Präventiv vereint – Sozialarbeit und Polizei?

Vortrag von Holger Ziegler, Universität Bielefeld, gehalten auf der 9. Bundeskonferenz der Fanprojekte 2002 in Offenbach

Ich werde leider nicht umhinkommen, eine kleine Begriffsklärung zur Prävention voranzustellen.
Ein beliebter Slogan der sozialen Dienste lautet Prävention statt Intervention. In der Sicherheitspolitik findet ein analoger Slogan nur mit einem und verbunden: Prävention und Repression. Aber selbstverständlich wird auch hier betont Prävention habe Vorrang.

Unzweifelhaft ist Repression aber eine Form zu intervenieren.
Bezeichnet der Begriff der Intervention ein Eingreifen in einen Geschehensablauf, so verbindet der Begriff der Prävention diesen Eingriff mit dem Ziel des Zuvorkommens oder Vorbeugens.

Prävention kann dabei nicht mehr als bedeuten, als die Vorverlagerung eines auf was auch immer konkret gerichteten Eingriff, mit dem Ziel das Eintreten eines antizipierten, als unerwünscht betrachteten Zustands oder Vorgangs zu verhindern, und somit einen anderen Zustand zu erhalten. Wesentlich sind somit die Dimensionen der Antizipation, d.h. der Vorwegnahme einer Zukunft, der Vorverlagerung eines Eingriffs und der letztlich normativ ablehnende Charakter des Bezugs auf die erwartete Entwicklung als hinreichende Merkmale des Präventionsbegriffs.
Prävention ist also kein Gegenbegriff zu zur Intervention oder Repression.

Prävention ist, die Rechtfertigung eines Eingriffs in die Gegenwart mit Bezug auf die Zukunft. Im Falle von abweichendem Verhalten geht es um die Vorverlagerung sozialer Kontrolle – und weil es eben keine Anzeichen dafür gibt, dass die Institutionen sozialer Kontrolle nicht mehr zugreifen würden, wenn die von ihnen erwartete ‚schlechte Entwicklung’ dann doch geschieht – um eine Ausweitung sozialer Kontrolle.
Dieses zeitliche Auseinanderklaffen der Intervention und ihrer Rechtfertigung ist durchaus rational. Über die Gegenwart kann man sich durchaus beschweren – es gibt ohne Zweifel mehr als genug Gründe dafür. Jedoch kann man selten ernsthaft behaupten das Gegenwärtige sei das Schlimmste, der ‚worst case’. Man sieht die Gegenwart, und die anderen sehen sie auch und es könnte passieren, dass man nachweisen muss, dass alles wirklich so furchtbar ist. Das kann dann ziemlich ‚peinlich’ werden, denn in einem gewissen Sinne ist die Gegenwart ‚nachprüfbar’ (und das keinesfalls nur in einem ‚wissenschaftlichen’ Sinn’). Für die Zukunft gilt das nicht. Hier kann man den schlimmsten aller Fälle annehmen, man kann ihn letztlich beliebig ausschmücken so lange bis auch der letzte einsieht dass diese Zukunft, sollte sie so geschehen, völlig untragbar ist: Da muss man etwas tun!!
D.H. ich kann beispielsweise einen Eingriff für den es gegenwärtig keinen Anlass gibt, mit Bezug auf Prävention rechtfertigen. Vor kurzem wurde in einer Fernsehsendung wurde über gefährliche, unheilbare, pädophile, etc. Sexgangster diskutiert - die schlimmste aller Personen wenn man möchte. Man muss sie für immer Wegsperren meinte der Kanzler vor einiger Zeit. Letzte Woche ging es aber eher um andere Alternativen. Der Vorschlag war schnell bei der Hand: Prävention, je früher desto besser. Deshalb, ich übertreibe jetzt einwenig, braucht es vor allem Programme im Kindergarten und zwar möglich in allen Kindergärten und für alle Kinder oder noch besser allgemeine Pränataldiagnostik – man möchte ja keine Sexgangster.
Man könnte jetzt argumentieren, dass der Unterschied zwischen dieser ‚präventiven’ Vorgehensweise und dem Umgang mit Sexgangstern darin bestünde, dass gegen diese Kinder ja in keiner weise punitiv, d.h. strafend vorgegangen werde. Das ist – abgesehen davon dass eine solche Vorgehensweise auch noch in der striktesten Militärjunta absurd wäre – richtig, allerdings interventiert man in Kindergärten, ohne dass man aktuell begründen muss welche Situation, für welches Kind in welchem Kindergarten, denn es tatsächlich erforderlich mache mit ihm irgendwelche Maßnahmen und Programme durchzuführen .

Trotzdem ist Prävention kein Gegenbegriff zur Repression.
Nehmen wir an wir hätten es mit einem Akteur zu tun der zum fünften mal jemanden schwer verletzt und ausgeraubt hätte. Jener Akteur wird ‚erwischt’.
Jetzt könnte man argumentieren, dieser Akteur hat sich schuldig gemacht. Er hat andere massiv geschädigt, dass darf nicht ungesühnt bleiben, er muss betraft werden. Man steckt diesen Akteur für, sagen wir drei Jahre ins Gefängnis.
Diese ‚Strategie’ ist in einem gewissen Sinne ‚repressiv’ und sie ist nicht präventiv.
Man kann aber auch argumentieren, dieser Akteur sei offensichtlich für andere offensichtlich gefährlich. Wir müssen verhindern dass das in Zukunft jemals wieder gesehen kann. Um dies zu verhindern wählen wir die sicherste Methode. Man sperrt unseren Akteur für den Rest seines Lebens ein.
Sicherlich ist diese Vorgehensweise ganz und gar nicht weniger repressiv als die erste, aber sie ist nur und ausschließlich präventiv.
Im ersten Fall wird er eingesperrt weil er in der Vergangenheit verbrochen hat, im zweiten Fall – und zwar ohne Bezug auf ‚Moral’ und ‚Schuld’ - um zu verhindern, dass er in Zukunft ein Verbrechen (in Freiheit) begehen kann.
Das Beispiel ist überspitzt aber nicht völlig aus der Luft gegriffen (eine ähnlichen Logik folgt die Strategie der ‚selective incapacitation’).

