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02.07.2015

„Ein erster Schritt“ – Eine WM 2018 ohne Diskriminierung?

Die nächste Weltmeisterschaft wird in Russland stattfinden. Der Gastgeber steht auch wegen rassistischer Vorfälle in den Stadien unter kritischer Beobachtung. Eine international besetzte Veranstaltung in Moskau widmete sich jetzt dem Thema und bot internationalen Erfahrungsaustausch. Auch die KOS war mit dabei.

Viel ist zu lesen von der Weltmeisterschaft 2022 in Katar, den Menschenrechtsverletzungen und Gesetzen gegen Homosexualität und freie Meinungsäußerung in dem arabischen Staat. In den Diskussionen darüber, ob Katar die WM nicht doch noch entzogen werden könnte und sollte, scheint manchmal unterzugehen, dass bis dahin noch eine weitere Weltmeisterschaft ins Haus steht: 2018 in Russland. Auch dem Gastgeber des Turniers in drei Jahren schlägt Kritik wegen des Umgangs mit kritischen Journalist_innen, der Gesetzgebung zu sogenannter homosexueller Propaganda und nicht zuletzt der Außenpolitik Wladimir Putins entgegen. Auch der Fußball in Russland ist nicht ausgenommen – rassistische Vorfälle in den Stadien stehen zunehmend im Fokus.

Die Vereinten Nationen, oder genauer: das OHCHR, das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, nahm die Situation drei Jahre vor der WM zum Anlass, Anfang Juni gemeinsam mit dem russischen Fußballverband und dem russischen Sportministerium ein eintägiges Treffen von Fußball, Politik, NGOs und weiteren Expert_innen in Moskau zu organisieren. An der Konferenz  nahm mit Michael Gabriel von der KOS auch ein Vertreter der Fanprojektarbeit in Deutschland teil.

 

Nicht nur ein russisches Problem

Es war eine hochrangig besetzte Zusammenkunft – ein Zeichen dafür, dass WM-Gastgeber Russland erkannt hat, dass das Land dem Thema Rassismus einige Aufmerksamkeit widmen muss. An der Eröffnung der Veranstaltung nahm neben UN-Vertretern auch der russische Sportminister Vitaly Mutko teil, der Trainer des russischen Nationalteams, Fabio Capello, war ebenso vertreten wie Funktionäre des Verbandes und der russischen Außen- und Innenpolitik. „Dieses Problem kann nicht von einem Land allein gelöst werden“, erklärte der Sportminister in seiner Eröffnungsrede. „Wir sind bereit, von den gesammelten Erfahrungen zu lernen, internationale Beispiele sind daher sehr wichtig für uns.“

In verschiedenen Diskussionsrunden ging es dabei sowohl um eine Bestandsaufnahme als auch um mögliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung im Fußball. Vertreterinnen und Vertreter von russischen und internationalen NGOs und Initiativen lieferten hier Berichte, so gab eine Vertreterin des Forschungs- und Informationszentrums „Sova“ eine Einschätzung der aktuellen Situation im russischen Fußball. Deutlich wurde jedoch auch, dass das Bewusstsein für das Vorhandensein von Rassismus und Diskriminierung in den Stadien derzeit noch nicht überall angekommen ist. Umso wichtiger, dass bei dem eintägigen Meeting auch auf Erfahrungen aus anderen Ländern verwiesen werden konnte – etwa durch Vertreter und Kooperationspartner des Fare-Netzwerks, das sich seit vielen Jahren auch in Zusammenarbeit mit der UEFA gegen Diskriminierung im Fußball engagiert. Das Signal war klar: Diskriminierung ist kein exklusives Problem Russlands, das Ziel ist, bei allen politischen und kulturellen Differenzen voneinander und aus bereits vorhandenen Erfahrungen zu lernen.

Erfahrungen aus Europa

Zu der Veranstaltung waren auch Fanbeauftragte russischer Vereine geladen und mit der Gründung der „CSKA-Fans against racism“ ist bei einem der großen russischen Klubs mittlerweile auch zumindest eine Gegenbewegung öffentlich sichtbar. Daniela Wurbs, Geschäftsführerin des europaweiten Fannetzwerks „Football Supporters Europe“ stellte Beispiele für diskriminierende Vorfälle in europäischen Stadien – und wirkungsvolle Gegenaktionen – vor. Sie betonte zudem den hohen Organisationsgrad von Fans und ihre Bereitschaft, sich für Anliegen, die sie sich zu eigen machen, zu engagieren. „Diese Botschaft scheint mir angekommen zu sein, und das ist auch ein wichtiges Signal“, sagt KOS-Leiter Michael Gabriel. „Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Fans eingebunden werden müssen.“ Dabei, so Gabriel, ginge es im Fall des nächsten WM-Gastgebers nicht nur darum, die Fans auf einen Fußball ohne Diskriminierung einzuschwören, sondern die Fankultur als Ganzes zu betrachten und sich auch mit Anliegen wie den Rahmenbedingungen im Stadion und Eintrittspreisen zu beschäftigen: „Wir müssen einen ernstgemeinten Dialog etablieren, um auf diesem Wege auch langfristig ein Engagement gegen Diskriminierung fördern.“

KOS-Leiter Michael Gabriel präsentierte bei der Veranstaltung das Konzept der Fanbotschaften und die langjährigen Erfahrungen mit dieser Arbeit bei internationalen Turnieren. „Das Motto ‚Fans als Gäste willkommen heißen‘ hat sich inzwischen etabliert, und wir hoffen, dass sich dieses Prinzip auch für die WM 2018 durchsetzen wird.“ Der Vertreter der russischen Fanbotschaft und Fan von Zenit St. Petersburg, Sergey Podgainiy, nahm ebenfalls interessiert an der Veranstaltung teil. Die Erfahrungen aus bisherigen internationalen Turnieren konnten auch von weiteren Tagungsteilnehmern eingebracht werden wie Kurt Wachter von FairPlay in Wien und Rafal Pankowski von der Never Again Association in Warschau, die in die Antirassismusprogramme zur Euro 2008 und 2012 bzw. im Fall von FairPlay auch das Fanbotschaftsprogramm zum Turnier eingebunden waren.

Die FIFA war mit Federico Addiechi, dem Leiter der Abteilung Corporate Social Responsibility, vertreten. Dem Bereich der sozialen Verantwortung beim Weltverband gehört seit einigen Monaten auch der langjährige Fanaktivist und Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski an. Aus Sicht der FIFA machte Addiechi deutlich, dass der Verband dem Thema Rassismus im Vorfeld der WM starke Beachtung schenken werde. Weitere Veranstaltungen und Aktionen sind in den kommenden Monaten und Jahren also zu erwarten.

Ein kurzer Videospot mit einigen Impressionen der Veranstaltung.