Sie sind hier: /Startseite /Service/Newsarchiv

03.11.2014

Konferenzhopping: Rom – Warschau – Berlin

Foto: Ministerstwo Sportu i Turystyki

In den vergangenen Wochen waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der KOS auch international unterwegs. Bei Konferenzen in Rom, Warschau und Berlin trugen Michael Gabriel, Heidi Thaler und Gerd Wagner durch Inputs und Moderation zu aktuellen Diskussionen um Diskriminierung, Fanarbeit und Flüchtlingsarbeit im Fußball bei.

Am 10. und 11. September fand in Rom die „Respect Diversity Conference“ statt, bei der sich 200 Vertreter_innen nationaler Verbände, Ligen und Vereine sowie NGOs und Expert_innen der Antidiskriminierungsarbeit versammelten. Das Bewusstsein für das Thema Diskriminierung im Fußball erhöhen, ein Austausch über praktische Lösungen und Good-Practice-Modelle aus verschiedenen Bereichen des Fußballs – das waren die Kernpunkte der hochrangig besetzten Tagung. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von der UEFA, dem Fare-Netzwerk und der Spielergewerkschaft FIFPro organisiert und vom italienischen Fußballverband (FIGC) ausgerichtet. Wie viel Nachholbedarf beim Thema Diskriminierung nicht zuletzt auch in den Führungsetagen der Verbände selbst besteht, zeigte die Tatsache, dass der vor Kurzem gewählte neue FIGC-Präsident Carlo Tavecchio wegen rassistischer Äußerungen selbst eine UEFA-Strafe  erhalten hat.

Kollektivstrafen keine Lösung

In seiner Begrüßungsrede verwies Michel Platini auf die Verantwortung der Fußballorganisationen, Vielfalt zu fördern und Diskriminierung zu bekämpfen. Dies sei ein Ziel, dem sich die UEFA mit ihrem RESPECT-Programm verpflichtet habe. Der UEFA-Präsident wies auch darauf hin, wie unabdingbar die Förderung von Frauen innerhalb der Vereins- und Verbandsstrukturen sei.

In den Plenumsrunden wurden dann sowohl die Diskriminierungserfahrungen von Frauen, die sich als Aktive oder Funktionärinnen im männerdominierten Fußballsport durchsetzen wollen, behandelt,als auch jene von schwarzen Spielern, deren Erfahrungen Fußballlegende Clarence Seedorf in einer Grundsatzrede zusammenfasste. In verschiedenen Workshops wurden Erfahrungen und Lösungsansätze für unterschiedliche Themen und in unterschiedlichen Handlungsbereichen diskutiert, das Spektrum reichte von institutioneller Diskriminierung über Homophobie im Fußball bis zur speziellen Situation in Südeuropa – ein Thema, das für Gastgeberland Italien und sein Nord-Süd-Gefälle von besonderem Interesse war.

Für die KOS nahm Heidi Thaler an einem Workshop teil, der sich dem Thema „Bildungsarbeit vs Bestrafung“ widmete. Die UEFA bemüht sich, über ihre im Mai 2013 eingeführten verschärften Richtlinien mithilfe eines Monitoringsystems diskriminierende Vorfälle in den Stadien zu dokumentieren und zu ahnden. Immer wieder sorgen dabei ausgesprochene Stadionsperren jedoch auch für heftige Kritik von Fans, zuletzt von den Anhängern des FC Bayern, die von ihrem Auswärtsspiel in Moskau ausgesperrt waren. Der Grund: wiederholte rassistische Ausfälle einiger ZSKA-Fans. Versuche der Bayern-Fans, die UEFA zu einem Umdenken zu bewegen und eine Anzahl von Gästefans zuzulassen, blieben erfolglos.

„Fans gehören zu den mutigsten Aufzeigern und Akteur_innen im Kampf gegen Rassismus. Erst das aktive Engagement vieler Fangruppen, aus denen heraus unter anderem das FARE-Netzwerk entstanden ist, hat dazu geführt, dass sich auch Vereine und Verbände intensiver mit dieser Problematik auseinandersetzen“, sagt Heidi Thaler. „Dass nun jener Großteil der Fans und Stadionbesucher_innen, die sich klar gegen Rassismus positionieren von Kollektivstrafen betroffen sein sollen, ist kontraproduktiv. Es ist zu befürchten, dass die Bereitschaft sinkt, Rassismus innerhalb der eigenen Fanszene oder des Vereines aufzuzeigen, wenn dadurch der eigene Stadionbesuch gefährdet wird. Unverständnis und im schlimmsten Fall Solidarisierungseffekte mit den Täter_innen und Verharmlosung von Rassismus sind die Folgen.“

