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29.04.2015

„Kamener Gespräche“: Tagung von Fanprojekten und Fanbeauftragten

Was machen Fanprojekte genau, was Fanbeauftragte, warum braucht man beide, und wer ist für was zuständig? Das sind grob gefasst die Fragen, um die sich die Kamener Gespräche drehen. Die gemeinsame Tagung von Fanprojekten und Fanbeauftragten, die Mitte April stattfand, dient der besseren Vernetzung und der Klärung der jeweiligen Rollen und Arbeitsbereiche.

© 123comics

Die „zwei Säulen der Fanarbeit“ – das sind im deutschen Fußball schon fast geflügelte Worte. Was sich genau dahinter verbirgt, was Fanprojekte und Fanbeauftragte sind, was sie genau tun und worin sich ihre Arbeit genau unterscheidet, das ist jedoch nicht immer so klar. Die grundsätzliche Differenz ist allerdings einfach: Fanbeauftragte betreuen Fans und Zuschauer im Auftrag des Vereins, dessen Angestellte sie sind; Fanprojekte sind vereinsunabhängige Einrichtungen, die sozialpädagogische Arbeit mit (meist jugendlichen) Fans leisten. Beide Bereiche der Fanarbeit haben sich in den vergangenen Jahren beständig weiterentwickelt und insbesondere die lange vielfach ehrenamtlich geleistete Arbeit der Fanbeauftragten hat einen großen Professionalisierungsschub erfahren. So müssen die Mitgliedsvereine der DFL mindestens zwei bzw. in der zweiten Bundesliga mindestens einen hauptamtlichen Fanbeauftragten beschäftigen und sind laut Lizenzierungsordnung verpflichtet, „mit Vertretern seiner organisierten Fanszene einen offenen, regelmäßigen und verbindlichen Dialog zu etablieren“. Die Arbeit der Fanprojekte wiederum wird durch das im August 2012 aktualisierte Nationale Konzept Sport und Sicherheit geregelt.

Plattform für gemeinsame Diskussionen

So weit die Theorie, in der Praxis ist die Arbeit von Fanbeauftragten und Fanprojekten ebenso wie die Kooperation zwischen beiden oftmals von den Bedingungen an den jeweiligen Standorten, den einzelnen Fanszenen, Vereinen und sonstigen Akteuren abhängig. Um die Vernetzung und Zusammenarbeit zu fördern, Schwierigkeiten ebenso wie gemeinsame Aufgaben anzusprechen, finden regelmäßig die „Kamener Gespräche“ statt – am 15. und 16. April nun zum dritten Mal. Die Tagung wird gemeinsam von DFB, DFL und der KOS organisiert, in diesem Jahr nahmen knapp siebzig Mitarbeiter_innen aus beiden Bereichen teil. Auf dem Programm standen Workshops und Impulsreferate zu Themen, die den Arbeitsalltag beider Fanarbeitsbereiche betreffen, wie erfolgreiche Kommunikationsprozesse in Konfliktsituationen, Tipps für den Stressabbau und die Frage, wie langjährige Mitarbeiter_innen in diesem Bereich sich weiter für die Arbeit motivieren. „Die Kamener Gespräche sind die einzige bundesweite Plattform, wo es dezidiert um die Zusammenarbeit von Fanbeauftragten und Fanprojekten geht“, sagt der DFB-Fanbeauftragte Gerald von Gorrissen. „Die Rückmeldungen zeigen uns, dass gerade die gemeinsamen Diskussionen trotz mancher Kontroversen von beiden Seiten als sehr wertvoll erachtet werden.“

