischer Angebote mit hoher Resonanz. Der Hooligan-Cup macht allen - Veranstaltern und Hooligans - gleichermaßen Spaß. Sportlich fair und mit Spaß bei der Sache stritten 9 Teams um die Pokale. Ziel wird es sein, die Verantwortung für die Durchführung des Hooligan-Cups wieder zurück an die Jugendlichen zu geben.

Westkurvenmeisterschaft/Teilnahme von Härtegruppen: Die Westkurvenfußballmeisterschaft wurde in 1989 erstmals ausgetragen, wobei das Interesse der "Härtegruppen" an einer Teilnahme gering war. In 1990 nahmen bereits 4 Teams aus der Szene teil, 1991 immerhin 8 Mannschaften. Die WKM soll die unterschiedlichsten Fangruppen unter sportlichen Aspekten zu gegenseitiger Toleranz sensibilisieren und - so lassen jedenfalls die Reaktionen der Hooligans schließen - hat wohl auch künftig eine wichtige Funktion als Zusammenkunft sämtlicher Fangruppen der HSV-Szene.

Sporttreff / HCC - Turnier

Von Anfang 1989 bis zum Herbst 1990 boten wir einen wöchentlichen Sporttermin in einer nahegelegenen Halle an, der insbesondere von Hooligans wahrgenommen wurde. Daß wir diesen Termin abgeben mußten, war mehr als bedauerlich, da Hallenzeiten in Hamburg teuer gehandelt werden. Jugendliche aus dieser Fußballgruppe unternahmen im Mai 1989 einen Wochenendausflug zu einem dreitägigen Turnier nach Baunatal bei Kassel zum sogenannten HCC-Turnier.

Das sportliche Abschneiden stand bei diesem Turnier seither nie an erster Stelle. Was zählte, war vielmehr die Geselligkeit, das urwüchsige Campieren, die Gastfreundschaft spüren, neue Menschen kennenlernen, woanders sein. Vom 15. bis 17. Mai 1992 haben wir bereits zum vierten Mal teilgenommen, jedoch nicht mehr unter dem Namen "Hamburger Arroganz", der uns einfach kein Glück brachte. Herauskam diesmal ein 10. Platz bei immerhin 20 teilnehmenden Mannschaften.

Knastfußball

Infolge des Verlusts der Hallenzeit bemühten wir uns um Alternativen, damit die einmal aufgebaute Fußballgruppe weiterbestehen konnte. Spielten wir zunächst aber auf der Stadtparkwiese, so ergab sich bald die Möglichkeit zu einem Gastspiel in der JVA Vierlande (1990).

Im Sommer 1991 wurden gleich mehrere "Knastspiele" in Vierlande und Glasmoor gegen Jugend- und Erwachsenenstraftäter absolviert. Das Interesse der Skins und Hooligans stieg ständig an. Waren wir anfangs mit 9 Jugendlichen und einem Pädagogen noch keine "Elf", so hatten wir schon recht bald 15 Aktive und noch einige Fans dabei.
Der Reiz des Gefängnisbesuches mit seiner fremden Atmosphäre (Wachtürme, Mauern, Stacheldraht, Türschleusen u.v.m.) übte eine faszinierende Wirkung auf unsere Klientel aus, die ja laut Eigenwahrnehmung durch ihre Handlungen ständig mit einem Bein im "Knast" steht. Die Neugier aufs "Gefängnis von innen" ist enorm, auffällig ist die Unruhe und Hast, wenn das Spiel vorbei ist und die Jugendlichen ´raus wollen.

Bundesliga-Vorspiele

Nachdem schon eine Dachverbandauswahl der Fans gegen eine Polizeiauswahl im Volksparkstadion gespielt hat, planen wir in naher Zukunft ein Spiel der Hooligans gegen eine Auswahl der Zivilbeamten (sog. "szenekundigen Beamten"), da diese Gruppen in aller Regel personifizierter miteinander zu tun haben, als dies für Bereitschaftspolizisten zutrifft.

Wer sich im sportlich-fairen Wettkampf kennengelernt hat, geht nachher auch fairer miteinander um, so unsere Annahme. Denn: Anonymität dürfte eher gewaltfördernd wirken. Vorspiele von Hooligan-Mannschaften unterschiedlicher Städte sollten ebenfalls dem Aufbau neuer Kontakte und möglicherweise neuer Freundschaften dienen, über das Spiel hinaus müssen allerdings gesellige Anlässe geschaffen werden.

Freizeitpädagogische Angebote

  • Veranstaltungen im Fanhaus (Skinhead- und Hooligan-Parties, z.B. vor Weihnachten und Karneval), Spielturniere, Arbeitslosenfrühstück, Frühstück mit HSV- und auswärtigen Hooligans.* Besuch kultureller Veranstaltungen (Theater, Kabarett, Kino, Rockkonzerte) mit Kleingruppen.
  • Fanhaus (Fans gestalten "ihr" Fanhaus, gemeinsame Beschaffung von Spiel- und Sportgeräten u.a.m.)
  • Hilfestellung/Unterstützung bei ästhetisch-kultureller Alltagspraxis (Zinemachen, autobiografische Dokumentation, Transparente)
  • "anders Reisen": Reisen unter "sozialpädagogischer Leitung und Obhut", d.h. die mitreisenden Hools unterliegen einem hohen Legitimationsdruck vor ihresgleichen - nach Holland, Göteborg, Rostock, zur Fußball-Weltmeisterschaft, nach Brüssel und zur EURO 92 nach Schweden, die insbesondere unter dem Aspekt der erhofften Verhaltensmodifikation der Teilnehmer gesehen werden: der unselige "Abfahrt-Randale-Spiel-Randale-Abfahrt"-Zyklus soll durch längere Anwesenheit, soziokulturelle Erkundung des fremden Ortes, attraktive Programmangebote u.v.m. weniger attraktiv erscheinen und in Frage gestellt werden. Dauer und Intensität der gemeinsamen Reise ermöglichten ein starkes Voneinanderlernen und Verstehen zwischen Pädagogen und Jugendlichen. Mittlerweile besteht ein großes Interesse an den "anders reisen"-Angeboten des FAN-Projekts.

Aufsuchende Fanarbeit

  • Streetwork (insbesondere an Spieltagen, bei Heim- und Auswärtsspielen; bereits in früheren Berichten des FAN-Projektes hinreichend erläutert)
  • "Nachtleben" (d.h. z.B. auch das Aufsuchen von Cliquen und Teilgruppen in - sofern vorhanden - spezifischen Treffpunkten während der Woche)
  • "Gewaltbegleitung" entsteht in aller Regel nicht vorhersehbar, sondern entwickelt sich aufgrund situativer Faktoren. Sofern es Anzeichen für gewaltbereite Einstellungsmuster der Klientel bei gewissen Spielen - z.B. Lokalderby, Länderspiele - gibt, kann sich eine Begleitung als sinnvoll erweisen. Voraussetzung hierfür kann sein, daß Akzeptanz und der Respekt vor dem Projekt mögliche Eskalationen unterbinden hilft. So werden die Projektmitarbeiter immer wieder als Option zur Nicht-Teilnahme wahrgenommen, indem sie für leidenschaftliche Diskussionen herangezogen werden, deretwegen man den Zeitpunkt des "Jetzt geht´s los" natürlich verpaßt. Außerdem können wir dem schleichenden Auflösungsprozeß der Selbstregulierung oftmals Handlungsalternativen entgegengesetzen.
  • Aus der Reputation der Übersetzungsfähigkeit hooligangemäßen Verhaltens kann eine deeskalierende (Krisen-)Interventionsmöglichkeiten abgeleitet werden. Es kann an dieser Stelle noch kein geschlossenes Konzept zur pädagogischen Sinnhaftigkeit der sogenannten "Gewaltbegleitung" vorgelegt werden, dazu mangelt es uns noch an überprüfbaren Daten. Wir sind allerdings der Auffassung, daß ein Teil unserer Aufgabe durchaus in dieser Richtung zu liegen scheint. Sobald wir mit gesicherten Daten aus unseren Feldanalysen aufwarten können, werden wir hierzu offensiv Stellung beziehen.

Diskurs

  • Diskurse (Diskussionen, Veranstaltungen, Bildungsarbeit über Ehrenkodex-Erosion, "Hooligan-Datei", DFB- Sicherheitsrichtlinien, Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, In-Frage-Stellung jugendlichen Verhaltens in aktuellen Bezügen/Ereignissen u.v.m.)
  • Öffentlichkeitsarbeit (Übersetzungen jugendlichen Fehlverhaltens, Unterstützung der Jugendlichen bei der Artikulation ihrer Interessen gegenüber z.B. um den Verein, beispielsweise anläßlich des Westkurvenboykotts im Sommer 1989)
  • Dazu richten wir in unserem Zine "Doppel(s)paß" immer wieder "Briefe an die Leser", in denen wir aktuelle Geschehnisse, bedenkliche Entwicklungen u.ä. problematisieren und kommentieren, wodurch wichtige Diskussionen selbstreflektierend im Gang gehalten oder erst initiert werden.

Dialog

Das Aufeinanderprallen von unterschiedlichsten Lebenswelten gehört mit unseren wesentlichsten Aufgaben. "Lebenswelt-Dialoge" zwischen Nationalelf und Hooligans, Vereinspräsidenten und Hooligans, Journalisten und Vereinspräsidenten sowie Hooligans gehören dazu. Die jeweiligen Diskussionen machen deutlich, welche Kluften sich mittlerweile zwischen den Lebenswelten der einzelnen Diskussionspartner aufgetan haben, denn es dauert(e) jeweils längere Zeit, ehe es zur Verständigung kam. Das "wirkliche Leben" der Jugendlichen einerseits und die "heile Welt" der Priviligierten andererseits driften auseinander, weswegen eine Zusammenführung regelmäßig ein "Aufeinanderprallen" erzeugt. Die Verständigung über jeweilige Sichtweisen erscheint uns deshalb als eine authentische Möglichkeit, zu tragfähigen Kompromissen zu gelangen.

