Erfolgsgeschichte Fanbetreuung: Positives Fazit der EM 2008

Das Team vor dem Fanmobil
Das Team der Fanbetreuungsmaßnahme

Alle Spiele sind gespielt, die Leinwände abgebaut und die Fans aus ganz Europa wieder nach Hause gereist – die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz ist schon (fast) Geschichte. Bevor in gut einem Monat schon wieder der Ligaalltag beginnt, bleibt aber noch Zeit, um einen Blick zurück zu werfen auf die dreieinhalb Wochen der EM. Die Bilanz aus Sicht der deutschen Fanbetreuung fällt dabei mindestens so positiv aus wie das sportliche Fazit des Vizeeuropameisters. Michael Gabriel, Leiter der KOS und damit verantwortlich für die Durchführung der Maßnahmen: „Das Team der deutschen Fanbotschaft erlebte eine anstrengende, aufregende aber insgesamt äußerst gelungene Europameisterschaft, die geprägt war von vielen freundlichen Begegnungen unter den Fans mit meinem persönlichen Höhepunkt der kurzfristig organisierten gemeinsamen türkisch-deutschen Fanbotschaft zum Halbfinale in Basel. Allgemein bemerkenswert ist, wie viel selbstverständlicher es für die Organisatoren mittlerweile geworden ist, Fußballfans mit entsprechenden Anstrengungen als Gäste willkommen zu heißen.“

Die deutsche Fanbetreuung war nun bereits zum achten Mal bei einem internationalen Turnier dabei, um den Fans der Nationalmannschaft im Ausland mit Service, Informationen und Hilfestellungen zur Seite zu stehen. Für die Durchführung waren KOS und die deutschen Fanprojekte verantwortlich, der Deutsche Fußball-Bund war durch seine große – und nicht nur finanzielle – Unterstützung wie schon in den vergangenen Jahren ein verlässlicher Förderer und Kooperationspartner.

Persönliche Ansprache auf allen Ebenen

Die Angebote der Fanbetreuung zur Europameisterschaft setzten sich aus verschiedenen Elementen zusammen. Zentraler Bestandteil dabei war die Präsenz vor Ort: Ein 12-köpfiges Team unter Leitung der KOS war an jedem der „deutschen“ Austragungsorte Klagenfurt, Wien, Basel und schließlich wieder Wien anwesend, um vor, während und nach dem Spieltag für die Fans da zu sein. Das rote Fanmobil – ein 50 Jahre alter Mercedes-Bus– stand an zentralen Orten in den jeweiligen Innenstädten und war Anlaufpunkt nicht nur für Fußball-, sondern mitunter auch für Oldtimer-Fans. Hier wurde Infomaterial über die Städte und das Turnier inklusive des eigenen Fanguides verteilt, Fragen zu Tickets, Unterkünften, Public Viewings usw. beantwortet. Durch Tische und Stühle vor dem Fanmobil gab es für die Fans zudem die Möglichkeit, sich in entspannter Runde zu unterhalten oder die verteilten Informationen zu studieren. An Spieltagen belief sich die Anzahl der geschätzten direkten „Kontakte“ auf etwa 2.000.

Außer am Fanmobil waren die FanbetreuerInnen an weiteren zentralen Orten in den Städten wie den stationären Fanbotschaften, auf den Public Viewings, am Stadion oder auch den Fancamps und Campingplätzen unterwegs. Neben der Situationseinschätzung und Beobachtung stand auch hier die direkte Ansprache der Fans im Vordergrund. Von den insgesamt über 10.000 verteilten Exemplaren des selbst produzierten Fanguides wurden rund 80 Prozent persönlich überreicht. Neben dem Fanguide gehörte auch die Website www.fanguide-em2008.de, die 50 Tage vor Turnierstart online ging, zur Angebotspalette der deutschen Fanbetreuung. Sie wurde während des Turniers durch das Webteam aktualisiert und gepflegt, kam auf durchschnittlich 800 bis 1.000 „Visitors“ pro Tag und bot auch die Möglichkeit, Fragen per E-Mail zu stellen. Besonders wichtig neben der inhaltlichen Qualität von Fanguide und Website ist, dass es sich dabei um nicht kommerzielle und werbefreie Angebote handelte, die zudem aus Fansicht entwickelt und realisiert wurden, d. h. mit persönlicher Ansprache und auf Augenhöhe mit der Zielgruppe. Wie die Reaktionen zeigen, wurde dieser Ansatz absolut positiv aufgenommen. Für dringende Anfragen und Notfälle war während des Turniers zudem eine Telefon-Helpline geschaltet, die rund um die Uhr erreichbar war. Immerhin 300 Fans nahmen auch dieses Hilfsangebot wahr. Wie bei den Kontakten über die Webseite standen hier Fragen zu Unterkünften und zum Ticketing im Mittelpunkt.

Ein weiterer Baustein der Fanbetreuung ist die internationale Zusammenarbeit, die in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut und professionalisiert worden ist. Neben den Fanbotschaften der Gastgeberländer Schweiz und Österreich in jedem Spielort waren zur Europameisterschaft insgesamt 10 der teilnehmenden Nationen mit Teams von FanexpertInnen aus den jeweiligen Ländern vertreten. Die Zusammenarbeit sowohl mit den gastgebenden Fanbetreuern als auch den internationalen Teams – im Fall der deutschen Spielpaarungen waren dies Kroatien, Polen, die Türkei und Spanien – war rundum gelungen. Besonders hervorzuheben ist sicherlich die gemeinsame deutsch-türkische Fanbotschaft zum Halbfinalspiel in Basel, der gerade aufgrund der zuvor heraufbeschworenen Brisanz der Partie die Aufgabe zufiel, ein positives Signal für ein gemeinsames und friedliches Fußballfest zu setzen. Dieses Motto des zweisprachigen Banners am Standort der Fanbotschaften in Basel wurde von den Anhängern der beiden Teams perfekt in die Tat umgesetzt.

