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15.08.2014

Türkische Fans vereint. Erstes Fansymposium in Istanbul

Die türkischen Ligafans leiden unter einer repressiven Gesetzgebung und einer Anfang des Jahres eingeführten Fankarte. Die aktuelle Situation lieferte viel Stoff für Diskussionen beim ersten vereinsübergreifenden Fansymposium in Istanbul. Die KOS war vor Ort dabei.

Fans aus allen Landesteilen trafen beim ersten türkischen Fansymposium mit internationalen Gästen, Expert_innen und Vertretern des türkischen Sports zusammen. Die Veranstaltung fand am 2. und 3. August in Istanbul-Maltepe statt. Organisiert wurde die Konferenz von den Fangruppen „Taraftar Hakları erneği“ (THD) und „Taraf Der“ in Kooperation mit dem europäischen Fannetzwerk „Football Supporters Europe“ (FSE). Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Gemeinde Maltepe. Vertreter_innen von mehr als zwanzig Fangruppierungen aus dem ganzen Land sowie Sportanwälte, Wissenschaftler_innen und internationale Vertreter_innen von FSE nahmen daran teil. THD und Taraf Der sind unabhängige Fanrechteorganisationen aus Izmir bzw. Ankara und aktive FSE Partner.

Im Mittelpunkt der Diskussionen bei dem zweitägigen Event standen das türkische Gesetz 6222 und die sogenannte Fankarte „Passolig“. Das Gesetz 6222 wurde im März 2013 als „präventives Gesetz gegen Gewalt und Fehlverhalten” vom türkischen Parlament beschlossen. Auf Grundlage dieses Gesetzes führte der Türkische Fußballverband TFF Anfang des Jahres die Fankarte Passolig ein. Dabei handelt es sich um ein personalisiertes, elektronisches Ticket, zu dessen Kauf alle verpflichtet sind, die Spiele in Stadien der türkischen Profiliga besuchen wollen.

THD-Vertreter Burkal Efe Sakızlıoğlu griff dieses Thema gleich zu Beginn des Symposiums auf und beschrieb die Doppelmoral, die von vielen Fans bei der Umsetzung des Gesetzes 6222 wahrgenommen wird. Er verwies auf die vielen negativen Folgen der scheinbar oft willkürlichen Durchsetzung dieser Bestimmungen.

Gute und schlechte Vorbilder

Die internationalen FSE-Vertreter_innen Daniela Wurbs (FSE-Geschäftsführerin), Heidi Thaler (Koordinationsstelle Fanprojekte bei der dsj) und Garreth Cummins (Football Supporters’ Federation, FSF) aus England stellten Alternativen zu einer solchen Gesetzgebung vor und präsentierten Modelle aus anderen europäischen Ländern, die Fans bewusst und erfolgreich einbeziehen, statt sie durch neue Regelungen auszugrenzen. Autor and Blogger Kai Tippmann berichtete über die dramatischen Konsequenzen, die die Einführung einer ähnlichen Fankarte, die „Tessera del Tifoso”, auf den Italienischen Fußball hatte. Die Tessera gilt als Vorbild für die türkische Fankarte.

Rechtsexperten untermauerten die übergreifende Forderung nach einer Änderung des derzeitig in der Türkei herrschenden Systems zum Umgang mit Fans. Sie äußerten ernste Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit, der Verhältnismäßigkeit und der Verletzung der Privatsphäre, die mit der aktuellen Form der Passolig-Fankarte einhergehen. Taraf-Der-Anwalt Ertuğrul Cem Cihan berichtete über das laufende Gerichtsverfahren gegen Passolig, betonte aber auch, dass dies nicht die einzigen Möglichkeit sei, sich zu engagieren: „Es gibt so viele Fans, die Passolig ablehnen. All diese Fans sollten gemeinsam auf die Straße gehen, um dagegen zu demonstrieren.”

Die Argumente der Fans erhielten prominente Unterstützung: Beşiktaş-JK-Exekutivkomitee-Mitglied İbrahim Atınsay, Emir Güney (Leiter des Kadir-Has-Forschungszentrums für Sportstudien), Tuğrul Aksar (Fußballökonom) und Mert Yaşar (Mitglied des Türkischen Olympischen Komitees und Sport-Rechtsanwalt) waren bei der Veranstaltung ebenfalls anwesend. Ibrahim Altınsay sagte: „Vor der Globalisierung unseres Sports waren Fans und Fußballspieler eine Einheit. Nach der Globalisierung wurde Fußball zu einer Art Industrie gemacht. Umso wichtiger ist es, den Kern des Fan-Seins zu schützen, denn dieser ist immer noch von starken Gefühlen geleitet. Durch Passolig können persönliche Daten der Zuschauer gesammelt und bei Bedarf verwendet werden. Ohne die Zustimmung der betreffenden Person darf dies nicht geschehen!“

Im abschließenden Fanforum unterstrichen die teilnehmenden Fanvertreter_innen die Bedeutung einer nationalen Vernetzung und einer regelmäßigen Kommunikation zwischen den Fans. Solidarität solle in jedem Fall über lokalen Rivalitäten stehen. In einem nächsten Schritt sind regelmäßig Netzwerktreffen geplant, die in den kommenden Monaten in verschiedenen Städten in der Türkei stattfinden werden.