Auch die Zusammenführung von Antifa-Gruppen und Skinheads oder HSV- und St. Pauli-Fangruppen bzw. Polizei und Fans birgt die Möglichkeiten zum konstruktiven, in der Konsequenz deeskalierenden oder gewalt- bzw. aggressionsmindernden Dialog. Die Rolle von Initiatoren und Moderatoren steht uns dabei gut zu Gesicht und entspricht unserem Verständnis von Fan-Projektarbeit."

3.4 Organisation und Struktur von Fan-Projekten

Die Fan-Projekte in der Bundesrepublik sind recht heterogen strukturiert.
Gibt es einerseits die freien Träger der Jugendhilfe, die eigens zum Betrieb eines Fan-Projekts gegründet wurden (z.B. Verein JUGEND UND SPORT e.V., Fan-Projekt Dortmund e.V., Fan-Projekt Bremen e.V.) , so sind andere Fan-Projekte bei bestehenden, großen Sozial- oder Jugendhilfeträgern/Verbänden (z.B. Evangelisches Jugendwerk an der Saar: Neunkirchen, Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt: Oldenburg, Sportjugend Berlin) angesiedelt. Weiterhin gibt es Fan-Projekte, die bei kommunalen Stellen - teilweise mit einem Sonderstatus ausgestattet, um den besonderen Anforderungen (flexible Arbeitszeiten u.a.) von aufsuchender Fanarbeit gerecht werden zu können - angesiedelt sind, wie dies bspw. für Bochum und Ludwigshafen zutrifft.

Diese drei Organisationsformen sind ausdrücklich als Möglichkeiten der Anbindung von Fan-Projekten in der "Konzeption zur Errichtung von Fanprojekten auf örtlicher Ebene..." vorgeschlagen und geben die gegenwärtigen Trägerkonstruktionen wieder.

Die Alltagspraxis der Fan-Projekte zeigt immer wieder auf, daß die Arbeitsweisen in den kleinen Trägervereinen den Anforderungen am ehesten den Erfordernissen entsprechen. Da hier die formelle Leitung in der Regel mit der Dienstaufsicht identisch ist, gibt es kurze Entscheidungswege, was einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung notwendigen Raum läßt. Der oftmals lange Behördenweg bis zur Genehmigung einer Dienstreise (hier bspw. zur Begleitung der betreuten Fangruppen) entfällt, so daß aufgrund der kurzen Entscheidungswege eine höhere Identifikation mit der Arbeit und ein ungemein höheres Motivationspotential freigesetzt wird.

Sehr schmal ist indes hier immer wieder der Grad zur Selbstüberforderung, so daß nicht wenige FanarbeiterInnen wahre Berge von Überstunden ansammeln bzw. vor sich herschieben.
Nachteilig ist jedoch die nicht selten unvollständige Absicherung der PraktikerInnen in arbeits- und versicherungsrechtlicher Hinsicht (laut Arbeitszeitordnung und nach den Bestimmungen der Berufsgenossenschaft sind bindende Vorschriften zur Unfallverhütung häufig unbekannt oder es wird permanent dagegen verstossen).

Mit der Verabschiedung des "Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit" erhalten die örtlichen Fan-Projekte ebenso wie die KOS Fan-Projekte bei der dsj für die Zeit vom Sommer 1993 bis zum Sommer 1996 erstmals verbindliche Mittel seitens des DFB und seiner Lizenzvereine. Die Lizenzvereine sind - ebenso wie der DFB - mit einem Drittel des Haushaltsvolumens (Maximalgrenzen: DM 100.000,-- bzw. DM 60.000,-- für Erst- bzw. Zweitbundesligaverein) an der Finanzierung der Fan-Projekte beteiligt. Diese Mittel sind beim DFB (Direktion Liga) zu beantragen , wobei der KOS Fan-Projekte die Aufgabe der fachlichen Stellungnahme zukommt.

Somit sind die Fan-Projekte, in deren Kommune sich ein Erst- oder Zweitligaverein befindet, relativ abgesichert, auch wenn es den anderen Zuwendungsgebern (Stadt, Bundesland) in der gegenwärtigen Zeit bedeutende Mühe macht, den (bisherigen) Zuschußbedarf weiterhin abzusichern.
Damit Fan-Projekte nicht (quasi über Nacht) mit "ihren" Vereinen absteigen müssen, d.h. aus der Förderung herausfallen, hat sich der DFB bereiterklärt, die Förderung um ein Jahr zu gewohnten Bedingungen fortzuführen, sofern die Bestimmungen (die Zuwendungen der anderen Partner) erfüllt werden. Das bedeutete bspw. im Fall Jena, daß das Jenaer Fan-Projekt fortbestehen konnte, da sich sowohl die Stadt als auch das Land Thüringen weiterhin an den Kosten der Jenaer Fanbetreuung beteiligten. Wenn der Verein FC Carl Zeiss Jena in der kommenden Spielzeit aufsteigt, wird wie bisher verfahren. Steigt der Verein indes nicht in den bezahlten Fußball auf, so entfällt die Bezuschussung des DFB unwiderruflich.

3.4.1 Organisationsformen

Wie bereits in den vorhergehenden Kapiteln ausgeführt, ist das Gros der Fan-Projekte in freier Trägerschaft eingerichtet. Diese freien Träger sind häufig eigens zur Einrichtung (z.T. auch einige Zeit nach der Aufnahme der Fanarbeit, wie bspw. in Hamburg) örtlicher Fan-Projekte aus unterschiedlichen Gründen und nach unterschiedlicher Zusammensetzung der Vereinsmitglieder (natürliche oder/und juristische Personen als Mitglied) entstanden.

So sind beispielsweise beim Fan-Projekt Bremen e.V. als Vereinsmitglieder Lehrer, Sozialpädagogen, Juristen, Fans, Sozialwissenschaftler usw. (als natürliche Personen) eingetragen. Demgegenüber bestand der Verein JUGEND UND SPORT e.V. (Hamburg) ursprünglich aus dem kompletten Vorstand der Sportjugend Hamburg, ehe der Verein sich in den 90er Jahren öffnete. Mit dem ausscheidenden ehemaligen Geschäftsführer Peter Koch wurde im Spätsommer 1990 erstmals ein Vereinsmitglied aufgenommen, welches nicht dem aktuellen Vorstand der Sportjugend Hamburg angehörte. Kurze Zeit später wurden weitere, der Fanarbeit nahestehende oder sich in der Arbeit verdient gemachte Persönlichkeiten in den Trägerverein (als natürliche Personen) aufgenommen. Zum Teil wurden gezielt fachlich ausgezeichnete Persönlichkeiten angesprochen, mit der Absicht, die fachliche Kompetenz zu stärken (Dr. Löffelholz, Prof. Dr. Sorge, Kurt Rohde).

Andere Fan-Projekte "streuten" die Mitgliedschaft in ähnlicher Weise. Das Fan-Projekt Dortmund e.V. (gegründet 1987) wies im Jahr 1991 ca. 20 Vereinsmitglieder auf, welche sich aus dem städtischen Jugendamt, dem Sportamt, dem Sportausschuß des Stadtsportbundes und der Sportjugend sowie dem BVB 09 Borussia Dortmund rekrutierten. Die Dienstaufsicht oblag dem Geschäftsführer des Stadtsportbundes, während die Fachaufsicht/formelle Leitung beim Vorstand des Vereins lag.
Bei den Fan-Projekten in kommunaler Trägerschaft (z.B. Karlsruhe) ist die Einbindung in die administrativen Ebenen der Jugendbehörden die Regel, weshalb die Frage nach der Ausübung von Dienst- und Fachaufsicht sich nicht in besonderer Weise stellt.

Die bei großen, bestehenden freien Trägern der Jugendhilfe angesiedelten Fan-Projekte (z.B. Oldenburg, Leverkusen, tw. Bochum bei der Arbeiterwohlfahrt; z.B. Düsseldorf beim Stadtjugendring; andere Fan-Projekte bei städtischen Sportverbänden) sind in die geläufigen Administrationen integriert. Dienst- oder Fachaufsicht liegen bei den zugeordneten Gremien (Geschäftsführer bzw. Vorstand).

Die Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt ist i.d.R. formal über die Dienst- und Fachaufsicht, in seltenen Fällen über ein darüberhinausgehendes Engagement bspw. an Spieltagen oder bei der Erstellung von projektbezogenen Veröffentlichungen sowie der Durchführung von Pressekonferenzen oder Beiratssitzungen der Fall.

3.4.2 Fan-Projekt Beirat

Das der Finanzierung der Fan-Projekte zugrunde liegende "Nationale Konzept Sport und Sicherheit" fordert die Einrichtung eines Beirats in jedem förderungsfähigen Fan-Projekt:
" Zur Begleitung bzw. inhaltlichen Mit-Gestaltung der Fanprojekt-Arbeit sollte ein Beirat gebildet werden, dem z.B. Vertreter des Vereins, der Kommune, der Polizei, der Justiz sowie ggfs. weiterer Institutionen und Angehörige der Fanszene angehören können."

Den mittlerweile in allen Fan-Projekten (teilweise auch den nicht durch den Lizenzfußball subventionierten, sog. Amateurliga-Fanprojekten) eingerichteten Beiräten gehören darüber hinaus auch MedienvertreterInnen, Vertreter der Ordnungsdienste, der Stadionbetreibergesellschaften, der Bundesbahn/ÖPNV und der Wissenschaft an. Selbstverständlich obliegt die Geschäftsführung des Beirats dem örtlichen Fan-Projekt. Vielerorts haben die Fan-Projekt-Beiräte die Qualität eines "Runden Tisches" aller ins Fußballgeschehen involvierten Organisationen und Gruppen erreicht.

3.4.3 Finanzierung

Bis zur Verabschiedung des "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" waren die Finanzierungsgrundlagen für die örtlichen Fan-Projekte sehr unterschiedlich konstruiert. Wie schon im 2. Kapitel dargelegt, waren vielfach Kurzzeitfinanzierungen (Arbeitbeschaffungsmaßnahmen, Projektmittel von Bund oder Ländern) Grundlage zur Einrichtung örtlicher Fan-Projekte. Wo es Opfer zu beklagen gab (z.B. Hamburg), wurden z.T. großzügige Finanzierungsgrundlagen geschaffen, die eine langfristige, perspektivisch angelegte soziale Arbeit möglich machten.