Gemeinsame Fußballfeiern

Aber nicht nur das Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei, sondern die gesamte Europameisterschaft verlief aus Sicht der deutschen Fanbetreuung weitgehend friedlich und ohne größere nennenswerte Zwischenfälle. Auch in den Stadien kam es bei den deutschen Spielen zu keinerlei Ausschreitungen, im Gegenteil: Der Support im Block der deutschen Fans war oftmals kreativer und lauter als bei früheren Gelegenheiten. Ein großes Lob geht daher auch an die Adresse der vielen deutschen Anhänger, die ihre Mannschaft in den Stadien und Städten unterstützten und mit anderen Fans gemeinsam feierten. Bei dieser grundsätzlich positiven Bilanz sollten jedoch auch negative Begleiterscheinungen nicht unerwähnt bleiben. Dazu gehören die Vorfälle beim ersten Spiel in Klagenfurt, wo unter den aus Deutschland Angereisten auch Fans anwesend waren, die sich durch Outfit, Kleidermarken usw. dem rechten Spektrum zuzuordnen ließen. Zusammen mit einem Potenzial gewaltorientierter Anhänger bildete sich hier in der Innenstadt eine größere gewaltorientierte Gruppe, das zügige Eingreifen der deutschen Polizei vor Ort verhinderte jedoch eine weitere Eskalation.

Insbesondere bei diesem Spiel gegen die polnische Mannschaft war zu beobachten, dass rassistische und diskriminierende Parolen gegenüber dem gegnerischen Team und dessen Fans durchaus nicht nur von rechtsgerichteten Anhängern im Stadion oder in der Stadt zu hören waren, sondern auch von den „Durchschnittsfans“ in Deutschland-Trikots aufgenommen wurden. Gerade weil sich das Auftreten der deutschen Fans im Ausland verglichen mit früheren Jahren so deutlich verbessert hat und die Präsenz rechter Symbole und Äußerungen im Stadion zurückgegangen ist, ist zu hoffen, dass auch bei den „ganz normalen“ rassistischen Beschimpfungen – in diesem Fall in Richtung der polnischen Gegner und Anhänger – in Zukunft die Selbstregulierung der Fans noch besser greift.

Insbesondere im Spielort Klagenfurt verbanden sich mit der Europameisterschaft stark überzogene Befürchtungen vor gewaltsamen Ausschreitungen, die mit dem realen Auftreten der deutschen, polnischen und kroatischen Fans wenig zu tun hatten. Mit der EM 2008 ist nun das vierte große Fußballturnier in Folge ohne große negative Zwischenfälle wie Verletzungen oder Sachbeschädigungen zu Ende gegangen. Verantwortlich hierfür ist neben dem Rückgang des „Fußball-Krawalltourismus“ zweifellos auch eine Sicherheitsstrategie, die stärker auf kommunikativere und zurückhaltendere Einsatzkonzepte der Polizei setzt.

Viel Unterstützung und erfolgreiche Zusammenarbeit

In enger Verbindung damit steht die gestiegene Wertschätzung gegenüber dem Gedanken der Fanbetreuung, die sich vor allem im Konzept der Fanbotschaften ausdrückt. Die in vielen Jahren gemachten positiven Erfahrungen insbesondere der englischen und deutschen Modelle von Fanbetreuung bei großen Turnieren haben sich spätestens mit der WM 2006 in Deutschland und nun auch mit der Europameisterschaft durchgesetzt. Deutliches Zeichen dafür ist, dass die UEFA das „Fan Embassies“-Programm unterstützt hat und auch auf die Meinung und Lageeinschätzung der internationalen Fanexperten Wert legte – Vertreter der jeweiligen Betreuungsteams waren bei den Organisations- und Sicherheitsbesprechungen im Vorfeld der Spiele dabei. Für die deutsche Fanbetreuung steht neben der internationalen Kooperation vor allem die gefestigte und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem DFB im Mittelpunkt, insbesondere mit der Abteilung Sicherheit und Prävention unter Leitung von Helmut Spahn, aber auch mit der Ticketing-Abteilung und dem hauptamtlichen DFB-Fanbeauftragten Gerald von Gorrissen, der erstmals bei einem großen Turnier im Einsatz war.

Auch die Angebote der Organisation vor Ort nehmen Faninteressen mittlerweile selbstverständlicher wahr, insbesondere die Public Viewings sind hier zu nennen, die ein klares Signal an Fans ohne Tickets darstellen, dass auch sie in den Spielorten willkommen sind. Sowohl für diese „Fanzonen“ als auch für einige der Unterkunftsangebote in den Host Cities der Europameisterschaft gilt jedoch, dass in Zukunft ein besseres Gleichgewicht zwischen finanziellen Interessen der Veranstalter, den Wünschen der Fans und einer realistischen Sicherheitseinschätzung gefunden werden muss. Überteuerte Fancamps mit einer ungemütlichen Atmosphäre sind ebenso wenig Erfolgsmodelle wie Fanzonen auf unattraktiven, aber leicht einzuzäunenden Arealen. Und so gilt auch für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz das bewährte Motto der Fanbetreuung: Fußballfans zahlen es – in jeglicher Hinsicht – zurück, wenn sie nicht als potenzielle Störenfriede oder Einkommensquelle betrachtet, sondern als willkommene Gäste empfangen werden.