Picknick auf dem Mittelkreis Arbeit mit weiblichen Fußballfans nach einem Modellprojekt in Bremen

Anja Janetzky

Die Idee des Arbeitsvorhabens „Mädchen-Fan-Projekt“ mit dem offiziellen Titel „Männlich dominierte Fanszene: Ein Modellprojekt für Mädchen und junge Frauen beim SV Werder Bremen“, Kurzform Mäpro, entstand im Jahre 1994 im Zuge innovativer Projektarbeit in Bremen und wurde 1998 mit dem Auslaufen der Projektgelder erfolgreich abgeschlossen.(1) (Seit 1998 besteht ein wöchentlicher Treff für Mädchen und junge Frauen beim Fan-Projekt Bremen e. V., betreut von einer weiblichen Fachkraft mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Mädchenarbeit.)

Das weitestgehend von der „Stiftung deutsche Jugendmarke“ finanzierte Modellprojekt fand seine Arbeitsansätze in einer mit den Jahren veränderten Medien-/Event- und Fußballwelt. Fußball wird mehr und mehr gesellschaftsfähig. Berichterstattungen bereiten den Sport so auf, dass jeder Interessierte angesprochen wird, ohne über ein großes Hintergrundwissen verfügen zu müssen oder durch eine spezifische Sozialisation in den Fußball hineingewachsen zu sein. Durch diese veränderte und medienwirksame Aufarbeitung hat sich auch die Publikumsstruktur gewandelt, und der Zugang zum Fußball wurde erleichtert. Parallel zu diesem Wandel gehen Frauen zunehmend selbstbewusster ins Stadion.

Hier setzte das Mädchen-Fan-Projekt an. An erster Stelle stand nicht der Fußball oder die Fußballszene, sondern die Person, die sich in diesem Fußballumfeld bewegt: die Zielgruppe Mädchen im Bezug zum Fußball, der immer noch männlich dominiert ist. In einem Selbstverständnis als Fan begeben sich die Mädchen und Frauen in ein Feld, in dem sie immer wieder auf gewachsene Vorurteile und Klischees innerhalb der traditionell männlich geprägten Szene treffen. Die traditionell gewachsene und historisch eingebettete Ordnung dieser Szene wird durch die skizzierten Veränderungen herausgefordert. Die so entstehenden Reibungen erreichen unterschwellig auch die Zuschauerränge und reichen in viele Ecken der Fußballwelt hinein.

Für die sozialpädagogische Jugendarbeit im Fußball gibt es augenscheinlich keinen Handlungsbedarf, wenn es um weibliche Fans im Stadion geht. Frauen sind keine Hooligans und in der Regel auch nicht gewaltbereit. Sie sind nicht laut und fallen daher kaum auf. Die Projekterfahrung aber zeigt, dass die Frauen beschuldigt werden, durch ihre Anwesenheit die vermeintliche Harmonie des Fußballzusammenhangs zu stören.

Der Anfang

Meine persönlichen Erfahrungen im Ordnungsdienst des Bremer Weserstadions, im Fußballumfeld und im Fan-Projekt gaben den Ausschlag für den Aufbau weiblicher Fanarbeit im Rahmen des Modellprojekts.

Innerhalb des Arbeitsbereiches der aufsuchenden und begleitenden Fanarbeit waren kaum Mädchen und junge Frauen präsent oder wurden in deren Angebot und Betreuung einbezogen. Wenige Frauen waren offiziell in Fanklubs zu finden. Die vielen Mädchen und Frauen, die schon 1994/95 im Stadionumfeld anzutreffen waren, wurden durch die herkömmliche Fanarbeit nicht oder nur unzureichend wahrgenommen, angesprochen und erreicht.