Die Finanzierung des Hamburger Vereins JUGEND UND SPORT e.V. sah so in 1991 noch wie folgt aus:
Die Freie und Hansestadt beteiligte sich zu 64 %, das Arbeitsamt zu 16 %, die Sportverbände zu 8 %, die (beiden) Bundesligavereine zu insgesamt 11 % an den laufenden Projektkosten (ca. 500.000,-- DM; ca. 1 % wurde aus Spendengeldern gedeckt) .
Für 1994 wies der Kosten- und Finanzierungsplan des Vereins bereits eine Gesamtsumme von ca. DM 736.000,-- aus, wobei der Anteil der Lizenzvereine bereits bei knapp über 27 % (aber immer noch nicht bei einem Drittel!) lag. Bemerkenswert ist gleichfalls der recht hohe Anteil an Eigenmitteln (DM 40.000,--, das sind über 5 %!), welche der Verein durch eine ganze Reihe von Maßnahmen (Vorträge, Fortbildungen, Sonderzüge u.v.m.) mittlerweile selbst erwirtschaftet. Nach wie vor ist jedoch die Freie und Hansestadt größter Zuwendungsgeber mit deutlich über 400.000 DM.

Andere Fan-Projekte (bzw. deren Träger) orientieren sich hingegen exakt an den Vorgaben des Finanzierungsmodells des "Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit", demzufolge sich die örtliche Kommune, das Bundesland und der Lizenzverein zu je einem Drittel an den Gesamtkosten beteiligen, sofern die bereits beschriebenen Grenzwerte eingehalten werden. An diesen Grenzwerten orientieren sich jedoch lediglich die Lizenzvereine (siehe obiges Beispiel), die örtlichen Kommunen liegen z.T. erheblich darüber (z.B. Bochum, Karlsruhe, Berlin).

Insgesamt gilt es festzuhalten, daß die perspektivische Absicherung der örtlichen Fan-Projekte auf finanziell wackligen Füßen steht, da die seitens der Lizenzvereine gemachten Bezuschussungszusagen befristet (1993 - 1996) sind.

Das Engagement der Bundesländer ist gleichfalls recht unterschiedlich. Wenn man z.B. Baden-Württemberg als Beispiel nimmt, so muß kritisch angemerkt werden, daß auf die Mittelanfrage durch das Fan-Projekt Karlsruhe (unter Bezugnahme auf die Verabschiedung des "Nationalen Konzepts") nur lakonisch abgelehnt wird, indem auf das Fehlen eines gesonderten Haushaltsposten im (soeben verabschiedeten) Doppelhaushalt 1993/94 hingewiesen wird. Zur Erinnerung: Der baden-württembergische Finanzminister ist nicht nur Präsident des VfB Stuttgart, sondern auch DFB-Vizepräsident und Vorsitzender des DFB-Ligaausschusses!

Angesichts leerer öffentlicher Kassen und einem weitverbreiteten Sparzwang ist die beabsichtigte Finanzierung der (politisch gewünschten) Fan-Projekte nach wie vor alles andere als perspektivisch grundsolide.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nur allzu verständlich, wenn einige Fan-Projekte (z.-B. Dortmund neue Wege in der Finanzierung einschlagen. "Social Sponsoring" erscheint als ein Weg, der die Finanzierung der sozialen Fanbetreuung flankierend stabilisiert. Ob es sich dabei um Mittel von Brauereien, Büroeinrichtungsfirmen oder Sportartikelherstellern handelt, wird lokal recht unterschiedlich gesehen.
Aus bundesweiter Perspektive muß zu "Social Sponsoring" angemerkt werden, daß sich hierdurch wohl kaum die öffentlichen Gelder ersetzen lassen werden. Das Bemühen um Sponsorengelder steht häufig in keinem vernünftigen Verhältnis zum tatsächlichen Ertrag. Außerdem sollte nicht außer acht gelassen werden, daß die betreute Zielgruppe öffentlich eher negative Assoziationen hervorruft und sich "schlecht bewerben" läßt. Viele Sponsoren schrecken vor diesem negativen Image zurück, so daß man den Fan-Projekten nur empfehlen kann, sich nicht zu sehr auf diese Form der Finanzierung zu verlassen. Erfolgreicher scheint immer noch die politische Absicherung und jugendpolitische Einmischung zu sein, was beinahe gleichbedeutend mit penetranter Einmischung und dem Einklagen von finanziellen Ressourcen für eine auf der Höhe der Zeit befindliche, innovative Jugendarbeit.

3.5 Das professionelle Anforderungsprofil

Wie sich aus den beschriebenen Tätigkeitsbereichen und Praxisbeispielen sicherlich erkennen ließ, erfordert die Fan-Projektarbeit entsprechend weitgehende und vielfältige Qualifikationen von den MitarbeiterInnen.
" Im konkreten Fall bleiben die Arbeit und das Anforderungsprofil an Schwerpunktsetzungen örtlicher Fanprojekte und an spezielle persönliche Fähigkeiten einzelner MitarbeiterInnen gebunden. Um Flexibilität, Vielfalt und Weiterentwicklung zu gewährleisten, ist Fanprojekt-Arbeit als Team-Arbeit einzurichten. Bei der Zusammensetzung von Fanprojekt-Teams ist eine breite Streuung der Qualifikation anzustreben.. Die Vorzüge einer Beteiligung von Männern und Frauen am Team sollen genutzt werden.
Fachlich spezifische Qualifikationen können von außen in die Team-Arbeit eingebunden werden: z.B. durch Vernetzung mit Einrichtungen der Jugendarbeit/Jugendhilfe, durch Kooperation mit Fußballvereinen und Hochschulen oder durch Anstellung von Honorarkräften (...).
Das Anforderungsprofil für MitarbeiterInnen in Fanprojekten enthält folgende Grundqualifikationen:

  • Interesse und Offenheit für Personen und Gruppen in ihren oft andersartigen Lebenswelten und Institutionen;
  • Zurückhaltung, Takt und Reflexivität als Fähigkeiten der pädagogischen Selbstbeschränkung (...);
  • Verständnis für Fußball-Leidenschaft;
  • aktiv gestaltendes Vertreten des sozialpädagogischen Mandats;
  • Aufmerksamkeit für Rechtfertigungs- und Wertfragen in sozialen Konflikten;
  • Fähigkeit zu mehrperspektivischer Betrachtung und Analyse sozialer Handlungen."

Aus diesen Aufgabenbereichen ergeben sich spezifische, möglichst verfügbare Qualifikationen der MitarbeiterInnen der Fan-Projekte:
Die MitarbeiterInnen sollten ...

  • "Zugänge zur Fanszene finden und Vertrauensverhältnisse aufbauen können.(...)
  • eine Konfliktaustragung mit rationalen Mitteln befördern können.(...)
  • über Kenntnisse in körperbezogener Sozialisation (...) und über freizeit- und erlebnispädagogische Fähigkeiten verfügen.(...)
  • * im regionalen Umfeld vorhandene institutionelle Ressourcen für ihre Arbeit ausfindig und nutzbar machen können.(...)
  • Ereignisse dokumentieren, Befunde erheben und die eigene Arbeit auswerten können.
  • Fußball als Popularkultur und Kulturindustrie im Medienzusammenhang sowie die Funktionen und Organisationsstrukturen der staatlichen Kontrollorgane analysieren können. Sie sollten in der Lage sein, die individuell-biografische Ebene, die Gruppen-, Milieu-, Sozialraum- und die gesellschaftlich-strukturelle Ebene konzeptionell zu verbinden.
  • die Fähigkeit entwickeln, Diskurse zu Rechtfertigungs- und Wertfragen anzuleiten."

3.5.1 Die professionelle Realität

Allen wissenschaftlichen Evaluationen und der Rahmenkonzeption des "Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit" stehen die Realitäten der leeren öffentlichen Kassen zuwider. Die Notwendigkeit von Team-Arbeit ließ sich bspw. in Nürnberg lange Jahre nicht verwirklichen, wo ein gelernter Industriekaufmann, der auf eigene, jahrelange Fanaktivität und hervorragende Szenereputation zurückgreifen konnte, zunächst auf ABM-Basis, später als 10-Stunden-Honorarkraft arbeitete. Zwar wurde er unterstützt durch zwei ehrenamtliche Mitarbeiter für die wissenschaftliche Begleitung des Projekts, allerdings wurde das sogenannte "ehrenamtliche Engagement des Hauptamts" stillschweigend schon vorausgesetzt.
Das mag ein besonders krasses Beispiel sein, jedoch ist die Arbeit im Team nach wie vor nicht in jedem örtlichen Fan-Projekt realisiert.
Vielerorts bemüht sich ein(e) FanpädagogIn (Ludwigshafen, München), unterstützt durch Honorarkräfte (Mainz, Leverkusen, Düsseldorf, Gelsenkirchen) oder ehrenamtliche HelferInnen (Oldenburg) um eine angemessene Betreuung der Fanszene.
Bei den gegenwärtig im Aufbau befindlichen Fan-Projekten sieht es in der Regel gleichfalls nach minimierten Personallösungen aus (Köln), wo sich eine hauptamtliche Kraft, unterstützt durch JahrespraktikantIn oder Honorarkräfte, um die Betreuung einer (möglicherweise) vieltausendköpfigen Fanszene bemühen soll.
Die bereits anerkannt und seit Jahren arbeitenden Fan-Projekte in Hamburg und Berlin (6 pädagogische MitarbeiterInnen), Göttingen und Magdeburg (4 pädagogische MitarbeiterInnen), Hannover, Bochum, Leipzig und Bremen (3 pädagogische MitarbeiterInnen), Karlsruhe, Jena, (z.Zt. noch) Neunkirchen/Saar und Dortmund (2 pädagogische MitarbeiterInnen sowie Honorarmittel) können sich glücklich schätzen, das sie Arbeitsbedingungen vorfinden, die als knapp ausreichend bezeichnet werden können.

