Anna und ich im Klub der Hoffnungsvollen Ein Lagebericht aus Wien

Heidi Thaler

Prolog

Rapid ist der Klub der Hoffungsvollen. Vereinsfarbe Grün. Es gibt wohl nichts, das das hoffnungsvolle Gemüt der Grün-Weißen so trefflich beschreibt wie die legendäre Rapid-Viertelstunde. Exakt mit Beginn der 75. Spielminute setzt es ein, das rhythmische Klatschen von allen Rängen. Eindringlich und fordernd. Geheimnisvolle Mythen ranken sich um diese Zeitspanne. Woher die Rapid-Viertelstunde kommt, weiß niemand so genau. Ich weiß auch nicht, ob wir in dieser magischen Viertelstunde wirklich mehr Tore schießen als sonst. Der Gedanke, der hinter dieser Institution steht, ist aber weit über die Ränge des Hanappi-Stadions hinaus bekannt: Eine Rapid gibt niemals auf! Gewonnen werden kann bis zur letzten Minute, jedes Match, von jeder Mannschaft. Aber wenn eine Rapid noch ganze 15 Minuten vor sich hat, dann wird’s gefährlich – brandgefährlich!

Anna und ich

Anna und ich, das ist eine Einheit. Wir sind nicht als „Freundinnen von …“ zum Fußball gekommen, wir fanden keinen Spieler „süß“, wir hatten keine Lust auf diesen Haufen Vorurteile und Schubladen. Anna und ich sind in die Fankurve gekommen, weil wir dorthin mussten, weil wir diese unglaubliche Energie mitleben mussten, mittragen mussten, sie mit unseren Stimmen, unserer Kraft füttern wollten. Weil wir die Kurve im Herzen tragen.

Anna und ich sind beste Freundinnen. Seit Jahren haben wir ein Abo im legendären Block West. Der Block West ist kein Zuckerschlecken. Von hier aus wurden Spielfelder gestürmt, wochenlange Proteste gegen einen Trainerwechsel organisiert und die Schlüsselaktion gesetzt, die zur Vergabe der TV-Rechte der österreichischen Fußballbundesliga an einen Privatsender führte. Nur hier schwimmt man in buntem Rauch, taucht in ihn ein, bis er einem die Lungen verbrennt, dort, wo das Feuer der Bengalos die vermummten Gesichter für einen Moment aufleuchten lässt, um sie sofort wieder in den Teppich der Menge einzuweben. Der Block West ist unumstritten die gefürchtetste, lauteste, bestorganisierteste und zugleich wildeste Fankurve in Österreich.

Anna und ich richten unsere Blicke wie auf Kommando Richtung Vorsänger. Wir wissen instinktiv, dass es jetzt gleich so weit sein wird. Und da ist es auch schon. Nein, nicht die Rapid-Viertelstunde, es gibt noch eine zweite Institution im Repertoire der Rapid-Fangesänge, nach der man die Uhr stellen kann. Anna und ich können inzwischen, mit hellseherischer Gewissheit, sagen, was passieren wird: Die Stimmung ist am Ende, selbst die schlimmsten Schmähgesänge in Richtung Gegner motivieren niemanden mehr. Jetzt kann nur noch wahre Dichtkunst helfen: „Wir lieben Riesentitten und den Suff, wir gehen drei Mal täglich in das Puff …“

Ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen, als ich zum ersten Mal diesen Chant gehört habe. Viele Frauen, die zum Fußball gehen, kennen einen solchen Moment. Der Moment, in dem dir ganz unmissverständlich klar gemacht wird, dass du nicht dazu gehörst, dass du nicht Teil dieser Fußballkultur sein kannst, dass du Frau bist. Beim ersten Mal habe ich mich geschämt. Ich war sprachlos, machtlos. Ich habe zum ersten Mal gefühlt, dass man mich ganz bewusst ausgrenzt. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich geglaubt, dass es meine Entscheidung ist, was ich mitsinge und was nicht. Manche Gesänge habe ich von Anfang an abgelehnt, weil sie homophob und/oder einfach nur dumpf sind. Ich wollte ihnen keine Stimme geben, nicht meine! Bei diesem Chant konnte ich mir nicht mehr aussuchen, ob ich mitsinge oder nicht. Ich war meiner Stimme beraubt. Ich war nicht gemeint.