Konfrontiert mit dem Vorurteil, dass Frauen in der Regel nur aus Liebe zu ihrem Freund ins Stadion gehen, sonst aber kein Fußballinteresse, geschweige denn Fußballverständnis haben, führten meine Kolleginnen und ich über zwei Spieltage hinweg eine stichprobenartige Umfrage unter Stadionbesucherinnen durch. Dies verhalf uns zu einem Überblick über das vorhandene weibliche Publikum (Jacob/Janetzky/Kroll/Milschewsky 1996). Anhand der Ergebnisse und erster gesammelter Erfahrungen entwickelten wir ein Konzept für das darauf folgende zweijährige Modellprojekt. Von Anfang an war klar, dass der Weg das Ziel ist und dass sich unsere Arbeit stark an den Reaktionen und Bedürfnissen der Mädchen und jungen Frauen orientieren würde. Arbeitsschwerpunkt war folglich, die aktuelle Situation zu verbessern, ein Bewusstsein über Problematiken zu schaffen sowie die Mädchen untereinander zu vernetzen.

Die Arbeit

Zur grundlegenden Idee des Projekts wurde es, die Eigeninitiative, die Selbstorganisation und die Selbstbestimmung der Zielgruppe zu fördern. Durch gegenseitiges Kennenlernen und den Austausch von Erfahrungen und Meinungen sollten die Mädchen ein Gefühl dafür bekommen, dass sie nicht alleine im Fußballumfeld stehen. Missstände sollten gemeinsam angegangen und bearbeitet werden. Weiter sollten sie positiv darin unterstützt werden, gleichberechtigt und ohne Einschränkung ihrem Hobby und ihrer Leidenschaft nachzugehen. Das Mäpro sah sich als Impulsgeber, Multiplikator und Koordinator für weibliche Fanbelange. Folglich wurden Ideen, Meinungen und Wünsche aufgenommen und versucht gemeinsam mit den Fans umzusetzen, um mit den gewonnenen Erkenntnissen auf weiteren Ebenen etwas zu bewegen.

Nach dem Prinzip der aufsuchenden, mädchenparteilichen sowie integrativen Fanarbeit ergaben sich folgende Arbeitsschwerpunkte:

  • l aufsuchende Arbeit
    • im Stadion
    • bei Auswärtsfahrten
    • im Stadionumfeld
    • vor der Geschäftsstelle
    • beim Training der Spieler
  • offener Treff/Sprechstunde
    • wöchentlicher Treff
    • gemeinsames Fußballspielen
    • Konfliktmanagement
  • Projekte
    • gemeinsame Auswärtsfahrten
    • Turnierbesuche
    • Turnierausrichtung
    • Fotokurs/Ausstellung/Workshop
    • Kulturelle Veranstaltungen
  • Medien-/Öffentlichkeitsarbeit
    • Netzwerkarbeit
    • Ansprache der Medienpartner

Vorwegzunehmen ist, dass unsere Arbeit in der Fanszene erfolgreich war und die Mädchen und jungen Frauen die Arbeit weiterhin einfordern. Sie hatten mit dem Mäpro ein Sprachrohr entwickelt, welches ihre Interessen ernst nimmt und weiterleitet. Viel wichtiger ist aber, dass sie durch das Projekt eine persönliche Akzeptanz erfahren haben. Hier wurde ihnen zugehört, und ihre Rolle als Fan wurde ernst genommen. Ein Raum des Respekts eröffnete sich. Für sie entstand eine Lobby im Fußballzusammenhang, in der sie gemeinsam Kräfte sammeln und Ideen entwickeln konnten. Durch gemeinsame Gespräche über den Alltag im Stadion wurde den Mädchen bewusst, warum sie hier sind. Alkoholismus und Sexismus waren Bereiche, die in unseren Runden mit einer wachsenden Vertrautheit angesprochen und bearbeitet wurden. Durch den nun vorhandenen Austausch konnten Situationen infrage gestellt und gemeinsam betrachtet werden.