In der Bundesrepublik ist das Strafrecht - insbesondere das Jugendstrafrecht - nicht ausschließlich aber zumindest auch präventiv begründet. Jede ‚Funktion’ die, die Strafe hat ist präventiv .
Prävention durch Strafe kann verschiedene Funktionen annehmen. Sie kann sich auf die Abschreckung eines Einzelnen beziehen, dem die Konsequenzen seiner Handlungen vor Augen geführt werden, oder (2) auf allgemeine Abschreckung, in dem die Bereitschaft zur Sanktion unerwünschter Lebensäußerungen in allgemeiner Form signalisieren und gelegentlich (am Einzelnen) auch demonstriert wird. Diesen sog. „negativen“ Varianten stehen „positive“, gegenüber, die auf Einsicht, Besserung, Erziehung, (Re-)Sozialisierung sowie Stützung und Aktivierung des „Guten“ und Erwünschten basieren.
Beiden Formen ist gemeinsam, dass sie der Integration in die bestehende Normalität und Normalitätsvorstellungen integrieren und damit zugleich diese Ordnungen Stabilisierung sollen. Quer zu diesen Varianten steht die bereits angesprochene Strategie der „Unschädlichmachung“ bzw. des Ausschlusses. Dabei geht es darum das störende Element zu entfernen, um so ihr Gefährdungspotential zu „entschärfen“.
Diese Prävention durch Unschädlichmachung muss sich nicht gleich auf einen gesamtgesellschaftlichen Ausschluss beziehen. Auch die „Datei
Gewalttäter Sport“ auf deren Basis bundesweit gültige Stadionverbote ausgesprochen werden sollen kann als Prävention durch Unschädlichmachung betrachtet werden..
Allerdings kann man ja auch sagen, es ist Prävention durch Abschreckung. Potentielle Gewalttäter werden durch die Drohung mit Stadionverbot abgeschreckt.
Ein dritter könnte meinen, durch die Drohung würden die Gewalttäter sehen, dass es Polizei und DFB ernst meinen, was ihn dazu motiviert über sein Verhalten nachzudenken, alles einzusehen, sich zum Guten zu entwickeln (z.B. eine Sitzplatzdauerkarte Haupttribüne, ein Fair-Play-T-Shirt und literweise alk-freies Bier zu kaufen).
Obwohl diese Argumentationslogik etwas weit hergeholt erscheint, kann man nicht mal sagen, dass dies die absurdeste Annahme im Präventionsdiskurs wäre.
Die Soziale Arbeit selbst hat einen anderen Präventionsbegriff. Sie unterscheidet zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention. Diese Unterscheidung ist aus der Medizin übernommen. Der Witz dieser Unterscheidung ist, dass diese Skala zur Einordnung von Interventionen dient. Im medizinischen Bereich, aus dem diese Unterscheidung übernommen wurde, wird Form des Eingriffs in diese Skala eingeordnet – was auch für die Jugendhilfe möglich ist.
Der Clou darin ist nicht, dass diese Einordnung besonders hilfreich oder trennscharf, sondern dass man wirklich machen kann was man will – vom Beratungsgespräch bis zur geschlossen Heimunterbringung und das Prävention nennen. Insofern hat der Kriminologe Stan Cohen (1985) nicht unrecht wenn er meint Prävention sei ein Mickey-Mouse-Begriff ohne analytischen Wert, der von der frühkindlichen Sozialisation bis zur Todesstrafe reicht.
Allerdings impliziert der Präventionsbegriff einiges:
Er beinhaltet eine Sicht der Welt die auf mögliche Gefahren und Risiken
hin untersucht wird, die auf dieser Basis den Zeitpunkt der Reaktion möglichst weit nach vorne legt und damit wie Robert Castel (1983) treffend suführt zu jener hektischen Variante der Vorsicht greift, die man Interventionismus nennt. Prävention geht von gewünschten Zielen aus – und zwar oft nicht gerade von den Zielen derer auf die die Prävention zielt – sie verlängert die Gegenwart in eine im normativen Sinne schlechtere Zukunft, sie setzt ihre Zukunftsvision dagegen und sie schließt dabei alternative Zukünfte aus.
Prävention beruht auf der Definitionsmacht in bezug auf die Frage welche Zukunft ‚richtig’ ist und auf der ‚realen’ Macht diese durchzusetzen. Und schließlicht basiert Prävention auf der Annahme man könnte Gefahren technisch bzw. sozialtechnologisch bewältigen, wenn man nur alle möglichen Lebenslagen und Lebensrisiken entschlüsselt.
Diese Gefahren werden dann zu ‚Risiken’.
Die Rede vom Risiko ist der Zwillingsbruder der Rede von Prävention.
Prävention setzt die Annahme voraus, das Ergebnis einer Entwicklung vorhersehen zu können, in diese Entwicklung eingreifen zu können und das erwartete Ergebnis damit gezielt zu verändern. Während die präventive Orientierung die Welt als riskant betrachtet, unterstellt sie zugleich ich ihre Kalkulierbarkeit. Die möglichst umfassende Erfassung von Risikofaktoren werden dabei im Sinne einer Wahrscheinlichkeitsrechnung mit zukünftigen Abweichung in Beziehung gesetzt. Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung funktioniert jedoch nicht in Bezug auf ein einzelnes Individuum – es bleibt eine Black Box - sondern nur in Bezug auf eine statistische Hochrechnung auf ganze Populationen. Dass ‚Subjekt’ wird konsequenterweise auf ein Cluster von Risikofaktoren reduziert – dabei ist es letztlich sogar unwichtig warum sich irgendetwas einen Risikofaktor darstellt und weshalb sich diese Risikofaktoren ‚culstern’ (vgl. Schaubild unten)

Aus: Hawkins, D.J. et al. 2000: Predictors of Youth Violence.