Die anfängliche Scham wich etwas viel Machtvollerem: Wut! Das hier ist meine Tribüne, meine Kurve, mein Ort, der mir gehört. Nicht der Polizei, nicht dem Verein, nicht irgendeinem Fanklub, MIR! Ich habe angefangen meinen Unmut über den blöden Spruch mit Anna zu teilen – geflüstert haben wir, die Augen im Geheimen verdreht. Irgendwann haben wir laut miteinander gesprochen, über den Blödsinn, den die singen, und dass sie die Klappe halten sollen. Heute haben wir eine andere Taktik, deren Nachahmung ich dringend empfehle. In dem Moment, in dem der Vorsänger den Chant anstimmt, stellen wir uns aufrecht hin, wir verschränken die Arme vor der Brust und drehen uns langsam um die eigene Achse. Dabei fixieren wir jeden der umstehenden Männer mit unseren Blicken und machen erkennende Kopfbewegungen: „Schau an, wer da mitsingt“, begleitet von Kommentaren wie: „Na klar, genau der hat´s nötig mitzusingen.“

Erstens macht das Spaß, und zweitens ergeben sich erstaunliche Reaktionen: Zuerst sind die meisten Feuer und Flamme und singen eifrig mit. Kurz darauf merken sie, dass sie beobachtet werden, und ein Augapfel rollt in meine Richtung – und schon wieder zurück – nur mal kurz die Lage peilen, wer sich da traut, so aufmüpfig zu schauen. Dann sieht man förmlich das Unbehagen aufsteigen, das sich schließlich so schwer auf die Zunge legt, dass das Mitsingen immer schwieriger wird. In besonders glücklichen Momenten erhascht man sogar ein entschuldigendes Lächeln, noch besser einen „Ich wurde zum Mitsingen gezwungen“-Blick. Als Rapidlerin gibt man die Hoffnung eben nie auf.

Rapid bedeutet auch Ultrá! Die Ultras Rapid bestimmen die gesamte Fankurve. Durch meine Arbeit kenne ich die Führungsriege, das Direttivo, seit längerem persönlich. Als mein Freund zu mir nach Wien übersiedelt – er ist Franzose und Mitglied der Fanatics Marseille – stelle ich ihn dem Capo der Ultras vor. Zwischen den beiden funkt es sofort – Männerfreundschaft auf den ersten Blick. Bereits nach zwei Wochenenden kennen mich alle außerhalb des Direttivo nur noch als die „Freundin vom Marseillais“. Gängiges Klischee eben: Verwegener Ultra nimmt seine hübsche, ahnungslose Freundin gnadenweiser mit zum Fußball. Es kommt ihnen nicht im Geringsten seltsam vor, dass ich alle Gesänge auswendig kann, jeden Rhythmus kenne, jeden Spieler aufgrund seiner Spielposition identifizieren kann. Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass ein Franzose, der seit zwei Wochen in Wien ist und kein deutsch spricht, plötzlich in den Block West gebeamt wird, dort sofort Leute kennt, seine nichts ahnende Freundin mit in den Sektor nimmt, die sich, oh Wunder, oh Wunder, durch eine schicksalhafte Fügung in der Rekordzeit von 14 Tagen alles aneignet, was man als Rapid-Fan wissen und können muss. Wie gesagt, als Rapidlerin muss man schon ein hoffnungsvoller Mensch sein.

Auf einem Geburtstagsfest ist es dann so weit. Es hat sich herumgesprochen, dass ich seit Jahren ein Abo in der Kurve habe und weiß, wovon ich rede, wenn es um Rapid geht. Die Reaktionen sind unerwartet. Gerade die Jüngeren in der Gruppe erklären mir, wie klasse sie Frauen wie Anna und mich finden, wie sehr ihnen solche Frauen auf der Tribüne fehlen und wie viel Respekt sie für uns empfinden. Na ja, zumindest der „Riesentitten-Song“ spricht gegen diese Behauptung. Ich freue mich trotzdem.