Die Einbettung des Projekts

Ohne die Unterstützung des Fan-Projekts Bremen e. V. wäre es kaum möglich gewesen, einen Träger für diese innovative Mädchenarbeit zu finden. Diesem Verein war das Modellprojekt seit seiner Entstehung angegliedert. Es ist aber zu erwähnen, dass innerhalb des alt eingesessenen Fan-Projekts auch Probleme in der Akzeptanz der Arbeit des Mäpro aufgetaucht sind. Eine Schwierigkeit bestand darin, dass das Mäpro von Anfang an eine andere Ausrichtung hatte. Das Fan-Projekt arbeitet seit vielen Jahren in der soziokulturellen Jugendarbeit im Fußballzusammenhang nach dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit.(2) Im Wesentlichen ist Fanarbeit geschlechtsunspezifisch. Der Fan als Begriff lässt sich keinem Geschlecht zuordnen. Da wir uns aber innerhalb des traditionell männlichen Feldes Fußball bewegen, findet über das Fan-Projekt eine Ansprache der männlichen Fans statt. Unser Modellprojekt jedoch hatte den Ansatz der mädchenparteilichen Arbeit mit Integrationsziel. Folglich stand hier die Arbeit mit den Mädchen vor dem Bezug zum Fußball. Dieser gravierende Unterschied führte oft zu Schwierigkeiten im gegenseitigen Verständnis.

Durch die innovative Arbeit im Fanzusammenhang wurden alt hergebrachte Ansätze und Arbeitsweisen indirekt infrage gestellt; eine erneute Prüfung alter Ansätze hätte eine Folge sein können. Wird aber an Traditionsmustern gerüttelt und zu einer Hinterfragung aufgefordert, bedeutet dies immer ein gewisses Quantum Mehrarbeit. Es war schwierig, in diesem Rahmen bewusst werdende Missstände aufzulösen.

Es hat fast ein Jahr gedauert, bis die männlichen Kollegen bereit waren, den Mädchen im doppelten Sinne eigenen Raum für zwei Stunden pro Woche zur Verfügung zu stellen.

War es die Angst vor dem Verlieren ihres bislang klar definierten Raums oder auch eine Angst vor einen möglichen Kontrollverlust durch das steigende Selbstbewusstsein und die größere Eigeninitiative der Mädchen?

Aktivitäten und Entwicklungsdynamik

Der Name „Mädchen-Fan-Projekt“ ist, wie bereits erwähnt, eine Kurzform des wissenschaftlichen Titels „Männlich dominierte Fanszene: Ein Modellprojekt für Mädchen und junge Frauen beim SV Werder Bremen“ Der Name „Mädchen-Fan-Projekt“ wurde aber auch von Mädchen und jungen Frauen genutzt, um ihre Stellung in der Szene zu definieren. „Wir sind das Mädchen-Fan-Projekt“ war die Aussage von Fans, die anhand dieses Namens einen Punkt gefunden hatten, mit dem sie sich in ihrem momentanen Stadium des Fandaseins identifizieren konnten. Eine Gruppe von Mädchen gab an, dass sie durch das Projekt ermutigt wurden, ihre Position in der Szene zu finden; sie wollten nun auf weitere Mädchen zugehen und sich vernetzen. Im Prinzip war dies genau der Erfolg, der in Hinblick auf Selbstverständnis und Selbstorganisation erreicht werden sollte.

Im Laufe der Arbeit kristallisierte sich jedoch heraus, dass es nicht ausreichte, wenn sich die Mädchen ausschließlich alleine zusammensetzten. Durch eigene Abgrenzung werden sie erneut ausgegrenzt. Fankontakte der traditionellen Fanarbeit und die innerhalb der Mädchenarbeit sollten gemeinsam Wege des Miteinanders ebnen. Doch damit Mädchen ihre Interessen auch innerhalb der Fanarbeit artikulieren und durchsetzen können, bedarf es eines Forums zur Unterstützung.