Die Bandbreite der Qualifikationen der einzelnen MitarbeiterInnen in den örtlichen Fan-Projekten entspricht ziemlich genau den Vorgaben des "Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit", wo es heißt, daß für die Stellen in örtlichen Fan-Projekten insbesondere "DiplompädagogInnen, SozialpädagogInnen bzw. SozialarbeiterInnen, (Sport-)LehrerInnen sowie Kräfte mit vergleichbarer Ausbildung in Frage" kommen.
Aufgrund der Schwierigkeit des Arbeitsfeldes fanden sich in der Vergangenheit immer weniger VertreterInnen mit diesen Qualifikationen, so daß auch mit anderen Lösungen experimentiert wurde. Dabei machte insbesondere das Hamburger Fan-Projekt sehr gute, nachahmenswerte Erfahrungen mit Szeneangehörigen oder "Ausstiegswilligen". Im Bereich der Fanarbeit beim FC St. Pauli Hamburg wurde mit zunächst einer, später einer zweiten Kraft aus der Szene (sog. "Hafenstraßen- oder Autonomen-Block") ein stadtteilgebundener FANLADEN aus der Taufe gehoben und schon nach kurzer Zeit zur unverzichtbaren Anlaufstelle für die örtliche Fanszene.

Angespornt durch die hervorragenden Arbeitsergebnisse wurde ein ausstiegswilliger HSV-Hooligan auf seinem beinahe sicheren Weg in die Kriminalisierung/Kriminalität durch das Angebot des Hamburger Fan-Projekts, als befristete Kraft (Schwangerschaftsvertretung) hauptamtlich beim Verein JUGEND UND SPORT tätig zu werden, gestoppt.
Der junge Mann konnte seine Fanerfahrungen, seine Szenekenntnisse (bspw. Bedürfnisse, Leidenschaften, Kontakte) nutzbringend in die pädagogische Arbeit einbringen und seine eigene Biografie ordnen ("in den Griff kriegen").

Die Hamburger Erfahrungen belegen (was für andere Bereiche der aufsuchenden, szene- und zielgruppenorientierten Arbeit schon länger gilt), daß ein interdisziplinär zusammengesetztes Team (fachliche und Szenekenntnisse) eine qualitativ und quantitativ gute Arbeit verspricht. Selbstverständlich ist die Auseinandersetzung in Fragen der Nähe-Distanz-Problematik in solchen Teams breiter anzulegen und somit häufig konfliktträchtiger. Insbesondere in den Fragen zum subjektiven wie professionellen Verhältnis zur Gewalt wurden dabei in Hamburg Diskurse angeregt, welchen sich weitere Fan-Projekte stellen sollten.

Die weiblichen Mitarbeiterinnen sind bei den Fan-Projekten deutlich unterrepräsentiert. Zum einen mag dies sicherlich an der männlichen Domäne "Fußballsport" liegen. Das allein erklärt jedoch noch nicht hinreichend, daß gegenwärtig nur 9 Fanarbeiterinnen (davon allein 3 in Hamburg, je 1 in Hannover, Magdeburg, Bochum, Göttingen, Karlsruhe, Leipzig) in den deutschen Fan-Projekten hauptamtlich tätig sind.
Allein die Erklärung von der Unterrepräsentanz der Mädchen und Frauen in den Fanszenen, welche seit Jahren konstant mit 20 % geschätzt wird , wodurch der Schluß abgeleitet wird, daß es keine besondere Notwendigkeit gebe, daß Frauen in der Fanarbeit tätig sind, scheint dabei nicht weiter zu helfen.

Die männlich dominanten Verhaltensweisen der Zielgruppen (Gröhlen, Feiern, Männlichkeitsrituale, Gruppenverhalten usw.) scheinen viele Pädagoginnen abzuschrecken, weshalb sich leider nur sehr wenige auf Stellenausschreibungen hin melden.
Hieran anzusetzen, das zunehmend Frauen in den örtlichen Fan-Projekten eingestellt werden, ist schon seit einigen Jahren eine zentrale Forderung der BAG Fan-Projekte und auch der KOS Fan-Projekte bei der dsj. Allerdings kann nicht verhehlt werden, daß bislang der Absichtserklärung wenig an konkreter Umsetzung folgte. Hier sollte dringend Ursachenforschung betrieben werden, damit nicht nur ständiges Lamentieren, sondern konstruktives Handeln betrieben wird.

4. Stand der Vernetzung / Kooperation

4.1 Der Fanprojekte-Verbund

Mit Errichtung der ersten Fan-Projekte zu Beginn der 80er Jahre ergaben sich notwendigerweise die ersten Kommunikationsstrukturen zwischen diesen. Da es keine Vorbilder für eine Fan-Projekt-Arbeit in der Bundesrepublik gab, verstand es sich von selbst, daß die professionellen FanbetreuerInnen den fachlichen Austausch suchten.

Wenige Monate nach Gründung des Hamburger Fan-Projekts (1983) trafen sich die Mitarbeiter der beiden norddeutschen Fan-Projekte Bremen und Hamburg zu einem ersten Austausch (Mitte 1984) und initiierten dabei einen (informellen) Verbund.
Mit der Einrichtung des Fan-Projekts Hannover erweiterte sich dieser Verbund 1985 hin zum Nord-Verbund.
Auf Initiative des Fan-Projekts Frankfurt am Main (welches aus Interesse am fachlichen Austausch an einem Nord-Verbundtreffen teilgenommen hatte) wurde der Kontakt zur Deutschen Sportjugend geknüpft, um den fachlichen Austausch und die Transformation der Erfahrungen der Fanarbeit für die wenigen bestehenden deutschen Fan-Projekte zu gewährleisten und auszubauen.

So wurde 1985 eine Kooperation zwischen den Fan-Projekten und der Deutschen Sportjugend verabredet, die zur Folge hatte, daß die Fan-Projekt-Verbundtreffen zweimal jährlich stattfinden konnten. Die Finanzierung der Verbundtreffen erfolgte durch die DSJ.

4.1.1 1. Internationaler Fan-Kongreß in Bremen

Vom 11. bis 13. August 1988 kam es zum 1. Internationalen Fan-Kongreß in Bremen, einer gemeinsamen Veranstaltung von Deutscher Sportjugend und den Fan-Projekten.
Dieser Kongreß manifestierte das neue Selbstbewußtsein der sozialpädagogisch-orientierten Fanarbeit ebenso sehr wie die Themenvielfalt Aufschluß darüber gibt, wie viel- und wechselseitig die Aufmerksamkeit und Orientierung der FanarbeiterInnen in einem von mannigfaltigen Interessen besetzten Feld wie dem Profifußball sein muß .

Der Fan-Kongreß fand eine überdurchschnittliche Beachtung, was wohl auch an der Vielzahl der TeilnehmerInnen aus allen Bereichen (DFB, Bundesligavereine, Forschung und Lehre, Jugendorganisationen/-verbänden, Politik, Fans, SozialpädagogInnen, Fan-ProjektlerInnen, Medienvertretern) und der Bandbreite relevanter Diskurse lag.

Abschließend verständigten sich die KongreßteilnehmerInnen auf eine "Verlautbarung der Fan-Projekte", in der es u.a. heißt:
" Kurzfristiges Reagieren auf auffällige Verhaltensweisen jugendlicher Fans muß einer dauerhaften sozialpädagogischen Fan-Betreuung Platz machen. Eine solche Betreuung langfristig und erfolgreich abzusichern bedeutet, daß
1. in allen Bundesligastädten Fan-Projekte eingerichtet werden, die mit mindestens zwei Sozialarbeitern/innen (...) ausgestattet sind. Die Mittel sollten durch das Zusammenwirken aller Institutionen (regional und überregional) bereitgestellt werden. (...)
4. Statt einer ständigen Ausweitung des Polizeieinsatzes und der Isolierung einzelner Fan-Gruppen ist eine behutsame Rückbindung des Polizeieinsatzes bei gleichzeitiger öffentlicher Vertrauensbildung für die Selbstregulierungsmechanismen und die Integration der Fans anzustreben. (...)"
Diese beiden herausgegriffenen Forderungen der Fan-Projekte machen deutlich, daß schon in 1988 diejenigen Aspekte im Vordergrund standen, welche dann in 1993 ff. in den Ergebnisbericht der AG "Nationales Konzept Sport und Sicherheit" (endlich) aufgenommen wurden.

Um politisch ernstgenommen zu werden, beschlossen die Fan-Projekte während des Kongresses außerdem an einer neuen Organisationsstruktur zu arbeiten, um eine gemeinsame politische Außenvertretung bzw. Repräsentanz zu etablieren. Als gemeinsame Interessenvertretung der PraktikerInnen der Fanarbeit/Fan-Projekte sollte eine Bundesarbeitsgemeinschaft gegründet werden. Die auf dem Bremer Kongreß neugewählten Verbundsprecher erhielten den Auftrag, eine Rahmenkonzeption der BAG Fan-Projekte zu entwickeln.

4.2 Die BUNDESARBEITSGEMEINSCHAFT DER FAN-PROJEKTE

Zur überregionalen Interessenvertretung der Projekte wurde am 8. Mai 1989 in Dortmund die BUNDESARBEITSGEMEINSCHAFT DER FAN-PROJEKTE (BAG) gegründet. Die Hauptaufgaben dieses Interessenverbundes bestehen in der Außendarstellung der Fan-Projekte, der Vertretung gegenüber Institutionen (z. B. dem Deutschen Fußball-Bund) sowie in der Koordination von überregionalen Aktivitäten, wie sie etwa mit den BAG - Maßnahmen während der WM 1990 in Italien und der Europameisterschaft in Schweden 1992 durchgeführt wurden. Besonderes Augenmerk wurde auf die regelmäßig stattfindenden Bundestagungen gelegt, die einen kontinuierlichen Austausch über regionale Arbeitserfahrungen der Projekte gewährleisten und die schnellebigen Entwicklungen der Fan-Szene analytisch aufarbeiten sollen.

In den letzten Jahren gelang es der BAG, die Möglichkeiten einer Professionalisierung hin zu einem möglichst flächendeckenden Ausbau der Fan-Projekte auf lokaler Ebene sowie der Einrichtung einer Koordinationsstelle Fan-Projekte (in Trägerschaft der Deutschen Sportjugend) bundesweit voranzutreiben. Festgehalten wurden diese Entwicklungsperspektiven im Ergebnisbericht der AG "Nationales Konzept Sport und Sicherheit" . Auf der Grundlage des Ergebnisberichtes soll es in Städten mit Lizenzmannschaften zur (Neu)Einrichtung von Fan-Projekten kommen.

