Psychomotorische Gewaltprävention - ein mehrperspektivischer Ansatz

Von Holger Jessel, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Universität Marburg, 2007.

In der Auseinandersetzung mit bisherigen Bewältigungsmöglichkeiten im Kontext der Gewaltforschung ist die Forderung nach Mehrperspektivität beinahe ubiquitär (vgl. u.a. CIERPKA 2005a; HEITMEYER/SOEFFNER 2004). Festzustellen ist bislang jedoch eine weitgehende Vernachlässigung der psychomotorischen Perspektive – nicht nur im Rahmen konkreter Präventionskonzepte, sondern auch im Hinblick auf theoretische und metatheoretische Begründungszusammenhänge. Zur Schließung dieser Lücke möchte die vorliegende Arbeit einen Beitrag leisten. Der mehrperspektivische Ansatz der psychomotorischen Gewaltprävention orientiert sich im Hinblick auf seine erkenntnistheoretischen Grundlagen am systemisch-konstruktivistischen Paradigma. Der Radikale Konstruktivismus (vgl. u.a. SCHMIDT 1987) dient als Metatheorie, die maßgebliche Argumente für Pluralität und Perspektivenvielfalt liefert. Mehrperspektivität bezieht sich dabei auf die theoretische Konstruktion der Arbeit, auf die Konzeption einer dialogischen interdisziplinären Kooperation sowie auf die Beziehungsgestaltung mit und zwischen einzelnen Klienten. In metatheoretischer Hinsicht werden nicht nur verschiedene systemisch-konstruktivistische Zugänge, sondern gleichberechtigt auch wesentliche (leib)phänomenologische Theorieentwürfe berücksichtigt. Dies führt zu einer deutlichen Erweiterung des theoretischen und praxeologischen Möglichkeitsraumes. Ergänzt wird der Radikale Konstruktivismus durch den interaktionistischen Konstruktivismus (vgl. REICH), die Personzentrierte Systemtheorie von Jürgen KRIZ sowie die Theorie der fraktalen Affektlogik von Luc CIOMPI. Aus diesen vier Perspektiven ergeben sich bedeutsame Konsequenzen für die psychomotorische Gewaltprävention, die sowohl die Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen und pädagogischen Grundhaltungen als auch die Formulierung konkreter körper- und leibbezogener Präventionsmaßnahmen betreffen. Der Fokus des mehrperspektivischen Ansatzes der psychomotorischen Gewaltprävention richtet sich jedoch erst in zweiter Linie auf die Gewaltproblematik. Gewaltdynamiken sind – so eine zentrale These dieser Arbeit – nur vor dem Hintergrund von Identitätsentwicklungsprozessen von Jugendlichen in ihren sozialen und lebensweltlichen Kontexten zu verstehen. In Anlehnung an KEUPP und Mitarbeiter (vgl. 2002) wird Identitätsentwicklung als subjektiver Konstruktionsprozess aufgefasst, im Verlaufe dessen Jugendliche eine Passung von innerer und äußerer Welt suchen. Dieser aktive Konstruktionsprozess ist zwar mit zahlreichen Risiken verbunden (u.a. Gewaltverhalten), er eröffnet jedoch auch die prinzipielle Chance einer selbstbestimmten und aktiven Lebensgestaltung. Zur Bewältigung der verschiedenen Identitätsherausforderungen sind Jugendliche einerseits auf psychische, soziale und materielle Ressourcen angewiesen, andererseits steht ihnen jedoch eine Ressource permanent zur Verfügung: Ihr Körper bzw. Leib. Mit Bezug auf das Modell der reflexiven Leiblichkeit (vgl. GUGUTZER 2002), das das leibliche Zur-Welt-Sein des Menschen als primordiale Wirklichkeit auffasst, werden die leiblichen Beziehungen des Menschen zu sich selbst und zu anderen der Entwicklung einer Identitätstheorie zugrundelegt. Dieses Modell basiert auf insgesamt vier theoretischen Entwürfen: 1. Philosophische Anthropologie (vgl. PLESSNER), 2. Leibphänomenologie MERLEAU-PONTY, 3. Leibphänomenologie SCHMITZ, 4. Habitustheorie (vgl. BOURDIEU). Gewalttätiges Verhalten wird vor diesem Hintergrund als Ausdruck misslingender (d.h. für mindestens eine Person problematischer) aktueller oder längerfristiger Identitätsentwicklungsprozesse aufgefasst. Da diese Prozesse untrennbar mit der Körperlichkeit und Leiblichkeit der Akteure verbunden sind, kann eine psychomotorische Perspektive wertvolle und differenzierte Hinweise sowohl für das Verständnis von Gewaltdynamiken als auch für die Gewaltprävention liefern. Kapitel 3 wirft einen differenzierten Blick auf das Phänomen Gewalt im Jugendalter (terminologische Klärung, Erscheinungsformen, Bedeutungsebenen, Erklärungs-modelle). Diese Differenzierungen sind eine elementare Voraussetzung für die Hypothesenbildung sowie für eine gezielte Vorgehensweise im Rahmen der psychomotorischen Gewaltprävention. Entscheidend ist dabei die Annahme, dass gewalttätiges Verhalten - wie jedes andere Verhalten auch - der subjektiven Sinnverwirklichung und der Befriedigung wichtiger Grundbedürfnisse dient. Erst eine solche Sichtweise erlaubt einen tieferen Blick auf die emotionalen und motivationalen Schemata, die diesen Verhaltensweisen zugrunde liegen. Mit dieser Auffassung wird zugleich eine zentrale Grundlage für die Nachhaltigkeit gewaltpräventiver Maßnahmen geschaffen. Auf der Basis der in Teil 1 entwickelten theoretischen Grundlagen erfolgt in Teil 2 eine Analyse ausgewählter gewaltpräventiver und motologischer Ansätze. Während die Diskussion der einzelnen Gewaltpräventionsansätze nach dem erkenntnis- und identitätstheoretischen Bezug (und damit nach der Bedeutung von Körper, Leib und Bewegung) sowie nach der Relevanz für die Motologie fragt, steht bei der Analyse der motologischen Ansätze (Kompetenztheoretischer Ansatz, Verstehender Ansatz, systemisch-konstruktivistische Positionen) neben den ersten beiden Fragen insbesondere die Untersuchung ihres Stellenwertes für die Gewaltprävention im Vordergrund. Der dritte Teil der Arbeit setzt sich schließlich mit der Integration und Differenzierung der theoretischen Zusammenhänge sowie mit der Konkretisierung des mehrperspektivischen Ansatzes der psychomotorischen Gewaltprävention auseinander.

Autor: Jessel, Holger
Titel: Psychomotorische Gewaltprävention - ein mehrperspektivischer Ansatz
Erscheinungsjahr: 2007
Fachbereich: Fachbereich Erziehungswissenschaften, Universität Marburg
Institut: Sportwissenschaft und Motologie
Format: Portable Document Format (PDF 6,4M)
URL: http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2008/0125/
URN: urn:nbn:de:hebis:04-z2008-01252
DDC-Sachgruppe: 360  Soziale Probleme, Sozialarbeit