Sie werden bemerkt haben, dass ich kein Freund des Präventionsbegriffs in der sozialen Arbeit bin. Allerdings muss man sagen, dass dieser Begriff, zu der Zeit als er zu einem Zentralbegriff Sozialer Arbeit erhoben wurde, als eine Kritik der praktizierten oft entmündigenden Interventionsformen in der Sozialen Arbeit und vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe intendiert war. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass mit Prävention keinesfalls Kriminalprävention gemeint ist, sondern eine Vorgehensweise die möglichst niedrigschwellig und lebensweltlich bzw. an der Gestaltung der Lebenslagen der Nutzer ansetzt, um sie nicht zu entmündigten Klienten zu machen, und um von Beginn an dafür zu sorgen, dass die Nutzer ihre die Probleme in ihren Lebenslagen in den Griff bekommen können und eine Perspektive erhalten in denen sie sich möglichst selbstbestimmt entfalten können.
Die Intention war für das Selbstverständnis Sozialer Arbeit professionsadequat.
Und in diesem Sinne ist Ihre bisherige Arbeit und Ihr Selbstverständnis – ich meine damit die schlechtbezahlten Professionellen in den Fan-Projekten - soweit ich sie überblicke, in der Weise ‚präventiv’ wie der Begriff professionspolitisch intendiert war.
Nur leider ist dieser ‚Schuss’ mit der Prävention als Schlüsselbegriff für die Soziale Arbeit zu etablieren professionspolitisch nach hinten losgegangen. Die Rede von Prävention impliziert eine Umorientierung von den Bedürfnissen der Adressaten zu Risikoanalysen und im Falle der derzeit dominanten Form der Prävention, vornehmlich der Risiken die von den Adressaten selbst ausgehen.
Intention, Analyse, Programmatik und Theorie haben schlicht nicht zusammengepasst und in der Form wie Prävention im Moment gebraucht wird – ordnungspolitisch nämlich - kann es Ihnen passieren, dass sie Ihre Arbeit und Ihr Selbstverständnis verändern müssen. Genau dies wird, wenn ich es richtig sehe im Augenblick auch von Ihnen verlangt.
Insbesondere im Kontext der Tendenz Sie zu einer ‚produktiven’ Zusammenarbeit mit der Polizei sowie mit Akteuren die ihre eigenen Ordnungsinteressen formulieren – im Falle der ‚Ordnung’ in den Innenstädten beispielsweise die des Einzelhandelsverband und in Ihrem Falle etwa die des DFB.
Das heißt nicht dass Soziale Arbeit bisher nichts mit Abweichung, Gewalt etc. zu tun hatte. Nur aus der Sicht der Sozialen Arbeit waren diese Probleme der Ausdruck eines anderen Problems. Dieses Problem werden zugleich in einer inneren und äußeren Form verstanden. In der verinnerlichten Form beispielsweise als Perspektivlosigkeit, mangelndes Selbstvertrauen, oder auch etwas platt gesagt mangelnde kognitive, emotionale und soziale und Fähigkeiten und Fertigkeiten.
Die Perspektive der sozialen Arbeit ist dabei aber nicht, dass ihre Nutzer daran einfach nur selbst schuld seien. Soziale Arbeit unterstellt auch nicht dass blöd oder bösartig seien oder gar so auf die Welt gekommen seinen. Soziale Arbeit bezieht diese wenn man möchte inneren Problemlagen auch mit den Äußeren. Mit Zwängen, mangelnden Zugängen Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten mit Marginalisierung und der Verweigerung von Anerkennen in verschiedenen Formen und Ausmaßen. Soziale Arbeit sieht demnach durchaus dass es Abweichungen und teilweise sehr problematische Verhaltensformen gibt. Sie reagiert darauf in der Regel keinesfalls einfach mit Verständnis und Weichheit wie ihr oft unterstellt wird – im Gegenteil es wird ihr oft attestiert sie sei selbst stigmatisierend und würde ihre Nutzer in herrschaftlicher Weise disziplinieren. Um genau zu sein wird ihr von verschiedenen Seiten beides zugleich bescheinigt.
Ich glaube die Unterstellung von Weichheit und ‚falschem Verständnis’ verkennt, dass soziale Arbeit darauf ausgerichtet ist in einer doppelten Weise auf Kompetenz zu zielen. Auf Kompetenz im Sinne einer Erweiterung von Fähigkeiten und Fertigkeiten ihrer Nutzer – was übrigens teilweise durchaus auch mit Formen der Disziplinierung zu tun hat – und mit Kompetenz im Sinne einer Eröffnung von Zugängen, Möglichkeiten, Teilhabechancen und Gestaltungsspielräumen um diese Fähigkeiten auch Nutzen zu können.
In dieser Vorgehensweise in Bezug auf ‚problematische Verhaltensweisen’ war Kriminalprävention ein ‚Nebenprodukt’, dass sich auf die Entwicklung der einzelnen Akteure mit denen Soziale Arbeit umging bezog – fachterminologisch ging es um die individuelle ‚Inzidenzrate’.
Die Prävention anderer Institutionen, der Polizei, sieht anders aus. Sie bezieht sich im wesentlichen – und dies ist gar keine Kritik – auf die ‚Prävalenzrate’, d.h. auf die Höhe der Abweichungen insgesamt. Das Vorgehen der Polizei ist dabei, sieht man von Jugend- bzw. Jugendkontaktbeamten ab, tat- und nicht täterorientiert.
Vor allem aber ist ihr primäres Ziel die sichtbare Abweichung zu reduzieren.
Diese Form der Prävention bezieht sich demnach auf die Reduktion der Performanz von Abweichung und nicht auf die Ausweitung der Kompetenz der Akteure. Das heißt im Ergebnis aber, dass Soziale Arbeit Formen der Hilfe, Sorge und Bildung praktiziert die immer mit Kontrolle und Herrschaft verbunden sind – diese Gleichzeitigkeit ist das doppelte Mandat –, während die andere Form der Kriminalprävention eine Form der Kontrolle darstellt, die zwar helfende Momente haben kann, aber eben nicht muss – Hilfe ist ein mögliches Mittel zum Zweck der Reduktion der Abweichungshäufigkeit.
Während die soziale Kontrolle, das heißt die Reaktion auf Abweichung in modernen Gesellschaften schon immer in dem Sinne multi-institutionell war, dass verschiedene Institutionen ein Netz der Kontrolle darstellen das Überlappungen beinhaltete und in dem die Institutionen aufeinander verwiesen waren, zeichnet sich ein derzeit eine andere Form der Kooperation ab. Die Institutionen sollen zielgerichtet und koordiniert möglichst umfassend kooperieren ‚alle an einem Strang’ ziehen um ein – und dies ist wichtig - gemeinsames Ziel zu erreichen. Dieses Ziel ist so gut wie immer – ich zitiere aus einer einschlägigen Publikation (Northoff 2000) – „das gemeinsame Interesse einer effektiven Kriminalprävention“ und zwar genau in dem Sinne einer Reduktion der Performanz von Abweichung.
Dabei stellen Beobachter der meisten westlichen Gesellschaften, vor allem England Australien und den USA – dies sind ironischerweise jene ‚neo-liberalen’ Gesellschaften in denen es von politischer Seite offensive Bestrebungen, gibt den Einfluss der sozialen Dienste möglich gering zu halten - aber auch in Kontinentaleuropa übereinstimmend fest, dass sogenannte ressortübergreifende, multi-institutionelle, präventive Partnerschaften zu einem Kernbereich der Kriminalitätskontrolle und Ordnungserzeugung geworden sind. Selbst die UN verfasste Anfang der 1990er eine Resolution mit dem Ziel,
„ die Verantwortlichen für Planung und Entwicklung, für Familie und Gesundheit, Beschäftigung und Ausbildung, Wohnangelegenheiten und soziale Dienste, Freizeitaktivitäten, Schule, Polizei und Justizsystem zusammenzubringen, um die Bedingungen anzugehen, die Kriminalität produzieren“.

