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31.03.2015

Fachdiskussionen und Selbstreflexion: BAG-Jahrestagung in Braunschweig

Bei der 22. Jahrestagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte diskutierten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fachliche Fragen ebenso wie das Rollenverständnis der Fanprojekte. Eingeladen war mit Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius auch ein prominenter Gast aus der Politik.

Es ist ein fester Termin in den Kalendern aller Fanprojekte: Die Jahrestagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) dient dem fachlichen Austausch der inzwischen über 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fanprojekte aus ganz Deutschland, der intensiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstverständnis und der öffentlichen Diskussion aktueller Aspekte ihrer Arbeit. Die 22. Auflage dieser Veranstaltung fand unter dem Titel Fanprojekte – Feigenblatt, Mauerblümchen oder wirksames Instrument“ vom 24. bis 26. März in Braunschweig statt.

Applaus und Kritik

Die Podiumsdiskussion am ersten Veranstaltungstag brachte Applaus für einen Innenpolitiker – nicht selbstverständlich, schließlich haben sich gerade die Vertreter der Innenpolitik in den vergangenen Jahren mit populistischen Forderungen nach Abschaffung der Stehplätze oder personalisierten Tickets oftmals wenig konstruktiv in die Diskussion eingebracht. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius, der neben Bülent Aksen vom DFB, Benjamin Kandler von der DFL, Thomas Seliger, Mitglied des Präventionsrates Braunschweig, sowie KOS-Leiter Michael Gabriel an der Runde teilnahm, traf jedoch einen Nerv. „Die Fanprojekte spielen eine wichtige Rolle“, so Pistorius. „Wir dürfen sie jedoch nicht zum verlängerten Arm der Polizei machen und nicht mit unserer Erwartungshaltung überfrachten.“ Eine Äußerung, die die Wertschätzung der Politik für die Arbeit der Fanprojekte ebenso widerspiegelt wie die Einsicht in deren mitunter auch schwierigen Bedingungen. Was die konkrete finanzielle Unterstützung dieser Arbeit angeht, musste Minister Pistorius nach Applaus allerdings auch Kritik ernten. Denn das Land Niedersachsen ist, wie Michael Gabriel anmerkte, in Sachen materieller Förderung der Fanprojekte alles andere als Spitzenreiter. So beträgt die Fördersumme des Landes beispielsweise für das Fanprojekt Braunschweig nur 30.000 Euro jährlich, das ist der Minimalbetrag.

Selbstverständnis der Fanprojekte

Das Spannungsfeld zwischen der deutlich gestiegenen Wahrnehmung und Anerkennung der Arbeit der Fanprojekte und den vielfachen Forderungen und Ansprüchen, die von verschiedenen Seiten an die Mitarbeiter_innen herangetragen werden, prägte die gesamte Veranstaltung. So ging es in den Workshops unter anderem um gestiegene Anforderungen an Qualitätsmanagement und Öffentlichkeitsarbeit, um die Profilschärfung der Fanprojekte gegenüber der Fanarbeit der Vereine und um die spezifischen Bedingungen der Fanprojektarbeit und die Frage, in welchen Arbeitsfeldern nachhaltige Wirkungen erzielt werden. „Diese Diskussionen im Kreis der Kolleg_innen sind enorm wichtig, sowohl für die einzelnen Personen, als auch für Fanprojektteams“, sagt Marion Kowal von der KOS. „Im Arbeitsalltag bleibt nicht immer Zeit genug für diese Reflexionen. Umso wichtiger sind regelmäßige Veranstaltungen wie die BAG-Tagung.“

Auch die Grundsatzrede zur Arbeit der Fanprojekte, die Michael Gabriel hielt, widmete sich diesen Fragen. Der Leiter der KOS gab zunächst einem kurzen Rückblick auf die mittlerweile etablierte Arbeit der Fanprojekte und widmete sich dann den aktuellen Herausforderungen: „Für uns ergibt sich die Chance, wie auch die Verpflichtung, uns verstärkt der gesellschaftspolitischen Sphäre und damit unseren öffentlich-rechtlichen Partnern zuzuwenden“, so Gabriel. „Es gerät leicht in Vergessenheit, dass sich im Fußball eine ganze Menge Welt wiederfindet, wie es sinngemäß der große Frankfurter Dichter Ror Wolf beschrieben hat. Es ist auch der Auftrag der Fanprojekte, diese Welt, ihre Verfasstheit sowie ihre Anmaßungen für das Aufwachsen von jungen Menschen und für ein solidarisches Zusammenleben, zu reflektieren und dem Fußball, der Gesellschaft und auch den Fans nahe zu bringen.“ Das bedeute, so der KOS-Leiter, dass die Fanprojekte der wachsenden Tendenz zur Ausgrenzung und zum Ausschluss von sogenannten problematischen Jugendlichen und Gruppen ihren sozialintegrativen Ansatz entgegensetzen.

Neue BAG-Sprecher gewählt

Nicht zuletzt dient die BAG-Jahrestagung auch der Beschäftigung mit ebendiesem Gremium der Selbstorganisation der Fanprojekte. Die 1989 gegründete Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte versteht sich als Rahmen für einen fachlichen Austausch und als unabhängige Interessenvertretung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fanprojekte. Sie arbeitet gemeinsam mit den weiteren Partnern im Netzwerk wie DFB, DFL, KOS sowie politischen Institutionen an einer kontinuierlichen Professionalisierung der Fanarbeit. Die BAG ist in vier Regionalverbände gegliedert, um über die bundesweite Vernetzung hinaus auch bessere eine regionale Kommunikation zu ermöglichen. „Der Austausch mit der BAG und den Regionalverbänden ist auch für die KOS eine große Hilfe“, sagt Marion Kowal. „Wir nehmen an den regelmäßigen Regionaltreffen teil, soweit möglich, um dadurch einen noch besseren Einblick in die Arbeit und mögliche Probleme vor Ort zu bekommen.“

Nach außen wird die BAG durch zwei Sprecher_innen vertreten, die alle zwei Jahre gewählt werden. Auch bei der Tagung in Braunschweig standen Wahlen an, die neuen Sprecher sind Philip Krüger vom Fanprojekt Paderborn und Sven Graupner vom Fanprojekt Cottbus. Nach zehn Jahren in unterschiedlichen Funktionen trat ein echtes BAG-Urgestein nicht mehr zur Wahl an: Matthias Stein vom Fanprojekt Jena wird die überregionale Vertretung samt Argumentieren und Streiten zukünftig anderen überlassen. „Matthias hat die BAG und damit auch die Fanprojekte insgesamt in den vergangenen Jahren stark geprägt. Er war auch für die KOS immer ein wichtiger Ansprechpartner und wird es glücklicherweise in seiner Funktion als Leiter des Fanprojekts Jena auch bleiben“, sagt Volker Goll, von der KOS.

Die KOS bedankt sich nicht nur bei Matthias Stein für seine langjährige Arbeit innerhalb und außerhalb der BAG, sondern auch bei den Kolleginnen und Kollegen für die sehr gelungene Organisation und Durchführung der diesjährigen Tagung in Braunschweig.