Ein Verständnis für die Belange von Mädchen und jungen Frauen muss nicht nur im unmittelbaren Umfeld der Fans erreicht werden, sondern auch im Fan-Projekt selbst, sowie dem Verein und der Gesellschaft. Immer noch ist es für einen Jungen und einen Mann selbstverständlicher ins Stadion zu gehen als für eine Frau. Die deutsche männliche Sozialisation wird eng mit dem Fußball in Verbindung gebracht, der den Frauen jedoch weitestgehend verwehrt bleibt. Dies machten häufig wiederkehrende Sprüche wie „Ihr habt doch eh keine Ahnung“ deutlich. Frauen werden auf ihre Fußballtauglichkeit mit der Frage nach der Abseitsregel geprüft. Selbst Journalisten, die das Projekt besuchten, stellten den Mädchen diese Frage. Einem männlichen Fan hingegen wird dieses Wissen automatisch unterstellt. Nicht selten führt dies jedoch sogar dazu, dass die Mädchen den Jungen fachlich überlegen sind, da sie, um ihre Stellung auch nur annähernd behaupten zu können, über ein enormes Wissen verfügen müssen. Die Bestätigung der Daseinsberechtigung findet also nach traditionellen und männlichen Mustern statt. Dazu passt, dass weibliche Fans oftmals nicht als solche, sondern lediglich als „Freundin von“ wahrgenommen werden.

Uns stellte sich daher die Frage: Wer sind die fußballinteressierten Mädchen wirklich, wo finden wir sie?

Vor der Geschäftsstelle, am Trainingsplatz …

… hier waren sie, Mädchen und junge Frauen, die durch die bisherige Fanarbeit nicht erreicht wurden. Fans, die sich nicht zwischen Kutten, Hooligans oder Ultras wiederfinden. Nicht nur am Fußball, sondern auch an den Spielern interessierte Frauen, die alles tun, um nahe an dem Verein zu sein, dafür sogar Schule schwänzen und ihr letztes Geld in Eintrittskarten stecken. Mädchen, die Aufmerksamkeit suchen und eine vermeintliche Stellung, dabei aber von anderen Fans herablassend betrachtet werden. Spieler geben Autogramme, fühlen sich vielleicht geschmeichelt bei so viel Verehrung, verhalten sich aber oft ähnlich herablassend wie diejenigen männlichen Zuschauer, die den Mädchen Fußballkompetenz absprechen. Von einer Akzeptanz dieses weiblichen Fanzugangs war nichts zu sehen. Die Mädchen standen zunächst alleine oder in kleinen Gruppen da, bis sie sich langsam gefunden hatten.

Nicht selten zog die Euphorie der Mädchen Probleme im Elternhaus, in der Schule oder in Beziehungen mit sich. Werden diese Mädchen auffällig, ist es jedoch unwahrscheinlich, dass das traditionelle Fan-Projekt bei der Lösung dieser Konflikte einbezogen wird.

Immer wieder war ich fasziniert von dem Engagement und der Vertrautheit, mit der sich die Mädchen die Idee des Mäpro zu eigen machten. Mit dem Mädchen-Fan-Projekt fanden sie einen Halt; sie konnten sich damit identifizieren und wurden in ihrer Daseinsberechtigung nicht infrage gestellt. Hier fanden sie die Möglichkeit, ihre eigene Form des Fan-Seins zu leben, ohne sich in traditionell gebundene Gruppen hineinbegeben zu müssen. Wir und besonders die unser Logo übernehmenden Mädchen hatten alle Freiheiten ihren Standpunkt zu finden. Mit den Koordinatorinnen bot sich im Namen das Mäpro eine Rückzugsmöglichkeit zum Durchatmen und Kräftesammeln an, um sich dann wieder in das alltägliche Treiben des Bundesligafußballs stürzen zu können. Das große Medieninteresse an dem bundesweit einmaligen Projekt unterstützte die Mädchen in ihrer positiven Selbstwahrnehmung. Es schien, als wollten alle Medienvertreter darüber berichten, wie Mädchen ihre Stellung finden und behaupten und wie sie den Männern in Sachen Fußballverständnis locker das Wasser reichen können.