Deutschland ist dabei keinesfalls ein Außenseiter. Die, feste Zusammenarbeit in ‚Clearingstellen’ oder z.B. in dauerhaften Netzwerken zur „Ambulanten Intensiven Begleitung“, die Mitarbeit der Sozialen Arbeit in kriminalpräventiven Räten und häufiger noch in einer völlig unüberschaubare Zahl von gemeinsamen Projekten ist keinesfalls eine Ausnahme. In einem meiner Interviews sprachen Polizeibeamte davon, dass es überhaupt keine Form der polizeilichen Prävention mit Bezug auf Kinder und Jugendliche mehr gäbe in denen die Polizei nicht zielgerichtet mit sozialen und Bildungsinstitutionen kooperiere. Vorsichtige Schätzungen sprechen davon dass es mehr oder weniger dauerhafte zielgerichtete Kooperationen dieser Art in etwa 90% der Städte und Gemeinden gäbe und gar nicht selten bezeichnen sich Professionelle aus der Jugendhilfe sogar selbst als den „Motor regionaler Zusammenarbeit mit Polizei“ (Lerche 1999: 23). Das DJI hat inzwischen eine Forschungsstelle eingerichtet, die explizit einer Verbesserung und Erweiterung dieser Kooperation dienen soll.
Von einer Verweigerung der Sozialen Arbeit kann empirisch keine Rede sein. Das Wort ‚anbiedern’ trifft die Realität besser.
Dabei steht weniger die Polizei sondern die Soziale Arbeit vor einem zentralen Problem. Zwar wird immer wieder ausgeführt, wie sehr sich die Akteure bemühen würden aufeinander zuzugehen, zu respektieren und auf sprachliche und inhaltliche Dominanz zu verzichten – in wie weit dies die Realität trifft werden sie aus ihrer eigenen Erfahrung besser wissen als ich - aber wie eine Reihe von ausgezeichneten Forschungen aus England, Belgien und den Niederlanden treffend nachgezeichnet haben, kann von einer kommunikativen Idealsituation, d.h. von einer Situation in der sich gleichberechtigte sich anerkennende Teilnehmer in einem Dialog mit offenem Ausgang befinden und der zwanglose zwang des besseren Arguments obsiegt keine Rede sein.
Das gegebene ‚mission statement’ lautet eben von Anfang an Kriminalität zu verhindern bzw. die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Dies ist eine prä-koversationslogische Rahmung, die vom Beginn an, unabhängig von der Aushandlung und von der gewählten Strategie, eine größere Schnittmenge zu polizeilichen Logiken als zu den professionellen Logiken und Habitus der Vertreter der Jugendhilfe hat.
Verhandelt man Probleme aus der Perspektive der Kriminalität verfügt die vor allem die Polizei über strategische und symbolische Dominanz und über das letzte Wort. Von der strategischen Überlegenheit der Polizei im Bezug auf ihre Ressourcen und Manpower, sowie der größeren Fähigkeit – aufgrund einer hierachischeren Struktur – für eine einheitliche strategische Line ihrer Mitarbeiter zu Sorgen, wo dezentral und kommunal organisierte Sozialarbeiter aus unterschiedlichen Institutionen, unterschiedlicher Träger auch untereinander sehr selten eine ‚Einheit’ darstellen, ganz zu schweigen.
Alleine im organisationssoziologischen Vergleich ist häufig klar wer die ‚Hosen’ anhat. Und dies ist vor allem in britischen Untersuchungen immer wieder empirisch bestätigt worden. Hinzu kommt eine europaweit zu konstatierende politische Tendenz weniger die schwierigen Lebensumstände von der Nutzer sozialer Arbeit, sondern ihrer mögliche Delinquenz in den Mittelpunkt der Interventionen. Genau darum geht es ja in einer Reformulierung sozialer Dienste zu Instanzen der Kriminalprävention. Dabei werden Institutionen aus der Bildungs- und Sozialpolitik, die für eine ökonomische Verwertung nicht taugen, häufig auf ihren Nutzen für Sicherheit und Ordnung abgeklopft und Kriminalitätsbekämpfung - unter den Schlagwort Prävention versteht sich - zum dominierenden Zweck.
In einem Vergleich zwischen Europa und den USA zieht Luïc J.D. Wacquant den für die Soziale Arbeit verheerenden Schluss, dass in den USA die Institutionen des Sozialen zugunsten der Verbrechensbekämpfung zunehmend ersetzt und in Europa zwar nicht ersetzt aber zu einem subdominanten Anhängsel gemacht werden .
Die Tendenzen in Deutschland lassen sich durch die Empfehlungen eines sozialpädagogischen Forschungsinstituts zum Präventionsprojekt JKPP in Thüringen – ein Kooperationsprojekt, dass im sozialpädagogischen Diskurs als vorbildlich gilt - skizzieren. Nicht das Innenministerium sondern das Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit ist verantwortlich – ein ‚Heimspiel’ für die Soziale Arbeit könnte man meinen. In diesem Empfehlungen heißt es, dass sich Polizei und soziale Arbeit aufeinander zu bewegen sollen. Im Interesse einer effektiven Kooperation sind folgende zukünftige Veränderungen auf Seiten der Polizei und der Jugendhilfe geplant:
„ Veränderungen auf Seiten der Polizei:
In Bezug auf die Polizeinspektion sind aufgrund der bisherigen Erfahrungen aus dem JKPP grundsätzlich keine strukturellen Veränderungen vorgesehen [sic! …]
Veränderungen auf Seiten der Jugendhilfe:
Die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe sollen zukünftig verstärkt ihre Verantwortung für die Zusammenarbeit aller an der Jugendkriminalprävention beteiligten Akteure wahrnehmen und dafür die entsprechenden organisatorischen Voraussetzungen schaffen.
Den am JKPP beteiligten Jugendämtern fehlen häufig verbindliche Kriterien, nach denen beurteilt wird, ob bei den gemeldeten Kindern und Jugendlichen ein Hilfebedarf besteht. […Es besteht daher] die Notwendigkeit […] verbindliche Kriterien zu entwickeln […] Da ein freiwilliges Beratungsangebot durch die Betroffenen in der Regel nicht angenommen wird, ist es notwendig, vermehrt aufsuchende Sozialarbeit vor Ort zu praktizieren […]
Insbesondere die Gruppe der Mehrfachtäter muss zukünftig frühzeitiger erkannt werden, um sozialpädagogische Hilfen wirksam werden zu lassen.“