Rapid, das beinhaltet auch so glorreiche Aktionen wie die „Miss Rapid“-Wahl. Weibliche Fans sollen Fotos an das offizielle Rapid-Magazin schicken, die Siegerinnen werden von einer Jury bestehend aus Vereinsspielern gekürt. Das Bild des weiblichen Rapid-Fans, das der Verein dabei vermittelt, ist an Chauvinismus kaum zu überbieten. Die meisten Schönheiten, die ihre Fotos einsenden, den Rapid-Schal gekonnt um die nackten Hüften und Dekolletees drapiert, interessieren sich wohl eher weniger für Fußball – was nicht prinzipiell verwerflich ist – dafür mehr für eine Modelkarriere. Besonders klar wird das, wenn sich ein Mädchen mit violettem Bikinioberteil bewirbt. Violett ist die Vereinsfarbe unseres Stadtrivalen. Die Vereinsverantwortlichen ignorieren bei der Vorauswahl die Bilder jener Frauen, die sich in Jeans, Dress, Schal und Jubelpose ablichten ließen, und setzen voll auf nackte Haut. Die drei Gewinnerinnen werden vom Verein zu einem Fotoshooting eingeladen. Das Thema des Shootings: Molin Rouge! Die Erstplatzierte prangt leichtbekleidet auf dem Titelblatt. Daraufhin klaut der Briefträger mein Rapid-Magazin …

Nun ist es aber so, dass ich gelernt habe, mich zu wehren! Ich arbeite für FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel./vidc, ein interkulturelles Fußballprojekt, das sich gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierungen im Fußball stark macht. Immer wieder organisieren wir antirassistische Stadionaktionen bei Rapid. Eine solche Stadionaktion besteht aus vielerlei Elementen. Wir verteilen Magazine im Stadion, motivieren die Fans, selbst gegen Rassismus aktiv zu werden, z. B. in Form von Choreographien und Spruchbändern, die Spieler laufen mit einem großen Transparent gegen Rassismus ein, es gibt Stadiondurchsagen zur Aktion und so weiter. Rapid erklärt sich sofort bereit, ein vierseitiges FairPlay-Special in das offizielle Stadionheft aufzunehmen. Da ich für die inhaltliche Gestaltung verantwortlich zeichne, bitte ich Anna einen Artikel über ihre Erfahrungen mit Sexismus im Stadion zu verfassen. Rapid bringt den Text ungekürzt ins Heft. So werden 17.500 StadionbesucherInnen über sexistische Fangesänge, „Miss Rapid“-Wahlen und den Irrsinn der vorherrschenden Klischees gegenüber weiblichen Fans informiert. Bis heute weiß ich nicht, ob die Verantwortlichen bei Rapid den Artikel einfach überlesen haben oder tatsächlich die Courage hatten, die kritischen Worte unzensiert ins Heft zu nehmen. Einem Mitglied im Klub der Hoffnungsvollen sei es aber erlaubt, Letzteres anzunehmen.

Nun ist Hinterlist nicht mein vornehmlicher Wesenszug, aber manchmal kann sie doch auch hilfreich sein. So gehört das Verfassen des Stadionsprechertextes ebenfalls zu meinen Aufgaben. Da ich weiß, wie professionell unser Stadionsprecher arbeitet und wie gewissenhaft er seine Texte verliest, würze ich unsere antirassistische Grundbotschaft mit einer Prise Feminismus. So hört ein ausverkauftes Stadion den Satz: „… denn jede Frau und jeder Mann, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, soll sich bei uns im Hanappi-Stadion zu Hause fühlen!“ Wie viele im Stadion wirklich hingehört haben, weiß ich nicht. Wie viele die Botschaft verstanden haben, weiß ich noch weniger. Ich weiß nur, dass Stillsein und Hinsetzen nicht mein Ding ist. Ob es tatsächlich etwas bewirkt?

Epilog

Anna und ich stehen auf unserer geliebten West. Die FairPlay-Stadionaktion ist längst Geschichte, das revolutionäre Stadionheft im Altpapier. Der Stadionsprecher begrüßt wie immer vor Spielbeginn jede Tribüne einzeln. Gerade jetzt hat er sich der Ost zugewandt. Die Osttribüne ist für die Greenies reserviert, den offiziellen Vereinsfanklub für Kinder. Der Stadionsprecher gibt sein Bestes, um die Stimmung anzuheizen: „Osttribüne! Jetzt seid ihr dran! Ich will euch hören! Ich seh’ schon, heute sind wieder besonders viele Burschen gekommen, um …“ Er unterbricht sich: „… aber halt, nein, das kann man so ja gar nicht sagen, es sind ja auch sehr viele Mädchen mit dabei. Also, ein herzliches Willkommen den Burschen und Mädchen von der Ost!“

Anna und ich brauchen uns nicht anzusehen, um das feine Grinsen auf den Lippen der jeweils anderen zu erahnen. Da stehen wir, Anna und ich, die Sonne im Gesicht und die Kurve im Herzen. Als Rapidlerin braucht man die Hoffnung nie aufzugeben.