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19.05.2014

Brasilien-Delegation in Deutschland

Nach der Rundreise einer Gruppe aus deutschen Fans und Fachkräften Anfang des Jahres in Brasilien war nun Zeit für den Gegenbesuch: Eine brasilianische Delegation aus Fanszene, Politik und Wissenschaft war in Deutschland unterwegs, um sich über Fanarbeit und ihre Voraussetzungen zu informieren.

Derby im Pott, Bootstour auf dem Rhein, Uni in Bielefeld, Fanarbeit in Augsburg, Filmfestival in Berlin – das sind nur einige Stichworte der Rundtour im Rahmen des deutsch-brasilianischen Studienaustauschs zu Fans und Fanprojekten. Die Reise zwischen dem 23. März und dem 4. April 2013 war der Rückbesuch nach dem Aufenthalt einer deutschen Delegation in Brasilien zu Beginn des Jahres. Das von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in das Leben gerufene Projekt soll Kontakte zwischen Fans beider Länder ebenso stärken wie zivilgesellschaftliches Engagement und einen fachlichen Austausch in Sachen Jugendarbeit fördern. Auch beim Rückspiel in Deutschland gab es viele positive Begegnungen und große Lerneffekte auf beiden Seiten.

Aus Brasilien reiste eine bunte Mischung von Fans verschiedener Vereine aus Rio, Sao Paulo und Fortaleza, WissenschaftlerInnen, VertreterInnen der städtischen Jugendarbeit sowie PolitikerInnen an. „Wir haben bei den brasilianischen Gästen gespürt, dass ein ganz konkretes Bedürfnis für Konzepte der Fanarbeit vorhanden ist, nicht nur bei den Fans, sondern auch in der Politik“, sagt KOS-Leiter Michael Gabriel, der die Delegation in Berlin zu einer von der KOS mitorganisierten Veranstaltung traf. Das starke politische Interesse ließ sich auch daran ablesen, dass mit Ângela Cristina Santos Guimarães, der stellvertretenden Leiterin des Nationalen Jugendsekretariat, eine hochrangige Verantwortliche mit nach Deutschland gereist war.

 Foto: Dina Klingmann, GIZ

Derby und Diskussionen

Das Programm war gut gefüllt und dank glücklicher Spielplanfügungen auch gut gefüllt mit Fußball. Angefangen vom Derby in Dortmund gegen den FC Schalke 04, das durch eine Stadtführung, Informationen zur Vereinsgeschichte und Fanhistorie und den Austausch mit dem Onlinefanzine schwatzgelb.de ergänzt wurde. Jeweils begleitet von Dortmunder Fans und Fanprojekt, die zumindest einem Teil der Delegation bereits aus Brasilien bekannt war. Auch in Düsseldorf standen Stadt und Stadion auf dem Programm sowie ein Besuch des Landtags, bei dem ein Treffen mit Dagmar Freitag, der Vorsitzenden des Sportausschusses des Bundestages, und der Jugend- und Sportministerin von Nordrhein-Westfalen Ute Schäfer stattfand. Das Fanprojekt hatte eine Podiumsdiskussion im Fanprojekt zum Thema „Fanpartizipation und Mitbestimmung“ organisiert, und vor allem ging es auch hier darum, miteinander zu reden, die jeweilige Fan-, Fußball- und übrige Kultur kennenzulernen und von den jeweiligen Erfahrungen und Erlebnissen zu lernen. Dass bei allen Unterschieden auch mehr Gemeinsamkeiten vorhanden sind als die Trikotfarbe Rot bei der Fortuna und der Torcida Dragões da Real die den Sao Paulo FC unterstützt, war schnell klar. 

Für den wissenschaftlichen Teil der Delegationsreise, insbesondere vertreten durch Rosana da Câmara Teixeira aus Rio und Felipe Tavares Paes Lopes aus São Paulo, ging es für einen Abstecher nach Bielefeld, um bei einem Symposium am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der dortigen Uni ihre Forschungsergebnisse zu Fans und Fankultur in Brasilien vorzustellen. Somit wurde über den Rahmen von Fans und Fanprojekten hinaus auch die Wissenschaft in den Studienaustausch eingebunden. Die Fragen nach politischen Protesten bei der Weltmeisterschaft stand hier als aktuell brennendes Thema im Fokus der Diskussionen.