Es wird ziemlich deutlich wer sich zu bewegen hat, wenn sich die Institutionen der Kriminalitätskontrolle und die Institutionen des Sozialen aufeinander zu bewegen sollen.
Dies ist international ziemlich identisch. Als Faustregel lässt sich sagen, dass diese Tendenz in Ländern die eher als ‚neo-liberal’ bezeichnet werden können weiter fortgeschritten ist als in eher wohlfahrtsorientieren wobei die Niederlande eine Ausnahme darstellen. Die Niederlande werden in der Bundesrepublik häufig als Vorbild betrachtet. Ich möchte dazu nur sagen, dass ein ehemals sehr sozialliberales Land dass inzwischen die prozentual am schnellsten wachsenden Inhaftierungsraten hat, und es geschafft hat seine Gefängispopulation während den 1990er Jahren nahezu zu verdoppeln (vgl. Walmsley 2000) m.E. ein fragwürdiges Vorbild ist.
Was wohl einer der größten Unterschiede, zwischen der Bundesrepublik und dem am weitesten vorangeschrittenen Ländern im Bereich der Kriminalprävention ist die Dominanz von pragmatischen, im klar definierten Sinne problemspezifischen und outcome-fokussierten Ansätzen. Hier ist GB mit Abstand am weitesten fortgeschritten:
Das Credo lautet „what counts is what works“ – Was zählt ist was funktioniert.
Dies wird in Deutschland von Protagonisten Seitens der Sozialen Arbeit wie der Polizei ebenfalls vorangetrieben. Feltes, damals Leiter der Polizei FH Villingen-Schwenningen - und bei Leibe kein Konservativer - betont bspw. die Notwenigkeit kriminalpräventive Kooperationsprojekte „unter dem Kriterium der Effektivität und der Kosten-Nutzen-Analsye betrachten. Und hebt hervor, dass nur ein koordiniertes Agieren der verschiedenen Institutionen eine angemessene Verwendung staatlicher Mittel garantiert“.
Die Wirksamkeit lässt sich nur aggregierten, populationsstatistischen Weise bestimmen. Auf der Ebene einzelner Akteure - der Ebene der klassischen Interventionen der Jugendhilfe wenn man möchte - gilt in einem wissenschaftlichen Sinne nach wie vor, dass ‚deviante Karrieren’ nicht vorhersagbar sind.
Geht es also um die Ausrichtung am messbaren, ist Perspektive der Sozialen Arbeit pointiert formuliert von Anfang an ‚out’.
Dies ist aber die siech derzeit abzeichnende Linie. - Auf die zu erwartenden Konsequenzen möchte ich aller Kürze eingehen.
Die Orientierung an der Frage was funktioniert - oder wie man es ebenso formulieren könnte der Frage was die ökonomischsten, effektivsten und effizientesten Vorgehensweisen in den kriminalpräventiven Kooperationsprojekten sind - impliziert eine Orientierung an beweisbasierten Programmen, die auf umittelbare und messbare Wirkungen kriminalpolitischer Maßnahmen zielen, während soziale Rahmenbedingungen nicht Gegenstand der Evaluationsforschung sind.
Dabei gelten Interventionen die der Senkung der statistischen Prävalenzrate von Abweichung dienen sollen am erfolgreichsten, wenn sie sich auf jene Faktoren beziehen, die direkt mit der zu verhinderten ‚Tat’ verbunden sind.
Das wesentliche Prinzip erfolgreicher beweisbasierter Programme mit denen sie sich künfig auseinandersetzen werden müssen, wenn sich die Kooperationsprogramme nach vornehmlich niederländischem, britischem und US amerikanischem Vorbild durchsetzen, ist die Einhaltung der sog. ‚Programm-Integrität’ erfolgreicher Programme.
Dies verweist darauf, dass schon leichte Veränderungen, die ‚Outcomes’ beinträchtigen und im Extremfall sogar zu kontraproduktiven Effekten führen können. Die Interventionen sollen so erfolgen wie es das Programm vorschreibt - nicht wie die Professionellen es im einzelnen für angemessen halten. Dies würde allerdings bedeuten, dass sozialpädagogische Wissensbestände, Handlungsmuster, Entscheidungsorientierungen etc. dann kaum mehr als Störvariablen sind, die es zu minimieren gilt.
Genau nach diesem Modell funktionieren z.B. die ‚Youth Offending Teams’ (YOT) in Großbritannien, die ihre Praxis an bewiesenermaßen effizienten und effektiven Programmen ausrichten. Die Mitglieder eines YOT werden in einige als ‚erfolgreich’ eingestufte Programme eintrainiert. Straffällig gewordene Jugendliche, werden hinsichtlich ihres Risikograds und ihrer ‚criminogenic needs’, zunächst einem -vorwiegend von Psychologen durchgeführten - ‚Assessment’ unterzogen und auf dieser Basis dem passenden Programm zugeführt. Die Aufgabe der Sozialpädagogen bzw. der Mitglieder des YOT beschränkt sich alleine darauf das Programm an den zugewiesenen Jugendlichen detailgenau nach den Programmvorschriften (Programmintegrität) zu exekutieren.
Mehr nicht.
Mitglieder eines solchen Teams brauchen also eigentlich nicht wissen warum welche Maßnahme zu verwenden, sie brauchen genaugenommen nicht einmal zu wissen, was sie tun, Hautsache ist, dass sie genau das machen, was man ihnen sagt.
Welche Interventionen sind es aber die im Sinne des scheinbar gemeinsamen Ziels einer effektiven und effizienten Kriminalprävention erfolgreich sind und was funktioniert nicht. Ich folge dabei vor allem der weltweit bedeutensten Studie in diesem Bereich – dem sogenannten „Sherman-Report“ (1997).
Ich konzentriere mich auf die für die soziale Arbeit relevanten Aspekte und werde nicht Dinge referieren wie die, dass selektive Einsperrungen, d.h. gefährliche Täter ausfindig zu machen und möglichst lange weg zu sperren tatsächlich als erfolgreiche Strategien gelten: Wer im Gefängnis ist begeht in Freiheit eben weniger Straftaten.
Mich persönlich hat es übrigens gefreut, dass die m.E. widerlichen ‚Anti-Agressivitätstrainigs’ und ‚Heisser-Stuhl-Programme’ ebenso wie Schock-Arrest und Forderungen nach rascher Reaktion als ‚Denkzettel’ als wirkungslos bis kontraproduktiv gelten.
Der Rest ist aus der Perspektive einer aufgeklärten Sozialen Arbeit aber weniger amüsant.
So sind es Programme, die auf die Vermittlung und das Training von Verhaltenstechniken zielten und relativ stark direktiv ausgerichtete Programme im großen und ganzen erfolgreich sind. Als wenig erfolgreich bis kontraproduktiv erschienen alle Programme in denen Streetworker problematische Gruppen begleiteten (statt sie in Kooperation mit der Polizei einer strikten Überwachung auszusetzen oder zu zerschlagen), alle Programme, die den Zusammenhalt und die Normorientierungen der Gruppen ignorierten oder bestärkten (statt ihnen alternative ‚prosoziale’ Normen konsequent entgegenzusetzen), Freizeitprogramme – allen voran ‚Mitternachtsbasketballtuniere’ -, Aufklärungsprogramme und Programme die den Jugendlichen selbst eine zentrale Rolle zuwiesen (‚Peer Culture’/ oder Peer Mediation Ansätze) sowie Programme die ihren Schwerpunkt auf Beratung statt auf spezifische verhaltensorientierte Training legen.
Pogramme mit dem Schwerpunkt auf der Ebene von Information und Strategien, die vor allem die affektive Ebene fokussierten - insbesondere jene, die darauf gerichtet sind das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen zu stärken gelten als ebenso wenig erfolgreich wie mehr oder weniger sämtliche Programme im Kontext von Gruppen- Erlebnis- und Überlebenspädagogik, sowie all jene Programme in deren Durchführung die beteiligten Pädagogen „um gute Beziehungen aufzubauen, Toleranz zeigen“ (Schumann 2001).
Erfolgreich waren Programme, wie etwa ‚Elterntrainings’, die darauf gerichtet sind, Eltern zu unterweisen bzw. sie anzuweisen ihre Kinder und deren Freunde ‚angemessener’ (d.h. in der Regel strikter) zu kontrollieren.
Erwiesenermaßen haben – leider – auch Programme kriminalpräventiven Erfolg, die auf Risikogruppenseggregation, d.h. eine Abtrennung und Kontaktreduktionen bzw. Kontaktsperren zwischen ‚konformen’ und ‚devianten’ Jugendlichen zielen. Dies ist eine Art spätmoderne Bestätigung der ‚Spiel nicht mit den Schmuddelkindern’- Weisheit.
Erfolgreich sind Programme die klare Grenzen setzen und durchsetzen und schließlich jene Programme die eine durchgängige Überwachung der Jugendlichen garantieren. In diesem Zusammenhang ist es wie der Kriminalsoziologe Albrecht (2001) bemerkt, auch weitgehend unstrittig belegt, dass
„ moderne, leider meist auch populistisch motivierte Versuche der Repression von Kriminalität […] durch räumlich organisierte Intensivierung sozialer Kontrolle – so suspekt sie unter bestimmten Gesichtspunkten sind – auch bei streng experimenteller Durchführung positive Effekte (also keine Verlagerungseffekte) zeitigen“.