Mit der Einrichtung der Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der dsj begann eine neue Phase für die BAG. Nicht zuletzt aufgrund des Drucks von Außen (z.B. DFB, welcher sich seither auf die KOS als Ansprechpartner fokussiert und alle BAG-Gesprächsversuche abblockt) setzte eine Diskussion von Innen ein, welche sich mit dem Selbstverständnis einer "neuen BAG" auseinandersetzt.
Auf der letzten BAG-Bundestagung (Februar 1995 in Düsseldorf) wurden die Kriterien für eine Mitgliedschaft in der BAG noch einmal bestätigt, da sich die Frage nach dem "Dazugehören" auch schon in der Vergangenheit als eine der zentralen herausgestellt hatte.
Einem BAG-Beschluß vom 17. Februar 1995 zufolge müssen zur BAG-Mitgliedschaft drei Kriterien erfüllt werden:

  1. Das Fanprojekt muß eine sozialpädagogische Ausrichtung haben.
  2. Das Fanprojekt muß hauptamtlich/professionell arbeiten.
  3. Die MitarbeiterInnen des Fanprojektes dürfen nicht gleichzeitig im ortsansässigen Fußballverein Aufgaben wahrnehmen bzw. müssen unabhängig vom Verein sein."

Mit der erfolgreich verlaufenen Bundestagung im Februar 1995 scheint der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fan-Projekte ein Schritt in Richtung eines politischen Sprachrohrs für die Belange und Interessen der Fan-Projekte Deutschlands in den ausgehenden 90er Jahren geglückt zu sein.

4.3 Die KOORDINATIONSSTELLE FAN-PROJEKTE bei der Deutschen Sportjugend

Die Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend (KOS) wurde zum 1. August 1993 eingerichtet, um eine weitergehende Vernetzung der Fan-Projektarbeit zu ermöglichen, den Aufbau neuer Projekte voranzutreiben und weitreichende Maßnahmen zur Sicherstellung der Qualifizierung von Fan-Projekt-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern zu entwickeln. Die KOS soll die Qualitätsstandards der Fan-Projekte sichern und weiterentwickeln. Sicherlich werden auch in dem vorliegenden Ergebnisbericht weitestgehend Willens- und Absichtserklärungen zusammengetragen, aber an dieser Stelle wird es darauf ankommen, die Glaubwürdigkeit der politischen Mandatsträger und hochrangiger Verwaltungsmitarbeiter auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene zu prüfen.

Der KOS Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend ist mit dem angesprochenen Ergebnisbericht ein Werkzeug in die Hand gegeben, das in sensiblen Gesprächen mit Kommunen, Ländern und Bundesligavereinen Impulse in die Etablierung neuer Fan-Projekte als Einrichtungen der außerschulischen Jugendarbeit möglich macht. Alle Beteiligten wissen um ihre Verantwortung, was die Aufgabe der KOS u.U. lösbar macht.

4.3.1 Aufgaben der Koordinationsstelle Fan-Projekte

Zu den im "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" für die KOS formulierten Aufgaben zählen die

  • ... Koordinierung des Informationsaustausches zwischen den örtlichen Fanprojekten und dem Ausland;
  • Erarbeitung von Konzepten für die anlaßbezogene Jugend- und Sozialarbeit (...);
  • Erarbeitung von Curricula für die Aus- und Fortbildung von Mitarbeitern in Fanprojekten;
  • Institutionenberatung beim Aufbau neuer Fanprojekte;
  • Mitarbeit in und Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen, Gremien und Institutionen auf überregionaler Ebene, insbesondere an der Arbeit des "Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit";
  • Vorbereitung und Ausrichtung von sowie Teilnahme an nationalen und internationalen Tagungen und Symposien;
  • anlaßbezogene Öffentlichkeitsarbeit z.B. durch
    • Information von Medien,
    • Ausrichtung von Arbeitstagungen für Multiplikatoren aus der allgemeinen Jugend- und Vereinsarbeit,
    • Teilnahme an und Ausrichtung von Podiums-/Diskussionsveranstaltungen;
  • Zusammenarbeit mit dem DFB, insbesondere in bezug auf Länderspiele, das Pokalendspiel u.ä. Veranstaltungen."

Zur inhaltlichen Begleitung der Arbeit der Koordinationsstelle wurde am 31. August 1993 ein Beirat konstituiert. Unter dem Vorsitz der Deutschen Sportjugend gehören Vertreterinnen und Vertreter des DFB, der Innenministerkonferenz, des Deutschen Städtetags, der Obersten Landesjugendbehörde, der Wissenschaft sowie der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fan-Projekte an. Als ständiger Gast ist ein Vertreter des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vertreten.

4.4 Regionalverbünde

Damit ein kontinuierlicher Dialog zwischen den örtlichen Fan-Projekten und der KOS systematisch ermöglicht wird, entwickelten die Partner ein System von Regionalverbünden, welche gegenwärtig im Aufbau sind bzw. schon relativ gefestigt arbeiten.

Die Regionalverbünde sollen die Kommunikation unter- und miteinander verstetigen und ausbauen. Die örtliche Nähe der Projekte macht es außerdem sinnvoll, solche Verbundtreffen als festen und integralen Bestandteil der lokalen Fanarbeit anzusehen, da die jeweiligen Arbeitsbereiche und Zielgruppen sich nicht selten tangieren oder gar Schnittmengen bilden. Außerdem ist in regelmäßigen Verbundtreffen eine gezielte Aufarbeitung prozessualer Entwicklungen der Fanszenen aus unterschiedlichen Perspektiven möglich, ebenso wie die Treffen möglicherweise supervisorische Qualitäten entwickeln können. Eine solche Erfahrungstransformation ist intendiert und hilft die qualitativen Standards von etablierten auf neueingerichtete Fanprojekte zu übertragen (aus gemachten Erfahrungen lernen).

Zum jetzigen Zeitpunkt sind diese Regionalverbünde folgendermaßen aufgebaut bzw. zusammengesetzt:

Nordverbund: * Verein JUGEND UND SPORT e.V. (Fan-Projekt Hamburg, Fanladen St. Pauli)
* Fan-Projekt Bremen
* Fan-Projekt Hannover
* Fan-Projekt Oldenburg
* Fan-Projekt Göttingen (Projekt Jugendkulturen)
* Institut für Jugendkulturforschung
* 1 Sportsoziologe (Universität Hannover)

Ostverbund:
* Fan-Projekt Berlin
* Fan-Projekt Leipzig
* Fan-Projekt Jena
* Fan-Projekt Magdeburg
* B.A.F.F. (Bündnis Antifaschistischer Fußballfanclubs/-initiativen)
* 1 Soziologe (FHS Potsdam)

Westverbund:
* Fan-Projekt Dortmund
* Fan-Projekt Duisburg
* Fan-Projekt Bochum
* Fan-Projekt Düsseldorf
* Schalker Fan-Projekt
* Fan-Projekt Leverkusen
* 1 Stadtjugendpfleger (Wolfhagen bei Kassel)

Südverbund:
* Fan-Projekt Karlsruhe
* Fan-Projekt Nürnberg (Fanvermittlungsstelle)
* Fan-Projekt Mainz
* Fan-Projekt Neunkirchen
* 2 städtische Streetworker (München, Ludwigshafen)
* 1 Sportwissenschaftler (Frankfurt am Main)
* 1 Soziologe (Gießen)

Die Regionalverbünde haben sich - angelehnt an die Struktur der BAG - in der Regel zwei VerbundsprecherInnen gewählt, welche für Kommunikation und Geschäftsführung/Organisation innerhalb des Verbundes sowie zu den anderen Verbünden verantwortlich sind.
Die Häufigkeit der Verbundtreffen korreliert mit der anlaßbezogenen Alltagsarbeit und den daraus resultierenden Kommunikations- und Kooperationszusammenhängen (Fußballspiele/-turniere u.dgl.). Außerdem ist es natürlich schwieriger, wenn sich ein (Flächen) Verbund zu einem Treffen organisieren möchte, da nicht selten lange Anfahrtswege und hohe Reisekosten zu bewältigen sind (der Westverbund hat es da leichter, da die meisten Verbundteilnehmer quasi Straßenbahnnähe zueinander haben).

4.5 Zum Verhältnis der Koordinationsstelle zu den örtlichen Projekten

Um die Kooperation zu den bestehende Fan-Projekten zu gewährleisten und auf eine solide Basis zu stellen, trafen direkt zum Beginn der Projektlaufzeit VertreterInnen der BAG Fan-Projekte und der KOS zu einem Workshop zusammen, damit gemeinsame Anliegen differenziert herausgearbeitet werden konnten. Die Interessenvertretung der bestehenden Fan-Projekte bekundete hierbei ihren Willen zur Zusammenarbeit mit der KOS und stellte darüber hinaus fest, daß wichtiger Gradmesser für die Arbeit der KOS aus der Perspektive der örtlichen Projekte die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die finanzielle Absicherung sowie die weitergehende Verstetigung und Vernetzung der sozialen Arbeit mit Fans darstelle.

Mit dem durch die KOS entwickelten und allen Fan-Projekten zur Verfügung gestellten Musterantrag, wurde eine erste Erwartung der örtlichen Projekte erfüllt, so daß sich eine produktive Kooperation entwickeln konnte.

Ebenso konnte eine bedarfsgerechte Qualifizierung und Weiterbildung schrittweise entwickelt werden, welche diesem Dialog entsprang. Die seitens der KOS durchgeführten Seminare, Workshops und Fachtagungen konnten auf eine große Resonanz der örtlichen PraktikerInnen bauen, was sicherlich als Gradmesser für die Sinnhaftigkeit und Qualität der durchgeführten Veranstaltungen herangezogen werden kann. Die besondere Ausrichtung auf handlungs- und praxisorientierte Qualifizierung dürfte hierbei wesentlich zu dieser guten Frequentierung der KOS-Veranstaltungen beigetragen haben.