Auf dem Tagungsprogramm stand auch die Frage, wie Kooperation und Abgrenzung der Tätigkeitsbereiche von Fanprojekten und Fanbeauftragten zu regeln ist. Ein Kontraktmanagement, wie es der Vortrag von Professor Gunter A. Pilz skizzierte, kann helfen, eine Klarheit über Rollen und Verantwortungsbereiche festzuschreiben und so die jeweiligen Stärken beider Systeme konstruktiv für die Fankultur einbringen zu können. Diese theoretische Basis wurde durch praktische Erfahrungen vom Standort Leipzig ergänzt. Das Fanprojekt Leipzig und Ulrich Wolter, Geschäftsführer von RB Leipzig, stellten den Diskussionsprozess dar, der dort in einen Kontrakt münden wird, der die Zusammenarbeit, die Aufgabenbereiche und die Verantwortlichkeiten zwischen Fanprojekt und Fanarbeit des Vereins regelt. Die Diskussion wurde anschließend in moderierten Arbeitsgruppen vertiefend fortgeführt. Volker Goll, der für die KOS an den „Kamener Gesprächen“ teilnahm, sagt: „In den gemischten Arbeitsgruppen ist deutlich geworden, dass die Zusammenarbeit an den meisten Orten gut funktioniert und die Rollen gut verteilt sind. Wenn die Fanbetreuung stabil auf beiden Säulen steht, sorgt das nicht nur für ein produktives gemeinsames Arbeitsklima, sondern kommt auch insgesamt den Fans und aktiven Fangruppen zugute.“

Fanarbeit im Fokus

Um die Ressourcen der Fanarbeit optimal zu nutzen, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen, ist ein Wissen um die möglichen Schwierigkeiten hilfreich. So können Fanbeauftragte als Angestellte des Vereins immer wieder in der Vermittlung der Vereinspolitik oder konkreten Entscheidungen in Konfliktsituationen – wie beispielsweise ein Polizeieinsatz im Fanblock – an Grenzen stoßen. Die Fanprojekte als externe Institutionen wiederum fehlt mitunter der direkte Einfluss auf Vereinsentscheidungen, den sich Fans von ihnen vielleicht wünschen. In solchen Situationen ist zentral, nicht um bessere oder mehr Kontakte in die Fanszene oder zu Verantwortlichen zu wetteifern, sondern einander in der Arbeit zu ergänzen, zumal diese Arbeit unter einem wachsenden öffentlichen Druck stattfindet. „Gerade in Anbetracht der politischen und auch medialen Aufmerksamkeit, die dem Umgang mit Fußballfans geschenkt wird, kommt einer guten Zusammenarbeit von Fanbeauftragten und Fanprojekten zentrale Bedeutung zu“, sagt KOS-Leiter Michael Gabriel. „DFB, DFL und KOS stehen hier in der Verantwortung, den lokalen Akteuren gute Rahmenbedingungen zu gewährleisten. Die Kamener Gespräche sind da ein wichtiges Mosaiksteinchen.“

Eine Innovation gab es bei der Dokumentation der Tagung, die nicht wie üblich in Workshop-Protokollen, PowerPoints oder Fotos von Flipcharts erfolgte, sondern als „Graphic Recording“. Bei dieser Methode verwandeln Zeichner_innen das Gesagte in Bilder, die individuelle, auch emotionale, Anknüpfungspunkte an den Workshop ermöglich und damit eine spezielle Erinnerung an die Inhalte. Aber es soll nicht bei Zeichnungen bleiben, wie Thomas Schneider, Leiter der Abteilung Fanangelegenheiten bei der DFL, in seinem Fazit der diesjährigen „Kamener Gespräche“ sagt: „Das Herausarbeiten klarer und unterschiedlicher Profile wird uns in der kommenden Zeit gemeinsam beschäftigen, denn Fanarbeit kann heute selbstbewusst ihre Bedeutung für Präventionsarbeit bei Großveranstaltungen herausstellen. Um uns hier anzunähern werden wir als wichtigstes Ergebnis der ‚Kamener Gespräche‘ eine Arbeitsgruppe ins Leben rufen, besetzt aus beiden Berufsgruppen, die sich damit eingehender beschäftigt. Die Ergebnisse werden wir in einem nächsten Schritt zurückspiegeln in die Netzwerke, um zu einem zukunftsfähigen Gesamtkonzept mit unterschiedlichen Aufgaben und Wirkungsfeldern zu kommen.“