Kriminalpräventiv ist es ferner, keine Gleichaltrigengruppen von Kindern oder Jugendlichen zuzulassen die Unabhängigkeit für sich beanspruchen. Peer-Groups die Autonomie beanspruchen statt konsequent in die ‚Werte der Erwachsenenwelt’ eingeführt zu werden, können als eine Art natürlicher Feind einer effektiven Kriminalprävention betrachtet werden.:
„ Kinder und Jugendliche, die einer Clique angehören und sich häufig mit ihrer Clique treffen, sind eher zu delinquentem Verhalten bereit als andere Kinder und Jugendliche. Diese Bereitschaft fällt darüber hinaus umso höher aus, je stärker die Kinder und Jugendlichen eine Kluft zwischen der Welt der Erwachsenen und der Welt der Jugendlichen in der sie leben wahrnehmen . Für die 20% der Kinder und Jugendlichen die besonders jugendzentriert sind erhöht sich die statistische Delinquenzwahrscheilichkeit 5, 26-fache! […] Andersherum ‚schützt’ eine Clique, in der die Mitglieder es schätzen, wenn man in der Freizeit viele Bücher liest, wenn man viel mit seinen Eltern unternimmt, oder wenn man gute Noten schreibt, vor delinquentem Verhalten“ (Stecher 2001).
Schließlich – auch dies ist zumindest aus der politischen Perspektive die ich teile unschön - hat nicht nur der Sherman Report sondern eine ganze Reihe vornehmlich us-amerikanischer und britischer Studien die Wirksamkeit einer Strategie nachgewiesen die schlicht ‚Workfare’ heißt.
Während Programme die ihren Schwerpunkt auf Bildung und Ausbildung setzten regelmäßig scheitern, und in kriminalpräventiver Hinsicht als insgesamt nicht erfolgreich gelten, gehören Programme die auf ein Drängen zur Integration in den Arbeitsmarkt basieren, und auf die Aufnahme irgendeines Beschäftigungsverhältnisses zielen metaanalytisch - d.h. in einer zusammenfassenden, über die Einzelmaßnahmen hinausreichenden Einordnung - zu den erfolgreichsten untersuchten Maßnahmen im gesamten Bericht. Dies gilt weitgehend unabhängig von der ,Marginalität’ der Arbeitsstelle und von der Höhe der Löhne. In diesem Sinne hat Karstedt recht wenn sie ausführt, dass eine relativ direkte Übertragung dieser ‚kriminalpräventiven’ Maßnahme auf die Bundesrepublik
„ keinesfalls ausgeschlossen [ist], zumal wenn sich hier zunehmend ein Arbeitsmarkt für Niedriglohngruppen entwickelt. Gerade im Bereich der beruflichen Förderung könnte sich demzufolge ein Programm, das die Integration in den Arbeitsmarkt mit entsprechendem Kompetenztraining verbindet, als den traditionellen Ansätzen mit ihrer Dominanz im Ausbildungsbereich überlegen erweisen“ (Karstedt 2001).