Die KOS ist Bindeglied zu den nationalen und internationalen Organisationen und Institutionen (z.B. DFB, Bundesministerien, Nationaler Ausschuß Sport und Sicherheit) und versteht sich - in Anlehnung an das Selbstverständnis der Fan-Projekte - als Mittlerinstanz und Drehpunkteinrichtung zwischen den örtlichen Fan-Projekten, der BAG-Fan-Projekte und den Regionalverbünden auf der einen, sowie kommunalen, Landes- und Bundesbehörden und -organisationen auf der anderen Seite. Daher ist die KOS an einem stetigen Meinungsaustausch mit den Fan-Projekten interessiert und nimmt (sofern erwünscht und eingeladen) regelmäßig an den Treffen der Interessensvertretungen der Fan-Projekte (national und regional) teil.

4. 6 Die Erwartungen der Kooperationspartner

Fan-Projekte wurden immer wieder unter den konjunkturellen Schwankungen von Gewalterscheinungen ("Randale") beim Fußball als mehr oder weniger probates (Gegen) Mittel seitens der Zuwendungsgeber (Kommunen, Länder, Sportvereine) eingesetzt bzw. angesehen. Diesen Ansätzen liegt ein Fehlverständnis von außerschulischer Jugendarbeit zugrunde. Erst Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre setzte sich die Erkenntnis durch, daß allein mit repressiven Maßnahmen der Problematik gewalttätigen Verhaltens jugendlicher und jungerwachsener Cliquen beim Fußballsport kaum bewältigende ("problemlösende") Funktion zugemessen werden kann.

Mit der Verabschiedung des "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" wurde der durch die erschreckenden Bilder von zahlreichen Ausschreitungen jugendlicher und jungerwachsener Fußballfans aufgeschreckten Öffentlichkeit ein breiter politischer Konsens entgegengesetzt, indem insbesondere die sozialpädagogische Prävention professionalisiert und verstetigt werden sollte. Zu diesem Zweck wurde eine Rahmenkonzeption zur Arbeit der Fan-Projekte erarbeitet und verabschiedet, auf deren Basis die weitere Arbeit qualitativen Standards entsprechen sollte.
Die AG "Nationales Konzept Sport und Sicherheit" setzte sich aus Vertretern der Innenministerkonferenz, Sportministerkonferenz, Bundesministerium des Innern, der Jugendministerkonferenz, des Bundesministeriums für Frauen und Jugend (BMFJ), des Deutschen Städtetags und des Deutschen Sportbundes zusammen. Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fan-Projekte (BAG) gehörten als Sachverständige der AG "Konzeption zur Errichtung von Fanprojekten auf örtlicher Ebene und einer Koordinationsstelle Fanprojekte" an.

Im Ergebnisbericht heißt es, daß der Ansatz der Fan-Projekt-Arbeit "geeignet (ist), vor allem Mitgliedern jugendlicher Problemgruppen bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten zu helfen und sie vor abweichendem Verhalten zu bewahren". Vor diesem Hintergrund fordert der Ergebnisbericht: "Fanprojekte sind in Städten mit Fußballvereinen der 1. Bundesliga einzurichten. In Städten mit Vereinen anderer Ligen sollen Fanprojekte eingerichtet werden, wenn regelmäßig eine größere Anzahl gewaltsuchender oder gewaltgeneigter Anhänger des örtlichen Vereins bei Ausschreitungen auffällig werden".

Vor dem beschriebenen Hintergrund erhielt die KOS (finanziert zu 2-Dritteln aus Mitteln des BMFJ und zu einem Drittel durch den DFB) die vordringliche Aufgabe, die Sicherstellung der Arbeit bestehender Fan-Projekte, sowie den Aufbau der geforderten neuen Fan-Projekte anzugehen. Grundlage der Einrichtung weiterer Fan-Projekte gemäß der angesprochenen Rahmenkonzeption ist das sogenannte Drittel-Finanzierungsmodell. Hierbei handelt es sich um ein Komplementärmodell, bei dem jeweils ein Drittel der (geschätzten 300.000,-- DM) Haushaltskosten zu gleichen Teilen von der jeweiligen Kommune, dem Bundesland und dem örtlichen Lizenzverein aufgebracht werden sollen. Die Laufzeit des Gesamtprojekts ist auf zunächst 3 Jahre befristet. Die seitens des Lizenzfußballs aufzubringenden Mittel sind durch einen Beschluß des DFB-Ligaausschusses und des DFB-Präsidiums schriftlich zugesichert.

Nach einem Jahr Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend (KOS) fragt man sich unwillkürlich, wie denn eigentlich die Vernetzung, Stabilisierung und der Aufbau von Fan-Projekten vorher geleistet werden konnte.

In nur 12 Monaten gelang es der KOS, zu einem anerkannten Ansprechpartner für örtliche Fan-Projekte, regionale und bundesweite Institutionen, Vereine und Verbände, Wissenschaft und Öffentlichkeit zu werden. Die Palette der Dienstleistungen und Angebote der KOS wird von unterschiedlichsten Interessenten in großem Umfang in Anspruch genommen. Nicht zuletzt dürfte von entscheidender Bedeutung für die weitere erfolgreiche Arbeit der KOS in naheliegender Zukunft sein, inwiefern es gelingen kann, die doch sehr unterschiedlichen Interessen der Träger von örtlichen Fan-Projekten zu bündeln, um sich somit der Zielsetzung des "Nationalen Konzepts" im Sinne der Entwicklung von Qualitätsstandards in der Fanarbeit mit der Perspektive einer Reduzierung von Gewalt bei Fußballspielen anzunähern. Die hierzu auch notwendige indirekte Arbeit mit betroffenen bzw. beteiligten Institutionen, Organisationen und (Medien) Öffentlichkeit nicht zu vernachlässigen, macht die KOS mitunter unbequem, ist aber im Sinne der angestrebten Gewaltreduzierung unerläßlich (schließlich sind die Jugendlichen nicht nur Täter, sondern auch Opfer gesellschaftlicher Entwicklungen).

Somit dürfte bereits vor dem Auslaufen der Finanzierungszusagen des "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" im Sommer 1996 eine richtungsweisende Entscheidung über die Zukunft von örtlichen Fan-Projekten sowie der KOS Fan-Projekte von Bedeutung sein, da sich sozialintegrative und betreuende Arbeit wohl nur unter einer gesicherten Perspektive glaubwürdig und effektiv entfalten kann.

4.6.1 Die örtlichen Beiräte

Zu den örtlichen Beiräten ist bereits einiges ausgesagt worden , so daß an dieser Stelle nur noch darauf hingewiesen sei, daß mit den Beiräten eine institutionalisierte Struktur eines "Runden Tisches" erreicht werden sollte. Beiräte haben eine gewisse Tradition in den etablierten, großen Fan-Projekten. In der Regel wurden sie begriffen als "wissenschaftliche Beiräte" (bspw. in Berlin), die den Prozeß der Arbeit des Fan-Projekts kritisch begleiteten.

In ihrer klassischen Rolle als Vermittlungsinstanz erlebten die Fan-Projekte stets den Mangel an Transparenz und Kommunikation zwischen Vereinen, Spielern, Funktionären, Fans, Polizei, Ordnerdiensten, Medien usw. Alle redeten über- statt miteinander, im günstigsten Fall redeten (d.h. i.d.R. beklagten) alle mit dem Fan-Projekt. Der ständige Versuch, Dialoge zu stiften und nicht zur Klagemauer zu verkommen, gelang nur in wenigen Fällen und dann zumeist unter aktuellem Handlungsdruck (sofern sich eine Seite etwas handfestes versprach).
Die tatsächliche Einrichtung der Beiräte ist ein Schritt in Richtung einer verbindlichen Netzwerkarbeit, dem weitere folgen müssen, damit die Fan-Projekte im Kanon jugend-, gemeinwesen- und sozialarbeiterischer Projekte und Einrichtungen die ihnen angemessene Rolle einnehmen können. Es dürfte sich von selbst verstehen, daß Fan-Projekte vor dem Hintergrund ihres Selbstverständnisses und den Erkenntnissen über ihre Zielgruppe (ein Fan ist unter der Woche, im Alltag immer auch in anderen Beziehungs-, Handlungs- und Kommunikationsstrukturen oder Subkulturen verortet) die Kooperation und Kommunikation mit Netzwerken anstreben.

Gerade auch im Hinblick auf weiterreichende Arbeit empfiehlt sich recht frühzeitig die Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen (Schuldnerberatung, Drogenhilfe, Jugendgerichtshilfe, Arbeitsamt usw.).
" Die Koordination der Aufgaben mit anderen Trägern und Institutionen der örtlichen Jugend- und Sozialhilfe, wie z.B. Beratungseinrichtungen, ist erforderlich."

4.6.2 Die Erwartungen der Polizei

Die Abgrenzung zur Polizei und der Strafverfolgung/Ermittlung ist die schwierigste Aufgabe für die Fan-Projekte.
Einerseits haftet ihnen seitens der Klientel immer wieder latent der Vorwurf des "Sozialspitzels" an, von der anderen Seite, der Polizei, wird hingegen stets Sympathie oder Kumpanei unterstellt, zumindestens jedoch der "Verharmloser-Vorwurf" geäußert.

Die Gratwanderung ist aus dieser Konstellation leicht abzuleiten. Unter den Begriffen "kritische Anwaltschaft" und "kritische Lobby" wird diese schwierige Abgrenzung nach allen Seiten von den Fan-Projekten definitorisch umschrieben.