Konkrete Projekte einer knapp vierjährigen Arbeit

Innerhalb der Modellphase der Mädchenarbeit führten wir neben der kontinuierlichen aufsuchenden Arbeit auch verschiedene Aktionen und Projekte durch. Teilweise entstanden diese durch Angebote seitens des Modellprojekts, teilweise mit unserer Unterstützung durch die Eigeninitiative der Mädchen.

Fußball spielen

In der Welt des Fußballs besteht auch das Interesse der Mädchen nicht alleine darin, die Spiele der Profis und deren Training zu verfolgen. Gespräche mit Mädchen und die Stadionumfrage hatten ergeben, dass der Wunsch besteht, selbst Fußball zu spielen. Wir reagierten darauf und boten in der Nähe des Stadions einen Schnupperfußballtreff an. Doch von einem geäußerten Interesse der Mädchen bis hin zur Umsetzung war es ein weiter Weg. So war es nicht einfach, überhaupt eine Platzzeit zu bekommen. Der Spieltreff in den Abendstunden hatte besonders in den Wintermonaten den Nachteil, dass die Lokalität abseits von hellen und belebten Straßen lag; die Angst der Mädchen vor Übergriffen war nachvollziehbar. Zudem kamen die Mädchen nur selten alleine, ohne enge Bezugsperson wie eine Freundin, zu so einen Treffen. Unser noch vager Kontakt in die Szene und die noch unzureichende Vernetzung verhinderte daher eine rege Teilnahme. Ein anderer ganz wichtiger Faktor war die Zeiteinteilung des Partners der Spielinteressierten. Stand dieser an jenem besagten Abend den Mädchen zur Verfügung, sahen sie sich verpflichtet, ihm Gesellschaft zu leisten. Die aufgezählten Gründe führten dazu, dass der Schnupperfußball zunächst aufgegeben, aber nie ganz aus den Augen verloren wurde.

Im zweiten Jahr reagierten wir auf eine Anzeige im Werder-Magazin, in dem ein Mädchen Mitstreiterinnen für ein Mädchenfußballteam bei Werder suchte. Diese Eigeninitiative wurde durch das Modellprojekt unterstützt, indem diese Mädchen die Räumlichkeiten des Fan-Projekts nutzen konnten. Auf Anfrage besorgte ich ihnen eine Hallenzeit und unterstützte die Mädchen in der Verbreitung ihrer Idee. Hierzu ist zu sagen, dass es bei Werder bis dato keine Frauenfußballabteilung gab und wohl auch zukünftig keine eingerichtet wird. Die geäußerten Argumente gegen die Einrichtung einer Frauen- und Mädchenabteilung waren vielfältig:

  • Durch ein Frauenteam bei Werder könnten andere Teams in Bremen geschwächt werden, und die bereits spielenden Mädchen würden zu Werder abwandern.
  • Die Amateurabteilung sei schon so überlaufen, dass es nicht möglich wäre, andere Teams in die Platzvergabe zu integrieren.
  • Die Umkleidekabinen seien nicht so konzipiert, dass diese von beiden Geschlechtern gleichzeitig genutzt werden können.
  • Außerdem habe es einmal ein Team gegeben, hier wurde eine Spielerin vom Trainer schwanger …

Diese Argumente konnten die Mädchen jedoch nicht akzeptieren; sie gaben an, dass ihre Eltern es eher befürworten würden, wenn sie an einen Bundesligaverein angegliedert Fußball spielen würden. Die Prominenz des Vereins kann ein Türöffner für eine größere Akzeptanz des Frauenfußballs sein.