Die gesamte Rede von der Wirksamkeit gilt freilich in Bezug auf den kriminalpräventiven Effekt, nicht aber in Bezug auf, das was für die in der Regel marginalisierten Nutzer richtig wäre um ihre Situation und ihre soziale Teilhabe in schwirigien Zeiten und langfristig auch darüber hinaus, verbessern zu können.
Hier liegt das Dilemma der effektiven Kriminalprävention bzw. das Problem sich zwischen fachlichem Anspruch und kriminaltechnischer Effizienz entscheiden zu müssen.
Dabei sollte auch beachtet werden, dass ein Unterschied in der Erfolgsquote von 10-20% einen außerordentlichen Erfolg darstellt und eine langfristige Wirksamkeit der Programme kaum zu verzeichnen ist. – Aber darum geht es nicht, wenn es das Ziel ist die statistische Prävalenzrate zu senken.
Während man im einzelnen darüber streiten kann, ob manche Programme für manche Jugendliche angemessen sind, ist eine Vielzahl dessen was erfolgreich kaum mit den Standards der Jugendhilfe zu vereinbaren.
Die Annahme, die Jugendhilfe könne gemeinsam unter dem Topos Kriminalprävention im Verbund mit anderen Institutionen einen größeren Wirkungsgrad ihrer sozial-pädagogischen Ansätze und Perspektiven erzielen, und auf der Basis von Wirkungsforschungen ihre Leistungen punktgenauer und angemessener gestalten, ist zumindest so lange illusionär, wie ihr ,mission statement’ soziale Gerechtigkeit und Ermöglichung von Autonomie und Handlungsfreiheit und nicht Reduktion von Abweichung und Kriminalität heißt.
Fragen gesellschaftlicher Teilhabe, sozialen Ausgleichs, sozialer Anerkennung, Müdigkeit etc. ‚passen’ schlicht nicht in dem kriminalpräventiven Pragmatismus, der sich an den statistischen Artefakten des optimalen Outputs auf der Grundlage kurzfristiger Programme und Assessments der What-Works-Perspektive orientiert.
Mitbestimmung, bzw. Selbstbestimmung zu ermöglichen, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen, ihre Bildung und Ausbildung zu erweitern, sie zu unterstützen, Selbstwert, Selbstbewußtsein und Identät aufzubauen usw. sind zurecht als Kernbestände einer modernen Jugendhilfe, sie haben einen Zweck und sind durchaus sinnvoll für Kinder- und Jugendliche - nur sind häufig sie nicht kriminalpräventiv und bisweilen sogar ‚kontraproduktiv’.
Es gibt einen generellen Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Ordnung und dem individuellen Streben nach Autonomie. Insbesondere im Kindes- und Jugendalter ist eine Balance in dem spannungsreichen Verhältnis von Konformität und Autonomie eine zentrale Entwicklungsaufgabe.
Wenn es stimmt, dass moderne Gesellschaften „durch das gleichzeitige Anwachsen von Freiheitsspielräumen und Bindungsverlusten von erhöhten Möglichkeiten der Intimität und mehr Entfremdung von einem unermesslichen Anwachsen der Möglichkeiten technischer Kontrolle und einem Libertinismus der Lebensformen geprägt sind“ (Brumlik 1996) ergibt sich ein zentrales Problem.
Unweigerlich korrespondiert mit Autonomie und Freiheit, erweiterten Handlungsfähigkeiten und -möglichkeit auch die Erweiterung von Gelegenheiten und die Verbesserung der notwenigen Fertigkeiten zur Begehung von Rechtsbrüchen. Geht man von einer Kompetenzorientierung in einem wohlfahrtsstaatlichen Sinne aus, so steht die Jugendhilfe damit vor dem Problem, sowohl ‚Förderer’ als auch ‚Verhinderer’ von abweichenden Lebensäußerungen zu sein.
Der Kriminologe Marcus M. Felson (1998) fasst den Stand der wirkungsbezogenen Empirie treffend zusammen. Für die Prävention von Normabweichungen von Kindern und Jugendlichen nicht ihre soziale Teilhabe oder die Verbesserung ihre Autonomiepoteniale, ja nicht mal ihre Charakterbildung ausschlaggebend, sondern das Maß in den sie kontrolliert und beaufsichtigt werden.
Selbstverständlich ist es richtig auf das ‚Kriminalitätsproblem’ zu reagieren.
Aber Sie werden sich prinzipiell entscheiden müssen, ob sie sich in die Tradition subjektorientierter, advokatorischer Jugendhilfe stellen möchten oder effektive Crimefighter werden möchten.