Anfang Oktober veröffentlichte die europaweit agierende und von der UEFA geförderte Fanorganisation „Football Supporters Europe“ (FSE) ein Statement, in dem sie sich gegen Kollektivstrafen wie Geisterspiele als Mittel im Kampf gegen Diskriminierung aussprach. Das gegenwärtige System sei, wie der Fall des bereits mehrfach bestraften Moskauer Klubs zeige, wirkungslos und könne zudem Fans eher davon abhalten, Vorfälle zu melden.

Heidi Thaler sagt: „Die KOS ist hier mit FSE auf einer Linie. Wir würden uns von der UEFA ein Sanktionssystem wünschen, dass die tatsächlichen Verursacher trifft und keine Unbeteiligten. Die Fanprojekte sollen jugendlichen Fußballfans demokratische Werte vermitteln. Dazu gehört auch, dass es keine Sippenhaft gibt oder Menschen für etwas bestraft werden, das andere getan haben. Gerade die großen Verbände sind hier aufgerufen, Vorbild zu sein.“

Fanarbeit in Polen

„Sicherheit bei Fußballspielen“ – so lautete der Titel der Tagung, die das polnische Ministerium für Sport und Tourismus am 9. Oktober gemeinsam mit dem polnischen Fanarbeitsprojekt „Kibice Razem“ ausrichtete. Die Etablierung von langfristig angelegter Fanarbeit in Polen ist eine Zielsetzung, mit der Dariusz Łapiński das Fanbotschaftsprogramm für die Euro 2012 geleitet hat. Dieses Ziel ist inzwischen deutlich näher gerückt, auch dank des Austauschs mit deutschen Fanprojekten und der europaweiten Zusammenarbeit im Rahmen des Programms für die Euro 2012. Dariusz Łapiński arbeitet heute als Koordinator für Fanbeauftragte und die vereinsunabhängige Fanarbeit für den polnischen Fußballverband, in insgesamt sechs polnischen Städten sind derzeit Fanprojekte tätig. Im Rahmen der Tagung konnte Lapinski Gespräche mit zwei weiteren Bürgermeistern führen, die Interesse an der Gründung von Fanprojekte in ihren Städten haben.

Die Konferenz von Warschau war ein weiterer Schritt, um die Notwendigkeit und den Nutzen der Arbeit mit Fußballfans in einem größeren Rahmen zu präsentieren und sich mit allen relevanten Akteuren auszutauschen. In ihrer Begrüßung drückten sowohl Zbigniew Boniek, Fußballikone und heute Präsident des polnischen Fußballverbandes, wie auch der polnische Sportminister Andrzey Biernat, ihre Wertschätzung für die Arbeit der polnischen Fanprojekte aus. Ihre Anwesenheit zeigt ,dass dem Thema in Polen auch von höchster Stelle Gewicht beigemessen wird. KOS-Leiter Michael Gabriel präsentierte die Prinzipien und Erfahrungen und den Mehrwert von pädagogischer Fanarbeit gemeinsam mit Dariusz Łapiński, Thomas Gaßler als Koordinator des Projekts PRO SUPPORTERS und Radosław Kossakowski von der Universität Gdansk.

„Es ist wohltuend zu sehen, dass es unseren polnischen Kollegen gelungen ist, eine langfristig angelegte Fanarbeit in Polen zu etablieren, die ihre ersten Früchte trägt“, so Michael Gabriel. „Positive Fankultur zu fördern, indem man Fans in die Verantwortung holt, ist der Schlüssel. Davon profitieren nicht nur die Vereine, sondern die Gesellschaft als Ganzes.“

In weiteren thematischen Diskussionsrunden ging es um die rechtlichen Grundlagen für Sicherheitsaspekte rund um den Fußball, die Organisation von Spielen und Fanbetreuung. Polnische und internationale Expert_innen aus Behörden, Fußball und Fanarbeit, darunter auch Heidi Thaler von der KOS, tauschten dabei Erfahrungen aus. Vertreter der „Kibice Racem“-Einrichtungen, wie die Fanprojekte in Polen heißen, aus Gdansk und Warschau brachten ihre auf Erfahrungen aus der Praxis beruhende Expertise ebenfalls ein.