Fanturniere

Anfänglich haben wir Projektlerinnen neben den Heim- und Auswärtsspielen Fanturniere lediglich besucht. Später haben bei solchen Turnieren Projektmitarbeiterinnen auch mitgespielt. In der nächsten Phase spielten weibliche Fans mit uns Mitarbeiterinnen auf reinen Mädchenturnieren und später innerhalb gemischter Fanturniere. Der nächste Schritt war, dass sich Mädchenteams selbständig bei regulären Fanturnieren anmeldeten und entweder mit den Jungen mitspielten oder durch rege Teilnahme ein eigenes Turnier verwirklichten. Dies war ein Grund, warum das Mäpro ein eigenes Turnier für Mädchen organisierte. Im Rahmen des „will ma“-Cup 1998 konnten Mädchen mit vielen anderen Mädchen ungezwungen gegen den Ball treten und das Spiel ausprobieren. Dies alles ohne kritische Blicke oder Worte der Jungs, die meist eine andere praxisnähere Fußballsozialisation aufweisen als Mädchen. Dieses Turnier stieß auf sehr gute Resonanz von Seiten der Freizeitkickerinnen, Jugendeinrichtungen und Fans, mit der Folge, dass dieses Turnier zu einer festen Einrichtung werden sollte. (Jungs durften anwesend sein, und auch die Schiedsrichter waren männlich.)

Der „will ma“-Cup war ein wunderbares Beispiel dafür, wie Mädchen sich ihrer Selbstwerte bewusst wurden . Hier war es uns gelungen, 16 Freizeitfrauschaften zu mobilisieren und eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Party inklusive. Da das Turnier gegen Ende des zweiten Jahres stattfand, war das Modellprojekt durch rege Medienarbeit relativ bekannt, und wir bekamen Unterstützung von vielen Seiten. Radio Bremen hatte eine Liveschaltung gelegt, verschiedene Sponsoren von Werder versorgten uns kulinarisch, und der Bremer Fußballverband stellte uns Bälle und Schiedsrichter.

Weitere Projekte

Nicht nur das Fußballspielen stand im praktischen Bereich der weiblichen Fanarbeit im Vordergrund. Im Laufe der Modellphase wurden auch andere Ideen aufgegriffen und Projekte in die Wege geleitet. Dazu gehörten die Organisation von Feiern und Auswärtsfahrten zu Bundesligaspielen sowie künstlerische und sportjournalistische Angebote. Zwei große Projekte waren zum einen ein Fotokurs, der den Mädchen die Kamera und Entwicklungsmöglichkeiten nahe brachte, und zum anderen die Mithilfe in der Ausgestaltung der Fanräumlichkeiten. Hier war für eine große weiße Wand ein Wandbild vorgesehen. Zusammen mit einer Künstlerin wurden Ideen gesammelt, Vorlagen gefertigt und auf die Wand gebracht. Die Mädchen hatten sich somit einen sichtbaren Platz geschaffen und nahmen die Fanräumlichkeiten auch als die ihren an. (Das Bild ist mittlerweile übermalt)

Ein weiteres Projekt war ein Gastbeitrag einiger Mädchen des Fanklubs „All for six“ bei der „taz“. Hier hatten sie die Möglichkeit, von der Pressetribüne aus den aktuellen Spielbericht als Gastkommentator für die Tageszeitung zu schreiben.

Zu Beginn des Modellprojekts existierten zwei Mädchen-Fanklubs mit den Namen „All for six“ und „Die glorreichen Elf“. Später sind noch die „Werderzicken“ dazugekommen. Die „Werderzicken“ sowie „All for six“ hatten eine eigene Fanzeitung, wobei die von „All for six“ für die Spieler geschrieben wurde.

Es fanden auch Kooperationen mit anderen Institutionen wie z. B. der Stadtbibliothek statt. Hier gestalteten die Mädchen im Rahmen der 100-Jahr-Feier von Werder die Schaufenster.

Im Rahmen der Suchtpräventionstage in Bremen gab es eine Ausstellung über Mädchenarbeit beim Fußball und ein Kleinfeldturnier.