Diese schwierige Konstellation berücksichtigend formuliert der Ergebnisbericht des "Nationalen Konzepts" folgendes:
" Organisatorische Unabhängigkeit von anderen Stellen begünstigt die Durchführung von Fanprojekt-Aufgaben. Im Erscheinungsbild und in der Tätigkeit eines Fanprojektes muß deutlich werden, daß es sich um eine Anlauf-, Vermittlungs- und Drehpunkteinrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene handelt. Ein von Vertrauen getragenes Verhältnis zwischen den relevanten Fußballanhängern, die sich häufig in einer mit Problemen belasteten Lebenslage befinden, und den Fanprojekten ist Voraussetzung für eine erfolgversprechende Arbeit. Behörden müssen deshalb gegenüber Mitarbeitern der Fanprojekte dem Grundsatz des Vertrauensschutzes im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Rechnung tragen.
Die Ziele der Fanprojekt-Arbeit können nur erreicht werden, wenn der Wert von Fanprojekten von allen anderen Beteiligten wie z.B. Vereinen, Polizei und kommunalen Behörden anerkannt wird."
Fan-Projekte müssen sich folglich selbstbewußt und in steter Verantwortung nach allen Seiten hin ein hohes Maß an Akzeptanz und Respekt erarbeiten, dürfen sich weder als verlängerter Arm von Justiz und Strafverfolgung noch als "Verharmloser", Ersatzerzieher oder "unkritische Lobbyisten" verstehen.
Der Aufbau belastbarer Beziehungen muß als Aufgabe sowohl in Richtung der Zielgruppe als auch hinsichtlich der involvierten Organisationen und Institutionen verstanden werden.

4.6.3 Die Erwartungen der Vereine

Sicherlich haben die Vereine die stillschweigende Erwartung, daß die Fan-Projekte ihnen die Fanbetreuung nicht bloß vereinfachen, sondern vielmehr sogar abnehmen. Fan-Projekte hatten sich in vielfältiger Hinsicht immer wieder über mangelndes Engagement der Vereine für ihre Fans beklagt und Besserung gefordert, wurden jedoch zumeist erst nach schweren Zwischenfällen (Randale, Sachbeschädigung usw.) gehört oder ernst genommen (zumeist in der Rolle des stellvertretenden Prügelknaben). Erst in den letzten Jahren setzte sich hier eine geänderte Sichtweisen in einigen Vereinen durch, die sich der sog. "Fan-Problematik" nicht nur mit repressiven Maßnahmen oder dem stets gleichlautenden Ruf nach der Polizeiannehmen wollten.

Einerseits wuchs diese Einsicht auf der Einstellung, daß es sich bei den Fans um "Kunden" handelt, deren Betreuung und Zufriedenstellung im Interesse der Zukunft des Vereins liegt, andererseits bemerkten die handelnden Personen der Vereine, daß es tatsächlich Auswirkungen auf ein besseres Verhältnis von Verein und Fans hat, wenn es zu regelmäßigen Diskussionen oder "Hearings" kommt.

Mit den Jahren respektierten zahlreiche Bundesligavereine die soziale Arbeit der Fan-Projekte und stellten freiwillig Mittel zur Verfügung, schon ehe es ein "Nationales Konzept Sport und Sicherheit" gab (z.B. FC St. Pauli). Die Anerkennung der Fan-Projekte als Experten in Fan-Angelegenheiten (Wünsche, Anforderungen, Verbesserungsvorschläge u.dgl. mehr) blieb nicht aus, je näher sich Verein und Fan-Projekt kamen, je besser die Vereine die (Arbeits-) Leistungen der Fan-Projekte qua Kenntnis einschätzen konnten (wozu die zahlreichen großen Fan-Fußballmeisterschaften ganz besonders beitrugen).

Auch die gemeinsam gestalteten und durchgeführten Rahmenprogramme trugen bedeutend zu einem verbesserten Verhältnis bei. Beispielgebend sei hier die Durchführung von Bundesligavorspielen zwischen Fans und Polizei in Hamburg genannt.

Daß die Vereine häufig die örtlichen Fan-Projekte als "ihre" Fanbetreuungsabteilung ansehen läßt auch den Schluß zu, daß die Arbeit der Fan-Projekte besonders geschätzt ist. Nicht vergessen werden darf hierbei, daß die Vereine in jedem Fall einen eigenen Fanbeauftragten benennen müssen, der für die Anliegen der eigenen Fans zuständig ist.

"Die Arbeit der Fanprojekte muß ihre Entsprechung durch die Fanarbeit der Fußballvereine finden. Die Vereine müssen ihre Fanclubs wirksam betreuen und Angebote für jugendliche Fußballbegeisterte machen. Auch dies trägt wesentlich dazu bei, ein Abgleiten von Jugendlichen in problematische "Fanszenen" zu verhindern. Zwischen den Fanbeauftragten der Vereine und den Fanprojekten sollte eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit stattfinden."

Im Lizensierungsverfahren des Deutschen Fußball-Bundes ist die Benennung eines Fanbeauftragten zwingend vorgeschrieben. Daß es sich hierbei in aller Regel um ein bloßes Ehrenamt handelt, muß erwähnt werden, schließlich wird hieran deutlich, daß es in aller Regel keine entsprechende professionelle Vollzeitbetreuung der Fußballfans durch die Bundesligavereine gibt und wohl auf Sicht noch nicht geben wird.

4.6.4 Die Erwartungen der Zielgruppe

Fußballfans wollen vor allen Dingen Nähe zu ihrem Verein, zu ihren Fußballspielern. Insofern steht für sie insbesondere die Teilnahme am Fußballspiel im Vordergrund, gleichgültig ob Heim- oder Auswärts-, Freundschafts- oder Wettbewerbsspiel.
Insofern erwarten sie vorrangig einen guten und stetigen Kontakt zum Verein, zu den Vereinsrepräsentanten, den Spielern, Gelegenheiten zur kostengünstigen Auswärtsreise, ein gut sortiertes Fanartikel-Angebot, gute Leistungen, sportliche Erfolge, Geselligkeit und eine wechselseitige Zuneigung von Akteuren und Zuschauern.
" Fußball ist unser Leben", das Motto des Bremer Fan-Kongresses trifft den Kern der Bedürfnisse über die Überhöhung und Überzeichnung der Grundmotovation.

In Ermangelung einer Diskussionsebene mit dem Verein oder den Spielern mußten Fan-Projekte sich immer wieder damit auseinandersetzen, seitens der Fans mit einem Dienstleistungsunternehmen verwechselt zu werden. Die dem Verein nicht abzuverlangenden "Selbstverständlichkeiten", konnte man womöglich dem Fan-Projekt abverlangen.

Dieser Interpretationsunterschied von sozialer Arbeit mit Fans sorgte immer wieder für kontroverse und m.E. fruchtbare Auseinandersetzungen zwischen den Interessen der Jugendlichen und den eigenen, professionellen Interessen, die offenzulegen waren in diesen Diskussionen.

4.6.5 Innere und äußere Erwartungen

Die Evaluationsstudie des Hamburger Instituts für Jugendkulturforschung e.V. stellte fest, daß in aller Regel unterschiedliche, zum Teil divergierende Erwartungen an die Arbeit des Fan-Projekts geknüpft waren.
Die Polizei erwartete in aller Regel (und Deutlichkeit) `Zusammenarbeit´ oder `Kooperation´, wohingegen die Öffentlichkeit/Politik `Erfolge´ bzw. `Gewalteindämmung´ forderte, während die Medien mehr `Transparenz´, mehr `Kooperation´ erwarteten. Üblicherweise wird die Arbeit mit den `Härtegruppen´ (Hooligans, Skinheads) erwartet, ohne zu berücksichtigen - so die fachliche Kritik der Fan-Projekte - daß sich die Fanszene nicht "messerscharf" in gute und böse Fans oder in eindeutig definierte Lager einteilen läßt.

Die im "Nationalen Konzept Sport und Sicherheit" formulierten Erwartungen sprechen eigentliche eine deutliche, unzweideutige Sprache:

  • "Eindämmung von Gewalt; Arbeit im Präventivbereich, z.B. Hinführung zu gewaltfreier Konfliktlösung im Rahmen von Selbstregulierungsmechanismen mit der Perspektive Gewaltverhinderung;
  • Abbau extremistischer Orientierungen (...) sowie delinquenter und Delinquenz begünstigender Verhaltensweisen;
  • Steigerung von Selbstwertgefühl und Verhaltenssicherheit bei jugendlichen Fußballanhängern; Stabilisierung von Gleichaltrigengruppen;
  • Schaffung eines Klimas, in dem gesellschaftliche Institutionen zu mehr Engagement für Jugendliche bewegt werden können;
  • Rückbindung jugendlicher Fußballanhänger an ihre Vereine."

Wie man diesen Erwartungen gerecht werden kann, ist jedoch sehr stark von den örtlichen Gegebenheiten (Größe des Teams, Finanzrahmen usw.) abhängig. Darüber hinaus liegt es sehr stark im Ermessen des oder der einzelnen Fan-Projekt-Mitarbeiters/Mitarbeiterin, welchen Zielen besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. So verwundert es nicht, daß die einzelnen Fan-Projekte in ihren Selbstdarstellungen recht unterschiedliche Ziele und Aufgaben definieren, welche nicht selten erheblich von den vorgenannten abweichen.

Wie man letzten Endes zur Eindämmung von Gewalt durch sozialpädagogische Arbeit beitragen kann, ist sicherlich nicht eindeutig zu beantworten, so daß unterschiedliche Wege und die prozessuale Annäherung über zahlreiche Projektmaßnahmen naheliegend sind.
Gemeinsame Standards zu entwickeln sollte zwar erstrebenswert sein, es ist jedoch nicht anzunehmen, daß in den kommenden Jahren ein Königsweg zur Eindämmung von Gewalt bei Fußballspielen durch die Fan-Projekte entdeckt wird.

Bekanntermaßen können nur Bündel von Maßnahmen dazu beitragen, daß die gewalttätigen Erscheinungen zurückgehen. Das kann jedoch nur funktionieren, wenn anstelle von sozialen und moralischen Appellen sozialpolitische Maßnahmen ergriffen werden, wie sie ja auch von den Fan-Projekten seit ihrem Bestehen permanent gefordert werden. Ansonsten wird die Fanarbeit tatsächlich bloße Kosmetik betreiben.