Foto: Champions ohne Grenzen

Flüchtlingshilfe und Fußball

Eine gerechte und menschenwürdige Flüchtlingspolitik gehört zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen – und sie betrifft auch den Sport. Beim ersten Flüchtlingssportkongress am 10. Oktober in Berlin wurde diese Rolle des Sports und insbesondere des Fußballs ausführlich thematisiert. In ihrer Begrüßung wies die Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth nicht nur auf die katastrophale Situation im türkisch-syrischen Grenzgebiet hin, sondern auch auf die Möglichkeiten des Sports, in Deutschland die Situation der Flüchtlinge zu verbessern – etwa durch den Bau von Fußballplätzen in Flüchtlingslagern. Als Vertreter des Berliner Fußballverbandes bot Gerd Liesegang sofort die Einrichtung eines Minispielfelds an. Zudem versprach er, Zugangsbarrieren für Flüchtlinge im Fußball abzubauen. Kooperationen von Klubs wie Hansa 07, FC Internationale, Köpenick und Borsigwalde mit Flüchtlingsinitiativen könnten zudem Vorbild für andere Vereine sein, so Liesegang.

In thematischen Foren diskutierten Vertreter_innen von Sportvereinen, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden und Verwaltung sowie Flüchtlinge und Initiativen in der Flüchtlingsarbeit darüber, wie die Potenziale von Sport und Fußball besser genutzt werden können. Dabei standen die Möglichkeiten – und Herausforderungen – für Amateurvereine, Flüchtlinge in ihre Strukturen zu integrieren, ebenso auf dem Programm wie die Aktivierung der kommunalen Netzwerke. Auch die Situation von Flüchtlingsfrauen und -mädchen war Thema. Gerd Wagner von der KOS moderierte einen Workshop, der sich der Rolle von Profivereinen und ihren Fans widmete: Wie kann die Fankurve zum Ort einer interkulturellen Begegnung werden, welche gesellschaftliche Verantwortung tragen Bundesligavereine und wie können sie ihr gerecht werden? Vertreter der Berliner Klubs Babelsberg, Union und Hertha stellten ihre Aktivitäten vor – insbesondere der Viertligist aus Potsdam und seine Fanszene sind seit Langem in der Unterstützung von Flüchtlingen aktiv.

„In der aktuellen Situation der Flüchtlinge und angesichts der Herausforderungen, die die Kommunen für deren angemessene Unterkunft und Versorgung zu bewältigen haben, ist es wichtig, dass der Fußball bzw. der Sport zumindest einen kleinen Beitrag leistet, um die Situation für die Flüchtlinge vor Ort erträglicher zu gestalten“, betont Gerd Wagner. „Damit leistet das vielfältige Engagement insbesondere zahlreicher Fangruppierungen und Fanprojekte auch einen Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.“

Organisiert wurde die Tagung in Berlin vom Verein „Champions ohne Grenzen“, der praktische Lebenshilfe für geflüchtete Menschen bietet und dabei einen besonderen Fokus auf die Rolle des Sports legt und beispielsweise mit Fußballprojekte soziale Ausgrenzung und Isolierung bekämpft. Vertreter_innen und Aktive des Vereins berichteten in den Workshops gleichfalls von ihren Erfahrungen. Kurz vor dem Kongress konnte „Champions ohne Grenzen“ sich zudem über den „Lernanstoß“-Preis der Deutschen Akademie für Fußballkultur freuen. Mit dem Preisgeld von 5.000 Euro wurde das Projekt des Vereins für Flüchtlingskinder ausgezeichnet, das wöchentliche Fußballtrainings, Turnierteilnahmen und Sprachtrainings anbietet.

Heidi Thaler, Jurymitglied des „Lernanstoß“-Preises: „Als wir im Sommer die Entscheidung trafen, den Bildungspreis der Akademie an ein Flüchtlingsprojekt zu vergeben, konnten wir die Aktualität, die dieses Thema wenige Monate später in Deutschland und Europa haben würde, noch nicht abschätzen. Damals wollten wir ein Zeichen setzen, um die schwierige Situation von Flüchtlingen sichtbar zu machen. Heute freue ich mich umso mehr, dass die großartige Arbeit von ‚Champions ohne Grenzen‘ nun auch in der Öffentlichkeit eine angemessene Würdigung erhält.“