Foto: Dina Klingmann, GIZ

Brasilien in Augsburg

Nach zwei Heimspielen – Dortmund gegen Schalke und der Partie Düsseldorf gegen Ingolstadt – bildete das Auswärtsspiel des FC Augsburg in Mainz den Übergang zum nächsten Reiseziel. Fanprojekt und Fans aus Augsburg begrüßten die Gäste aus Brasilien zu einem vollen Programm. Anna Hörmann vom Fanprojekt Augsburg sagt: „Leider war die Delegation nur eineinhalb Tage in Augsburg, aber für die kurze Zeit bin ich mit dem Programm und mit dem, was wir geschafft haben, zufrieden.“ Neben einer Stadtführung durch die von FCA-Fans ins Leben gerufenen Initiative „Augsburg Calling“, die auch anderen Gästefans an Spieltagen ihre Stadt präsentiert, stand in Augsburg die Vorstellung der Fanarbeit und die Begegnung mit den Fans im Mittelpunkt. Der Aufbau und die Organisation eines Fanprojekts war gerade am Beispiel des noch vergleichsweise jungen Standorts Augsburg für die BesucherInnen aus Brasilien konkret nachzuvollziehen.
In Augsburg wurden die Ziele, die Herausforderungen und Grenzen der Fanprojektarbeit in einem Vortrag am Beispiel des Augsburger Fanprojekts dargestellt. „Es gab viele interessierte Nachfragen, und einige haben mir gesagt, dass sie sich erst jetzt die alltägliche Arbeit in einem Fanprojekt vorstellen können“, so Anna Hörmann. In Augsburg war man auf den Besuch nicht nur die Teilnahme von Fans an der Brasilienreise sondern auch durch eine Veranstaltung Ende März bereits bestens vorbereitet. Hier hatte Thomas Fatheuer, Mitherausgeber des Sammelbands „Fußball in Brasilien. Widerstand und Utopie“  über das Land, den Fußball und die politischen Proteste berichtet. „Der Austausch innerhalb der Fanvertreter beider Länder war sehr intensiv, herzlich und von großem Interesse an der anderen Fanszene geprägt“, fasst Anna Hörmann zusammen. „Auf mich wirkte die Delegation unglaublich motiviert, interessiert und es hat richtig Spaß gemacht, sie hier zu haben.“
In Augsburg bleibt es im Übrigen noch etwas brasilianisch: Am 24. Mai 14 findet in Kooperation mit dem Streetsoccerprojekt „Viva Brasil“ der Young Caritas ein Streetsoccercup für Jugendliche statt. Mehr dazu hier.

Foto: Dina Klingmann, GIZ

„Redet mit uns, nicht über uns“

Zum Abschluss der Reise ging es für die brasilianische Delegation nach Berlin, wo zeitgleich das unter Beteiligung des Fanprojekts Berlin veranstaltete 11mm Filmfestival stattfand. Weitere Programmpunkt waren ein Besuch beim Fanprojekt Berlin samt Kennenlernen des Lernzentrums und Begegnungen zwischen den Fans sowie dem Verein Hertha BSC. Zudem stand in Berlin eine Veranstaltung der KOS auf dem Plan, bei der Michael Gabriel die Fanarbeit in Deutschland präsentierte. „Wir haben deutlich gemacht, dass unsere Arbeit nicht nur auf dem Vertrauen der Fans basiert, sondern auch auf die große Unterstützung eines Netzwerkes von Kommunen, Politik, Vereinen, Verbänden und Polizei zurückgreift. Das ist sicher eine wichtige Botschaft“, sagt Michael Gabriel. Eine weitere, die für die brasilianischen Gäste, insbesondere die PolitikerInnen wichtig war: Fans einzubinden und mit ihnen in einen Dialog zu treten, zahlt sich aus. Nicht zuletzt hat die Rundreise auch der brasilianischen Delegation genug Gelegenheit gegeben, unterschiedliche Menschen aus Fanszenen, Wissenschaft, Politik und Behörden zusammenzubringen.

Beim Abschlussworkshop in Berlin wurde dann auch gemeinsam festgehalten, die Themen Fanprojekte und Fanrechte auf politischer Ebene einzubringen. Zugleich soll die Vernetzung der Fangruppen untereinander gestärkt werden, wie es bereits in Rio de Janeiro mit dem Zusammenschluss von Torcidas Organizadas (FTORJ) der vier großen Klubs von Rio geschehen ist. Für eine auch von den deutschen Partnern in Fanprojekten, KOS und Wissenschaft gewünschte Fortsetzung des deutsch-brasilianischen Austauschs gibt es auch schon Pläne. „Mehrere Teilnehmer aus den beiden Delegationen stehen ohnehin schon seit der Brasilienreise in Kontakt, nicht zuletzt durch die sozialen Netzwerke“, sagt Dina Klingmann, die aufseiten der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit beide Reisegruppen begleitet hat. „Im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft veranstalten wir am 3. Juli in Kooperation mit dem brasilianischen Jugendsekretariat, dem Sportministerium, der KOS, sowie mit den am Austausch beteiligten Torcidas eine Fanmesse in Rio.“

Dass das Erlebte, Gesehene und Gehörte für die brasilianischen Fans auch in ihrem Fußballalltag ganz praktisch eine Rolle spielte, ließ sich schon bald nach der Reise erkennen: Ein Bericht von Michael Gabriel über die bundesweite Fandemonstration der deutschen Ultras, bei der die Forderung „Sprecht mit uns, nicht über uns“ aufgestellt wurde, hat den Weg in brasilianische Stadien gefunden. „Fale conosco não sobre nós“ forderten Fans vom São Paulo FC und von Ceará SC aus Fortaleza auf Schals und Spruchbändern.