Literatur:

Albrecht, G. 2001: Einleitung: Gewaltkriminalität zwischen Mythos und Realität, in: Albrecht/Backes (Hg.): Gewaltkriminalität zwischen Mythos und Realität, Frankfurt a.M.

Baillergeau, E. & Schaut, C. 2001:Social Work and the Security Issue in the Netherlands and Belgium. In: European Journal on Crime Policy and Research, 9.
Brumlik, M. 1996: Autorität, Arbeitsdienst, Vaterland, in: Beutler, Hörster (Hg.): Pädagogik und Ethik. Stuttgart.

Castel, R. 1983: Von der Gefährlichkeit zum Risiko. In: Wambach (Hg.), Der Mensch als Risiko. Frankfurt a.M.

Cohen, S. 1985: Visions of Social Control: Crime, Punishment and Classification. Oxford

Felson, M. 1998: Crime and Everyday Life. Thousand Oaks

Feltes, T. 1996: Opfererfahrungen, Kriminalitätsfurcht und Vorstellungen zur Delinquenzprävention. Ergebnisse von Bevölkerungsbefragungen im Rahmen des Begleitforschungsprojekts ‚Kommunale Kriminalprävention’ in Baden-Württemberg. In: Trenczek & Pfeiffer (Hg.), Kommunale Kriminalprävention. Paradigmenwechsel und Wiederentdeckung alter Weisheiten. Bonn

Gilling, D. & Barton, A 1997: Crime prevention an community safety, in: Critical Social Policy 52

Goris, P. 2001: Community Crime Prevention and the ‘Partnership Approach’: A Safe Community for Everyone? In: European Journal on Crime Policy and Research, 9.

Hawkins, D.J. et al. 2000: Predictors of Youth Violence. In: US. Department of Justice. Office of Juvenile Justice and Delinquency Prevention (Hg.): Juvenile Justice Bulletin. April 2000

Karstedt, S. 2001: zur Evaluation von Präventionsmaßnahmen im Bereich von Jugendkriminalität. In: Freund & Lindner (Hg.): Prävention. Zur kritischen Bewertung von Präventionsansätzen in der Jugendarbeit. Opladen.

Lerche, W. 1999: Kritische Partnerschaft. Jugendhilfe als Motor regionaler Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz. In: Reader zur 3. Dilborner Fachtagung „…und morgen klau’ ich wieder!“ November 1999. Dilborn

Melossi, D. & Selmini, R. 2000: Social Conflict and the Microphysics of Crime. The experience of the Emulia-Romagna Citta sicure project. In: Hope & Sparks (Hg.): Crime, Risk and Insecurity. London & New York.

Northoff, R. (Hg.) 2000: Handbuch der Kriminalprävention, Baden-Baden

O’Malley, P. & Sutton, A. (Hg.) 1997: Crime Prevention in Australia: Issues in Policy and
Research. Sydney.
Schumann, K.F. 2001: Experimente mit Kriminalprävention, in: Albrecht & Backes (Hg.): Gewaltkriminalität zwischen Mythos und Realität, Frankfurt a.M.

Sherman, L. et al. 1997: Preventing Crime: What Works, What Doesn´t, What´s Promising? Report to the US Congress, Prepared for the National Institute of Justice, Washington

Stecher, L. 2001: Die Wirkung sozialer Beziehungen. Weinheim/München

Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit 2001: Jugendkriminalitätspräventionsprogramm. Drucksache 3/1276 des Thüringer Landtags vom 18.1.2001

United Nations 1991: 8th Congress on the Prevention of Crime and the Treatment of Offenders, Havana, 27.8.-7.9.1990, New York

Wacquant, L. 2001: The Penalisation of Poverty and the rise of Neo-Liberalism. In: European Journal on Crime Policy and Research, 9

Walmsley, R. 2000: Prison population size: problems and solutions. ICP World Prison Brief Project. London

Ziegler, H. 2001: Crimefighters United – Zur Kooperation von Jugendhilfe und Polizei. In: Neue Praxis 6

Ziegler, H. 2001a: Prävention - Vom Formen der Guten zum Lenken der Freien In: Widersprüche, 79