Gemeinsame Weihnachtsfeiern mit Plätzchenbacken oder der Besuch von Veranstaltungen, Konzerten und Kino standen genauso auf dem Programm wie der regelmäßige Treff zum Austauschen und Fachsimpeln.

Zukunft von Mädchenarbeit im Fußballzusammenhang

Die Finanzierung des einmaligen Modellprojekts lief 1998 aus. Seitdem hat es nichts Vergleichbares gegeben. Zurück bleibt das Know-how einer mehrjährigen intensiven Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen im Fußballzusammenhang und das Wissen um die Schwierigkeiten innerhalb der männlich dominierten und traditionsgeprägten Fußballlandschaft. Auf allen Ebenen im Fußballzusammenhang werden Frauen mit Vorurteilen konfrontiert und müssen für sich Wege finden damit umzugehen, wenn sie in ihrem gewählten Feld tätig sein wollen. Es ist noch ein langer Weg hin zur Gleichberechtigung und einem respektierenden und akzeptierenden Miteinander – nicht nur im Fußball.

Es darf nicht sein, dass Spieler Mädchen beim Fanfotos machen zwischen die Beine greifen. Es darf weiter nicht sein, dass die Mädchen sich nicht trauen und keine Lobby haben, etwas dagegen zu unternehmen. Weiter sollte jedem und jeder ein eigener Zugang zum Fußball gewährt werden. An dem Spieler als Mensch und nicht nur als Fußballmaschine interessiert zu sein, muss respektiert werden. Eine Vernetzung der weiblichen Fans im Stadion, eine Ansprache und somit eine Aufwertung des weiblichen Fußballinteresses im Fanbereich ist ein Anfang, der weiterverfolgt werden muss. Hierzu ist eine Verankerung der Fanarbeit mit weiblichen Fans nötig. Ein Überbau, eine Institution, die Impulse gibt und zur Selbstreflexion beiträgt.

Die von den Mädchen formulierte Idee eines Picknicks auf dem Mittelkreis wartet noch auf ihre Umsetzung. Der zentrale, magische Punkt in der Mitte des Feldes will besetzt werden. Ein genussvolles, Raum einnehmendes Erlebnis, das länger dauert als ein einfacher Anstoß.

Mädchenarbeit arbeitet viel mit Vorbildfunktionen. Sind erfolgreiche Frauen und auch eine Akzeptanz von weiblichem Fußballinteresse vorhanden, spornt dies mehr Mädchen und Frauen an, zu ihrer Leidenschaft zu stehen und gleiche Rechte einzufordern.

Lasst uns einen Raum der Vernetzung und der Rückzugsmöglichkeit schaffen, in dem eine eigene (Fußball-) Sozialisation entstehen kann, in der die traditionellen männlich konnotierten Werte nicht zwanghaft übernommen werden müssen.


1 Finanziert wurde das Projekt über zwei Jahre von der Stiftung deutsche Jugendmarke, der Stadt Bremen und dem DFB.

 

2 Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 1983. Zu ausgewählten Aspekten der Arbeit des Fan-Projekts Bremen vergleiche Klingebiel/Rutkofski 1993.


Literatur

Jacob, Claudia; Janetzky, Anja; Kroll, Regina; Milschewsky, Natascha: Ergebnisse einer quantitativen Studie über die Situation von jüngeren Zuschauerinnen im Weserstadion. Projektarbeitsgruppe Mäpro, Fan-Projekt Bremen e.V. (unveröffentlicht) Bremen 1996.

Klingebiel, Harald; Rutkowski, Manfred: Ostkurve. Das Modell oder „Sitzen ist für’n Arsch“. Dokumentation einer Initiative des Fan-Projekts Bremen e.V. von 1991–1993, Bremen 1993.

Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Nationales Konzept Sport und Sicherheit. Ergebnisbericht. Referat IV C 2, Düsseldorf 1983.