4.6.6 Europäische Ebene

Fußballfans - und gerade auch die erlebnisorientierten oder gewaltfaszinierten - waren immer schon ungemein reisefreudig und mobil, was - wie eingangs schon beschrieben - eine ebenso mobile aufsuchende Jugendarbeit erforderlich machte.
Recht frühzeitig trafen im Rahmen der Verbundtreffen auch österreichische StreetworkerInnen mit den deutschen FanarbeiterInnen zusammen, um Kenntnisse und Erfahrungen auszutauschen, gemeinsam Entwicklungen zu analysieren und nach Gemeinsamkeiten zu forschen.
Nachdem diese Kontakte mehrere Jahre (etwa zwischen 1986 - 1991) ruhten und höchstens auf privater Ebene aufrechterhalten wurden, wurde der Kontakt zu den KollegInnen von Streetwork Wien mit Einrichtung der KOS wieder aufgenommen. So konnten deutsche und österreichische StreetworkerInnen im Juni 1994 erste Zusammenarbeitserfahrungen machen .

Gleich zu Beginn der Arbeit der KOS Fan-Projekte wurde der Kontakt zur niederländischen Fanarbeit aufgenommen, da der Diskussionsstand in den Fan-Projekten eine unbedingte Annäherung mit diesem KollegInnen wünschte. Aufgrund der zahlreichen und stetig eskalierenden Auseinandersetzungen zwischen deutschen und niederländischen Fußballfans sahen sich die Fan-Projekte gefordert, so daß auf der 1. Bundeskonferenz der Fan-Projekte im November 1993 in Bochum erstmals ein niederländischer Fanarbeiter, Illya Jongeneel, zu Gast war und Einsichten in die niederländische Fanarbeit referierte .
Seither wurden diese Kontakte ausgebaut und verstetigt, weshalb auch auf der 2. Bundeskonferenz der Fan-Projekte im Oktober 1994 in Leipzig niederländische Kollegen teilnahmen. Nach langer und notwendiger Vorlaufphase führte die KOS in Zusammenarbeit mit der Bildungsstätte der Hansestadt Bremen, LidiceHaus, vom 13. - 17. März 1995 das erste deutsch-niederländische Seminar "Fanarbeit" durch, an welchem ca. 30 PraktikerInnen teilnahmen. Weitere Seminare und Workshops sind in Planung, da eine solche Annäherung noch nicht gleichbedeutend mit Kooperationen einzuschätzen ist. Ehe wir zu gegebener Zeit gemeinsame Aktionen und Projekte unternehmen können, ist noch eine gute Wegstrecke in der inhaltlichen Diskussion und Annäherung zu bewältigen.

Die beschriebenen Kontakte verdeutlichen, wie wichtig die internationale Arbeit mittlerweile für die Fan-Projekte ist. Die bevorstehende Fußballeuropameisterschaft in England (1996) , die danach anstehende Fußballweltmeisterschaft in Frankreich (1998), die (voraussichtlich) gemeinsam von Belgien und den Niederlanden ausgetragene EURO 2000 - die nächsten Fußballgroßereignisse finden allesamt auf europäischem Boden statt, was eine entsprechende Zusammenkunft erlebnissuchender, gewaltorientierter Fußballfans wahrscheinlich macht.

So sind die Kontaktaufnahmen in Richtung England (z.B.Football Supporters Organization, Universität Leicester), Belgien (Fan-Coaching Charleroi) sowie den beschriebenen Kontakten zu Wiener und Niederländern ein Gebot der Stunde und darüber hinaus dazu geeignet, europäische Standards in der aufsuchenden Fanarbeit aufzuspüren und durch gemeinsame Arbeit weiterzuentwickeln. Kontakte zu französischen, italienischen, skandinavischen FanarbeiterInnen sollten hinzukommen, ksind jedoch gegenwärtig nicht zu bewerkstelligen.

In Zeiten europäischer Vernetzung von Sicherheitsapparaten dürfen die präventiven und pädagogischen Einrichtungen nicht außen vor bleiben.

Die zur europäischen Vernetzung notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen müssen indes erst noch adäquat zur Verfügung gestellt werden. Allerdings sollte nicht vergessen oder übersehen werden, daß die mittlerweile fünfzehnjährige Tradition von sozialpädagogischer Fanarbeit kein europäisches Äquivalent kennt, wenn man von der Wiener Streetwork einmal absieht.

5. Einschätzungen und Perspektiven

* Die starke Fokussierung auf Verhaltensauffälligkeit und Gewalt, auf welcher auch das "Nationale Konzept" basiert, darf nicht zum alleinigen Kriterium für die Verwendung öffentlicher Mittel und die Notwendigkeit zu leistender Jugendarbeit werden. Eine sich bloß an Erscheinungen orientierende Sozial- und Jugendpolitik ist in ihrem Kern hohl und muß an ihrer Kurzatmig- und (eigenen) Perspektivlosigkeit sukzessive scheitern. Zeitlich befristete Jugendarbeitsprojekte können keinerlei Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die politischen Instanzen unsere Demokratie bei den jugendlichen Adressaten vermitteln, da die Betroffenen sehr genau aufspüren, daß es mit dieser Form der emotionalen und sozialen Zuwendung vorbei ist, wenn sie sich den herrschenden (Verhaltens)Normen angepaßt haben.

* Nicht selten bekommen PädagogInnen, die vor dem Auslaufen ihrer eigenen Arbeitsverträge stehen, von den Jugendlichen zu hören, daß sie dann eben wieder "gewalttätig, drogensüchtig, kriminell" werden müßten, damit die aufgebaute (belastbare) Beziehung zwischen ihnen nicht folgenlos abbricht.

* Aufgrund der im "Nationalen Konzept" vorgenommenen Befristung der sozialen Arbeit der Fan-Projekte besteht die Gefahr, daß sich nach erfolgter "Symptomkurierung" ein Rückfall in alte Krisenlagen wiederholt. Fußballfans, die wieder bloß zum Objekt repressiver Maßnahmen degradiert werden, denen darüber hinaus ("wem gehört der Fußball?") die auch identifikationsstiftende Teilhabe am Volkssport Fußball zunehmend erschwert oder gar verwehrt wird (Umbau der Steh- in Sitzplätze mit steigenden Eintrittspreisen, Zerstörung der gewachsenen sozialen Struktur der Zuschauerbereiche usw.). Der vielfach durch die Fan-Projekte beinahe schon "erzwungene Dialog" zwischen allen am Fußballgeschehen beteiligten Gruppen (Fans, Verein, Spieler, Polizei, Ordnungsdienste, Medien usw.), in der Absicht, nicht über-, sondern miteinander zu reden, bräche ab. Die Möglichkeiten, sich aus der jeweiligen Perspektive Einblicke zu verschaffen, in der Absicht, Verantwortung für den Fußball, das Zuschauerverhalten usw. mit zu übernehmen, zu teilen, blieben unausgeschöpft; einer hemmungs- und verantwortungslosen Ausbeutung der Fußballökonomischen Kapazitäten wäre Tür und Tor geöffnet. Die Konsequenzen dürften erheblich sein.

* Eine Jugendarbeit, die sich vom Jugendlichen verabschiedet, nachdem sich die Auffälligkeiten gelegt haben, verspielt sofort wieder den Kredit, den sie sich zuvor unter höchstem Einsatz (Authentizität, Engagement, öffentlicher Mitteleinsatz, Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung, Vermittlung demokratischer Prinzipien und sozialer Verhaltensweisen usw.) erreichte. Gerade die soziale Arbeit mit so problematischen Zielgruppen wie der der Fußballfans braucht lange, ehe sie wirken kann, schließlich dauert es mitunter Jahre, ehe den FanarbeiterInnen der Zugang zu den bereits durch Ausgrenzung vorerfahrenen Jugendlichen gelingt. Es ist geradezu fahrlässig, die Bedeutung des sozialen Lernens als Prozeß zu ignorieren und Jugendarbeit lediglich unter zielgruppen- und auffälligenorientierten oder gar wahltaktischen und ökonomischen Aspekten zu betrachten.

* Eine "Feuerwehr-Pädagogik" ist nicht nur abzulehnen, sondern schlichtweg undenkbar. Pädagogik kann nicht an Defiziten ansetzen und diese beseitigen, das ist originär eine politische Aufgabe.

* Weitaus unsicherer scheint die Perspektive abseits der politischen Ebene zu sein. Bereits in den vergangenen Jahren zeichnete sich ein Trend hin zu den beratenden Tätigkeiten ab, der die Rekrutierung von Professionellen für die Bereiche der aufsuchenden Arbeit (allgemein) und (insbesondere) die soziale Arbeit mit gewaltgeneigten Gruppen zu einem mühseligen Unterfangen machte. Die Bereitschaft zu einer sozialen Arbeit mit (nicht nur medial) stark stigmatisierten Zielgruppen geht weiterhin ungebremst zurück. Demgegenüber steht ein enormer Bedarf an für die besonderen Anforderungen spezifisch qualifizierten professionellen SozialarbeiterInnen. Es ist höchste Zeit, daß sich die Ausbildungsstätten (Universitäten, Fachhochschulen usw.) verstärkt mit dem Berufsfeld und den spezifischen Anforderungen der Straßensozialarbeit auseinandersetzen und ebenso zu einer Entstigmatisierung von problematischen, mitunter zur Delinquenz neigenden Zielgruppen auseinandersetzen. Die Einführung eines Sonderstudiengangs oder Studienschwerpunktes "Aufsuchende Jugendsozialarbeit/Streetwork" darf nicht länger aufgeschoben werden.

* Aus den fast fünfzehnjährigen Erfahrungen von Fan-Projektarbeit lassen sich - bei aller lokaler Unterschiedlichkeit - grundsätzliche Rahmenbedingungen und Arbeitsansätze herleiten. Dabei gilt es zuvorderst zu bedenken, daß "Drehpunkteinrichtungen", wie Fan-Projekte sie nun einmal darzustellen vermögen, in ihren Möglichkeiten und Handlungsweisen davon abhängig sind, inwieweit die betroffenen Institutionen und mit ihnen die Vertreter der Erwachsenengesellschaft die Bereitschaft aufbringen, mit kritischen und teilweise auch randständigen Jugendlichen zu "verhandeln".

* Vorausgesetzt eine solche Bereitschaft besteht, erwachsen für die Fan-Projekte eine Vielzahl von verantwortungsvollen Aufgaben.

* Besteht eine solche Bereitschaft nicht, werden die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sich hoffnungslos zwischen den Bedürfnissen der kulturellen Lebenswelten der Jugendlichen einerseits und den Markt- und Verwertungsinteresse Profifußballs zerreiben.